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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler bei der Ordensverleihung mit anschließendem Mittagessen aus Anlass des 80. Geburtstages von Maestro Kurt Masur

Bundespräsident Horst Köhler überreicht Kurt Masur den Orden, beide lachen Berlin, 20. September 2007 Foto: Liesa Johannssen, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Liesa Johannssen, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

"Da capo!" könnte man zu Beginn dieser Veranstaltung ausrufen. Ihr Geburtstag, lieber Herr Masur, und auch die damit verbundenen Ehrungen liegen nun schon einige Zeit zurück. Ich wollte es mir aber nicht nehmen lassen, Sie hier im Schloss Bellevue mit diesem kleinen Fest zu ehren, nicht nur als Musikliebhaber und Bewunderer Ihrer Kunst, sondern dezidiert als Bundespräsident. Es soll nämlich ein Ausdruck des Dankes sein für das, was Sie unserem Land geschenkt haben. Ich bin froh darüber, dass Sie heute mein Gast sind und dass Sie uns allen hier Gelegenheit geben, Ihren Geburtstag mit Ihnen noch einmal nachzufeiern.

Im Feuilleton der Zeitungen und in den Kulturprogrammen in Radio und Fernsehen sind Sie ausführlich und gebührend gewürdigt worden. Ich will nur einige besonders einprägsame Formulierungen zitieren:
- Kurt Masur - der berühmteste deutsche Dirigent,
- Kurt Masur - der Mann ohne Stock,
- Kurt Masur - der Held der Wiedervereinigung,
- Kurt Masur - Politiker wider Willen.

Es ist so viel über Sie, über die Stationen Ihres Lebens und über ihre musikalischen Erfolge und Verdienste berichtet worden, dass ich davon nicht in Einzelheiten zu erzählen brauche. Alle, die heute hier sind, kennen Sie, Maestro, vermutlich ohnehin viel besser als ich.

Als der große Musiker, der Sie sind, wissen Sie, was es heißt, aus einer gegebenen Partitur das Beste zu machen. Sie können die Noten selber nicht verändern, aber Sie können sie nach bestem Vermögen interpretieren. Das gilt manchmal auch für das Leben überhaupt: die Dinge zu nehmen, wie sie sind, und das Beste aus ihnen zu machen. Diese Fähigkeit haben Sie im Laufe Ihres Lebens immer wieder bewiesen. Ich denke zum Beispiel daran, dass Sie Ihre ursprünglichen Pläne, Pianist zu werden, nicht verwirklichen konnten - Ihre Hand spielte da sozusagen nicht mit - und so die Dirigentenlaufbahn eingeschlagen haben.

Diese Gabe ist Ihnen gewiss insbesondere zu DDR-Zeiten zugute gekommen. Denn die Bedingungen, unter denen Sie gearbeitet haben, waren doch andere, als sie es in einem freiheitlichen Staat gewesen wären. Sicher, Sie hatten als Dirigent von Weltruf auch in der DDR eine besondere Stellung. So hat Ihre Karriere Sie und das Leipziger Gewandhausorchester im wahrsten Sinne des Wortes rund um die Welt geführt.

Die DDR hat gewusst, was Sie an Ihnen hatte. Sie hat - und das in hohem Maße - von Ihnen profitiert: von Ihrem musikalischen Können, von Ihrer unablässigen Arbeit daran, das Leipziger Gewandhausorchester zu einem Orchester von Weltruf zu machen, und schließlich auch von Ihren internationalen Erfolgen mit diesem Orchester. Dass Leipzig in der Welt als eine erste Adresse des kulturellen Lebens berühmt blieb, ist auch Ihnen und Ihrer künstlerischen Arbeit zuzurechnen.

Lieber Kurt Masur, Sie sind nicht nur in den verschiedenen Tonsprachen und Epochen der Musik zu Hause. Sie sind auch Kosmopolit - und das mit Herz und Seele. Beweis dafür sind die Stationen Ihres künstlerischen Schaffens nach Ihrer Zeit als Gewandhausdirektor in aller Welt. Beweis dafür ist auch, dass Sie Ihr Herz nicht im sprichwörtlichen Heidelberg verloren haben, sondern in Tokio.

