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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler bei der Festveranstaltung von acatech

Bundespräsident Horst Köhler am Rednerpult Berlin, 16. Oktober 2007 Foto: Christian Thiel, BPA © Foto: Christian Thiel, BPA

"Sprachrohr der Technikwissenschaften"

Wir schreiben das Jahr 2017: Deutschland zählt mit seiner technologischen Innovationsfähigkeit zur Weltspitze. Herausragende Leistungen der Wissenschaft, Kreativität und die Umsetzungsstärke der Wirtschaft sorgen für nachhaltiges Wachstum und sichern den hohen Lebensstandard der Gesellschaft. In Kindergärten, Schulen, Lehrwerkstätten und Hochschulen wenden sich junge Menschen begeistert den Phänomenen der Natur und den Zusammenhängen der Technik zu; viele von ihnen bereiten sich darauf vor, als Naturwissenschaftler oder Ingenieurin selber zu forschen und zu entwickeln. Dank attraktiver Fortbildungen, gut gemachter Sendungen im Fernsehen und spannender Internet-Angebote, dank Science Centern und Wissenschaftssommern gibt es auch in der breiten Öffentlichkeit umfangreiches Wissen über Wissenschaft und Technik. In Politik und Gesellschaft werden technologiepolitische Zukunftsfragen kenntnisreich diskutiert und entschieden. Dabei werden die Chancen neuer Technologien beherzt ergriffen, ohne mögliche Risiken zu ignorieren. Ideenreichtum, Neugier und aufgeklärte Offenheit prägen Land und Leute.

So ähnlich könnte es in Deutschland in zehn Jahren aussehen, wenn Wirklichkeit wird, was acatech auf seiner website als Vision skizziert. acatech versteht sich als Sprachrohr der Technikwissenschaften in Deutschland. Im kommenden Jahr soll aus diesem Verbund die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften werden. Darauf freue ich mich, denn Politik, Wirtschaft und Gesellschaft brauchen eine starke, unabhängige Stimme der Technikwissenschaften, um gut beraten die Herausforderungen der Zukunft zu meistern.

Vor fünfzig Jahren - am 4. Oktober 1957 - schickte die Sowjetunion den ersten künstlichen Satelliten ins All. Der "Sputnik-Schock", der daraufhin den Westen erschütterte, steht bis heute für die Sorge, den Anschluss an die technische Entwicklung zu verlieren, zurückzufallen im Wettlauf um wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und damit politischen Einfluss. Was werden aus deutscher Perspektive die kleinen oder auch größeren Sputnik-Schocks der Zukunft sein? Amerikanische Firmen als Weltmarktführer im Bereich Umwelttechnik? Chinesische Autos mit modernster Hightech auf deutschen Autobahnen? Oder schon im Dezember die Ergebnisse der nächsten PISA-Studie, deren Schwerpunkt diesmal auf den naturwissenschaftlichen und technischen Kompetenzen der Schüler liegt?

Ich bin überzeugt: Nur reagieren reicht nicht. Wir müssen strategisch handeln, wenn es darum geht, unserem Land eine gute Zukunft zu sichern. Es gilt, das zu stärken, was bis heute den Erfolg Deutschlands ausmacht: der Ideenreichtum der Menschen in unserem Land, ihr Wille zu lernen und zu forschen, und die hohe Kunst unserer Ingenieure, für komplexe Probleme Lösungen zu finden. Dafür müssen wir die Voraussetzungen verbessern und das müssen wir kraftvoll und schnell tun, denn auch andere Länder sind dabei, sich mit Begeisterung und Dynamik in moderne Wissensgesellschaften zu verwandeln. Wir alle haben uns in der vergangenen Woche über die beiden Nobelpreise in Physik und Chemie für deutsche Wissenschaftler gefreut. Das sollte uns Ansporn sein: Wenn wir wollen, dass die Grundlagenforschung in Deutschland auch künftig zur Weltspitze gehört, und wenn uns daran liegt, die Erkenntnisse dieser Forschung für innovative und weltmarktfähige Anwendungen zu nutzen, müssen wir heute aktiv werden. Dazu gehört auch, dass wir entschlossener investieren: Die Ausgaben des privaten Sektors und der öffentlichen Hand für Forschung und Entwicklung liegen trotz der bereits erfolgten Steigerungen - vor allem seitens des Bundes - noch immer unter dem selbst gesteckten und mit unseren europäischen Partnern vereinbarten Drei-Prozent-Ziel. Nun höre ich gelegentlich insbesondere aus der Wirtschaft: Das Lissabon-Ziel ist gar nicht zu schaffen, weil wir eben nicht nur in Deutschland Forschungsabteilungen haben und weil uns hierzulande die Fachkräfte fehlen. Heißt das nun: Das Ziel stimmt nicht? Oder tun wir nicht genug dafür? Oder trifft vielleicht sogar beides zu? Die Debatte darüber müssen Politik, Wissenschaft und Wirtschaft führen, und als ein Forum dafür wünsche ich mir acatech. Nicht umsonst sitzen in den Gremien ja nicht nur hervorragende Technik- und Naturwissenschaftler, sondern auch einflussreiche Wirtschaftsvertreter. Übrigens: ich selber denke, drei Prozent Forschungs- und Entwicklungsinvestitionen sind eher zu wenig, um im internationalen Wettbewerb der Wissensgesellschaften um Erkenntnisfortschritt und Innovation nachhaltig die Nase vorn zu haben.

