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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler anlässlich des 50. Jahrestages der "Aktion Gemeinsinn"

Bundespräsident Horst Köhler am Rednerpult Berlin, 17. Oktober 2007 Foto: Guido Bergmann, BPA © Foto: Guido Bergmann, BPA

"Mitmachen statt zugucken"

Sie werden Jonathan Hofinger vermutlich nicht kennen. Und wahrscheinlich haben Sie bisher genauso wenig von der "Nussaktion der Familie Hofinger" gehört. Als dieses Projekt vor wenigen Wochen im Rahmen des Wettbewerbs "Jugend hilft" prämiert wurde, begann Jonathan Hofinger seine Dankesrede mit den Worten: "Besonders danke ich den Nussbäumen".

Nun muss man wissen: Jonathan Hofinger ist zehn Jahre alt, und der ungewöhnliche Dank erklärt sich aus einem ganz bestimmten Projekt: Jonathan und seine drei Geschwister, die noch jünger sind als er, haben im letzten Herbst säckeweise Walnüsse gesammelt; sie dann gewaschen, getrocknet und anschließend verkauft. Den Erlös haben die Kinder der Stiftung "SOS Familie" der Ritaschwestern in Würzburg gespendet, um so Familien zu helfen, die in Not sind. Das ist eine sehr jugendliche Form von Gemeinsinn, aber - wie ich finde - eine besonders ermutigende.

Viel älter als die Geschwister Hofinger ist die "Aktion Gemeinsinn", deren 50. Geburtstag wir heute feiern. Ich gratuliere herzlich zu diesem stattlichen Jubiläum.

Schon in der Namenswahl machten die Gründer der Aktion Gemeinsinn deutlich, um was es ihnen ging - nämlich um nichts weniger als das Ganze. Sie wollten Gemeinschaft stiften und an die guten Kräfte appellieren, die in der Gesellschaft und in jedem einzelnen Menschen schlummern. All das steckt in dem Wort "Gemeinsinn", das übrigens seine erste literarische Konjunktur im frühen 19. Jahrhundert erlebte: in der Zeit der Freiheitskriege und später im Vormärz - also in einer Epoche, in der es galt, Deutschland zu erneuern und in der erste Versuche unternommen wurden, der Souveränität des Volkes zum Durchbruch zu verhelfen. Freiheit, Bürgertugend und Gemeinsinn - das war damals für viele der Schlüssel zu einer Erneuerung von Staat und Gesellschaft.

Der Appell an Bürgertugenden - das zieht sich wie ein roter Faden auch durch die 50-jährige Geschichte der Aktion Gemeinsinn: Von der ersten Kampagne im Jahr 1959, die unter dem Titel stand: "Zu Beginn des Advents...", und mit der dazu aufgerufen wurde, ausländische Studentinnen und Studenten zu Weihnachten aufzunehmen; bis hin zu mehreren Aktionen nach dem Fall der Mauer im Jahr 1989, als das gute Miteinander der Menschen in Ost und West zu dem Thema der Aktion Gemeinsinn wurde.

Mit dem Slogan "Schick Dein Kind länger auf bessere Schulen" warb die Aktion Gemeinsinn vor über vier Jahrzehnten für bessere Bildung. 1970 lenkte sie mit der provozierenden Frage "Ist das unser Problem?" die Aufmerksamkeit der Deutschen auf die hohe Kindersterblichkeit in Afrika. Diese Beispiele zeigen: Die "Aktion Gemeinsinn" war mit ihren Kampagnen stets aktuell, und oft sogar ihrer Zeit weit voraus.

Das galt zum Beispiel für das Jahr 1972. In diesem Jahr veröffentlichte der Club of Rome seine Studie über die "Grenzen des Wachstums", in der er zu einer nachhaltigen Wirtschaftspolitik und zur Schonung der natürlichen Ressourcen aufrief - und der Umweltschutz stand damals auch im Fokus der "Aktion Gemeinsinn". Sie hat schon sehr früh zu einem neuen Bewusstsein beigetragen. Heute weiß fast jeder - und immer mehr Menschen handeln nach dieser Erkenntnis -, dass Umweltschutz sehr viel mit eigenem Verhalten zu tun hat und die eigene Lebensweise ein wichtiger Baustein für mehr Nachhaltigkeit sein kann.