Kurt Masur, ein großer Künstler. Kurt Masur, ein Kosmopolit - beruflich und privat. Und Kurt Masur, ein Politiker.

Politiker waren Sie, Herr Masur, zwar nur kurz und wohl eher durch die Macht der Umstände als aus eigener Leidenschaft. Aber es war eine wichtige und für Deutschland und Europa schicksalhafte Zeit. Der Höhepunkt Ihres politischen Wirkens fällt in den Herbst 1989, als die Montagsdemonstrationen in Leipzig immer mächtiger wurden und die Staats- und Parteiführung immer nervöser wurde. Nicht wenige befürchteten damals, in der DDR könnte es zum Bürgerkrieg kommen. Dass es dazu nicht gekommen ist, ist auch Ihr Verdienst. Hier war nun eine Situation, für die es kein Textbuch und keine Partitur gab. Sie haben diesen historischen Moment mit Improvisationstalent, Zivilcourage und gesundem Menschenverstand gemeistert. Mit Ihrer Glaubwürdigkeit und Ihrer natürlichen Autorität haben Sie am 9. Oktober 1989 die Leipziger Bevölkerung zur Besonnenheit und die Staatsmacht zur Zurückhaltung - oder soll man sagen zur Vernunft - aufgerufen. Sie haben Ihr Haus, das Gewandhaus, für Diskussionen und Gespräche am Runden Tisch zur Verfügung gestellt.

Für eine gewisse Zeit waren Sie dann sogar als nächster Staatspräsident im Gespräch. Aber bevor es dazu hätte kommen können, war die DDR verschwunden. Sie sind Konzertmeister geblieben.

Für die musikalische Welt und das Publikum war das ein Glücksfall. Was wäre der Musikwelt entgangen, hätte man Sie nicht als Musikdirektor der New Yorker Philharmoniker, als Chefdirigent des London Philharmonic Orchestra oder als Musikdirektor des Orchestre National de France erleben können?

Noch einmal: Es ist mir eine Freude, Sie, Herr Masur, zu ehren. Und es ist mir ein Anliegen - wegen der großen Leistung, die Sie als Dirigent für das musikalische Leben in Deutschland und für den Ruf Deutschlands als Kulturnation in der Welt bis auf den heutigen Tag erbracht haben und erbringen. Sie haben sich um die deutsche Kultur und um unser Land verdient gemacht.

Neben dem Dirigenten Kurt Masur gibt es auch noch den Förderer Kurt Masur. So haben Sie die Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Stiftung ins Leben gerufen. Eine Stiftung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, das Mendelssohnhaus in Leipzig zu erhalten, die Gesamtausgabe der musikalischen Werke Felix Mendelssohn-Bartholdys herauszugeben und junge Künstler und Musikwissenschaftler zu unterstützen, die sich um die Pflege des Werkes von Mendelssohn besonders kümmern.

Sie engagieren sich auch für den Verein Beethoven-Haus in Bonn, der die Arbeit des Beethoven-Museums unterstützt. Das Museum beabsichtigt übrigens den Erwerb des Autographs der Diabelli-Variationen von Ludwig van Beethoven und Sie, lieber Herr Masur, tragen - so habe ich es mir sagen lassen - zur Finanzierung dieses Erwerbs mit einem Benefizkonzert bei.

Eine der schönsten Seiten meines Amtes besteht darin, dass ich offiziell und auf verschiedene Art und Weise Menschen, die es verdient haben, Danke sagen kann. Dazu gehört das heutige Zusammensein zu Ihren Ehren, lieber Herr Masur. Dazu gehört aber auch eine weitere Auszeichnung, die ich Ihnen zuteil werden lassen möchte: Ich verleihe Ihnen das Große Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Diese Auszeichnung ist Ausdruck unserer Hochachtung - einer Hochachtung, die wir einem Mann entgegenbringen, der sich um unser Land verdient gemacht hat und es bis heute tut. Danke, Kurt Masur!