Ein weiteres wichtiges Thema nicht nur für acatech, sondern für unsere ganzes Land bleibt die Frage: Wie verbessern und verbreitern wir das Wissen über technologische Zusammenhänge und wie gewinnen wir ausreichend Nachwuchskräfte? Hier tickt nämlich eine Zeitbombe: Neueste OECD Studien zeigen: Schon heute gibt es bei uns in Deutschland mehr 55- 64Jährige mit einem mathematischen, natur- und ingenieurwissenschaftlichen Hochschulabschluss als 25-34Jährige. Auf 100 ältere Ingenieure kommen nur 90 frisch Graduierte - zum Vergleich: in 19 anderen OECD-Ländern liegt das Verhältnis bei 100 zu 190! Und wie viele von denjenigen, die in Deutschland erfolgreich eine Natur- oder Technikwissenschaft studieren, bleiben später dann auch im Lande? Wir wissen: Der Wettbewerb um die besten Köpfe ist längst ein globaler und die demographische Entwicklung heizt ihn zusätzlich an. Wohl dem Land, das selber für gut ausgebildeten, motivierten Nachwuchs sorgt. Auch deswegen brauchen wir dringend eine Qualitätsoffensive für die Lehre an unseren Hochschulen - dazu gehören mehr Hochschullehrer und eine bessere Ausstattung. Und der Maßstab für unsere Anstrengungen auf diesem Feld muss die internationale Spitze sein. Zusätzlich brauchen wir für die Studierenden intelligente Anreizsysteme wie spezielle Stipendien oder Mentorenprogramme für angehende Ingenieure und Naturwissenschaftler.

Und wir müssen früher ansetzen, wenn es darum geht, Interesse, ja Begeisterung für Naturwissenschaft und Technik zu entfachen. Ich finde es gut, dass die naturwissenschaftlich-technische Bildung zunehmend Bedeutung gewinnt im Kindergarten, in der Schule, aber auch jenseits davon: etwa in den Mitmachmuseen und Schülerlaboren. Gerade habe ich in Göttingen das XLAB besucht - eine Einrichtung, die jungen Menschen nach der Formel "Erfolg = Begeisterung x Anstrengung²" auf hohem Niveau selbstständiges Forschen und Experimentieren ermöglicht. Zugleich können sich Lehrerinnen und Lehrer dort weiterbilden. Auch das ist wichtig, denn in den so genannten MINT-Fächern zeichnet sich schon heute ein Mangel an qualifizierten Lehrern ab - damit aber wird die Chance vertan, durch ausreichenden und innovativen Unterricht mehr junge Menschen als bisher für ein naturwissenschaftlich-technisches Studium zu begeistern.

Ich bin gespannt darauf, welche Initiativen acatech für die Nachwuchsförderung entwickeln wird. Ich freue mich jedenfalls, dass acatech Partner der "Wissensfabrik" für Kinder ab dem Vorschulalter ist. Und ich bin froh, dass acatech beim "Deutschen Zukunftspreis" dabei ist. Mit diesem Preis für Technik und Innovation will ich nicht nur auf wissenschaftliche Spitzenleistungen hinweisen, sondern zugleich engagierte Forscher und Entwickler als Vorbilder vorstellen. Und Vorbilder brauchen wir - nicht nur, aber vor allem für die junge Generation.