Dieses "bei sich selbst anfangen" gilt nicht nur für den schonenden Umgang mit unseren natürlichen Lebensgrundlagen, sondern beschreibt auch gut, was engagierte Bürgerinnen und Bürger auszeichnet: Sie handeln - und dieses handeln trägt dazu bei, dass unsere Gesellschaft lebendig und zukunftsfähig bleibt. Engagierte widersprechen auf ganz praktische Weise dem Eindruck, dass "man als einzelner doch nichts bewirken könne" - und gerade hier liegt das besonders Ermutigende der vier kleinen Hofingers mit ihrer Nussaktion.

Bürgersinn und Engagement lassen sich nicht verordnen. Sie erwachsen aus der Gesellschaft. Aber der Staat kann Unterstützung geben. Ich freue mich, dass die Bundesregierung dies mit der Novelle des Gemeinnützigkeitsrechts verbessert - und es muss ja nicht der letzte Schritt gewesen sein. Wir sollten dabei aber auch nicht übersehen, dass der Gesetzgeber nur den Rahmen setzt - das reiche, vielfältige Bild darin, das gestalten andere, nämlich Menschen wie Sie und 23 Millionen andere in unserem Land, denen ich heute danken möchte. Ich begrüße, dass es nun durch die höheren Freigrenzen auch steuerlich mehr Anreize gibt, zu spenden und zu stiften. Hand in Hand sollte damit aber gehen, dass die Akteure und Institutionen des gemeinnützigen Sektors für mehr Transparenz über die Verwendung ihrer steuerbegünstigten Zuwendungen sorgen.

Unser Gemeinwesen lebt davon, dass Menschen mehr tun als sie nur müssen. Von dem amerikanischen Jazz-Trompeter Louis Armstrong habe ich einmal den schönen Satz gelesen: "Tue nie etwas halb, sonst verlierst du mehr, als du je wieder einholen kannst." Ich glaube, dass diese Weisheit sich auf viele Bereiche unserer Gesellschaft und unseres Lebens übertragen lässt. Engagierte handeln nach dieser Maßgabe. Sie machen keine "halben Sachen", sondern sind mit ganzem Herzen dabei. Und es ist ein gutes Gefühl, Verantwortung für die Gemeinschaft zu übernehmen, mit Menschen zusammen zu sein, zu helfen, gebraucht zu werden. Da kommt viel zurück an Nähe, Wärme, Sinn. Das ist auch eine Motivation, Gutes zu tun, wie mir Gemeinsinnige immer wieder berichten.

Und sie äußern oft den Wunsch, dass in den Medien mehr über das berichtet wird, was sie erreichen, denn das stiften andere an, dem guten Beispiel zu folgen.

Menschen, die sich einsetzen für das Gemeinwohl, sind Vorbilder, und diese Gemeinsinnigen sind mit dem, was sie bewegen, die beste, weil glaubwürdigste Werbung für Engagement. Sie handeln ganz praktisch und machen Mut.

Gerade in Zeiten, wo mancher von uns fürchtet, in der Globalisierung seine Wurzeln zu verlieren, ist es wichtig, dass wir uns immer wieder unserer selbst vergewissern, dass wir uns fragen, was wir an uns und unserem Land eigentlich schätzen. Wo können wir Vorbild sein - im Kleinen wie im Großen? Was gibt uns Halt und Heimat? Viele Menschen finden diesen Halt, indem sie bewusst auch Verantwortung für andere übernehmen. Eine lebendige Bürgergesellschaft lebt vom Engagement für die Gemeinschaft, sie lebt vom Geben und nicht vom Nehmen, sie lebt von einer optimistischen und selbst bestimmten Haltung, und - eben - vom Gemeinsinn selbstbewusster Bürger.

Jeder von uns hat es in der Hand, jeden Tag etwas besser zu machen. "Mitmachen statt zugucken" - so lautet doch das Motto der Aktion Gemeinsinn. Handeln wir danach, wir alle!