Um für die Zukunft die richtigen Weichen zu stellen, müssen Politik und Gesellschaft wissen, worum es geht. Die aktuelle Diskussion um den Klimawandel und seine Folgen führt uns das beispielhaft vor Augen.

Viele der heute schon bestehenden oder bereits absehbaren Probleme sind durch den Menschen geschaffen worden. Also muss auch der Mensch sie lösen. Und wie, wenn nicht durch solide wissenschaftliche Forschung und innovative technische Ansätze, soll das gelingen? Wachstum, Wohlstand und Umweltverträglichkeit in Einklang zu bringen, das bedeutet, dass es nicht in erster Linie um ein Weiter, Stärker, Schneller gehen kann, sondern dass es gelingen muss, Ressourcen weitaus produktiver einzusetzen, stärker auf erneuerbare Energien zu setzen und schneller als bislang technisch anspruchsvolle Lösungen zu finden und in attraktive Produkte und Dienstleistungen umzusetzen.

Nicht alles, was technisch machbar ist, ist auch wünschenswert: Die Grenzen zu bestimmen, ist Aufgabe von Politik und Gesellschaft - nicht zuletzt dadurch, dass
Wahl-, Investitions- und Konsumentscheidungen getroffen werden müssen. Umgekehrt wird allerdings auch längst noch nicht alles, was technisch machbar und wünschenswert ist, umgesetzt - das gilt nicht nur für den Klimaschutz. Auch da erhoffe ich mir von acatech treibende Impulse, ein Vor- und vielleicht auch Querdenken für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist, dass Vertreter unterschiedlicher Disziplinen in den acatech-Projekten zusammenarbeiten und dass sich acatech auch den Geisteswissenschaften öffnet. Denn zum einen ist es gut, über die Richtung des technischen Fortschritts mit denjenigen zu diskutieren, zu deren "Kerngeschäft" die Frage nach dem Woher und dem guten Wohin gehört. Und zum anderen können die Geisteswissenschaften wichtige "Übersetzer- und Vermittlerdienste" leisten, wenn es darum geht, komplexe wissenschaftliche Erkenntnisse allgemeinverständlich aufzubereiten. Guter Wissenschaftsjournalismus zum Beispiel lebt davon, dass Naturwissenschaftler um die Wirkung von Texten wissen und Geisteswissenschaftler, die über Natur und Technik berichten, solide Kenntnisse in Physik, Chemie oder Biologie haben. Wie wichtig gegenseitiges Verständnis ist, zeigen uns immer wieder Studien über die Haltung der Deutschen zum technischen Fortschritt: einerseits ist die Mehrheit der Bundesbürger davon überzeugt, dass technischer Fortschritt das Leben besser und die Arbeit interessanter machen kann, gleichzeitig aber sind viele sehr skeptisch, ob die erwarteten positiven Effekte die Nachteile überwiegen.

Alles das zeigt, dass wir die fundierte, verantwortungsbewusste und engagierte Beratung von Gesellschaft und Politik durch die Wissenschaft brauchen. Wissenschaft kann umso besser beraten, je mehr sie auch internationale Entwicklungen in den Blick nimmt.

acatech soll die deutschen Technikwissenschaften auch in internationalen, vor allem in europäischen Zusammenschlüssen vertreten. Das ist eine wichtige Aufgabe: Gerade weil die deutschen Technikwissenschaften in der Welt einen so guten Ruf genießen, gerade weil sie in Feldern wie der CleanTech Schrittmacher sind, sollten sie über eine international einflussreiche, gemeinsame Stimme verfügen. Zugleich soll acatech ein Sensor sein für das, was sich in anderen Ländern in Wissenschaft und Technik tut. Wir brauchen acatech als kräftigen Weckrufer, wenn wir Gefahr laufen, technologische Entwicklungen zu verschlafen.

Große, anspruchsvolle Aufgaben liegen vor acatech als künftiger Deutscher Akademie der Technikwissenschaften. Ich wünsche Ihnen dafür Erfolg und die notwendige Unterstützung! Denn Ihr Erfolg ist unser Erfolg. Vielen Dank.