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Laudatio von Bundespräsident Horst Köhler bei der Festveranstaltung anlässlich des achtzigsten Geburtstages von Günter Grass

Bundespräsident Horst Köhler am Rednerpult; dahinter auf blauem Hintergrund eine Zeichnung von Günter Grass - Hand mit Schreibfeder Lübeck, 27. Oktober 2007 Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

"Patriotisch um Deutschland ringen"

Meine Damen und Herren, lieber Günter Grass, es ist erst vier Wochen her, da haben Sie in Schloss Bellevue einige Ihrer Gedichte vorgetragen. Das war für meine Gäste und für mich ein beeindruckendes Erlebnis; es ist ja allgemein bekannt, dass Sie ein besonders guter Vorleser sind.

Sie lasen unter anderem aus Ihrem Gedicht "Mein Makel". Es beginnt so:

"Spät, sagen sie, zu spät.
Um Jahrzehnte verspätet.
Ich nicke: Ja, es dauerte,
bis ich Wörter fand
für das vernutzte Wort Scham."

Und am Ende heißt es:

"Nicht zu bemänteln
ist sanktioniertes Unrecht.
Nie zu spät wird, was war und ist,
beim Namen genannt.
Makel verpflichtet."

Diese Zeilen haben die anderen Gäste und mich an jenem Abend tief bewegt.

Wir wissen, wovon in diesem Gedicht die Rede ist. Als im letzten Jahr Ihre Autobiographie erschien, war es Ihr Bekenntnis, als Jugendlicher der Waffen-SS angehört zu haben, das die Gemüter, man muss schon sagen weltweit, bewegte. So riss dieses Buch noch einmal den Vorhang weit auf und gab den Blick frei auf eine Zeit, die nicht nur Sie, Herr Grass, sondern alle Ihre Altersgenossen tief geprägt, ja "gezeichnet" hat, wie Sie es einmal formuliert haben.

In fast jeder Biografie - aber im Leben von Künstlern ganz gewiss - prägen die Muster der Kindheit die Gestalt und die Erfahrungsmöglichkeiten des späteren Lebens. Bei Ihnen und Ihrer Generation fiel diese Zeit in den Krieg. Ihre Kindheit und Jugend wurden bestimmt vom Krieg, den niemand vergessen kann, von der Diktatur, von dem Menschheitsverbrechen, das kein Deutscher jemals vergessen darf. Sie selber, Herr Grass, zeigen "Beim Häuten der Zwiebel", wie fast alle Themen, Konstellationen und Figuren Ihrer Bücher durch die Erfahrungen Ihrer Kindheit und Jugend mitbestimmt sind.

In der Geschichte der Kunst und der Literatur nach dem Krieg haben Sie und die Angehörigen Ihrer Generation, die nach 1945 zu arbeiten und zu publizieren begannen, eine bedeutende, ja entscheidende Rolle gespielt. Beispielhaft steht dafür die Gruppe 47. Sie nahm von Anfang an vor allem die kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit auf.

Diese Künstlergeneration hatte immer mehr als nur die reine Kunst im Sinn. Ob das nun gut oder schlecht für die Kunst selbst war, mögen Kritiker und Kunsthistoriker beurteilen. Die Tatsache aber, dass die jungen Künstler nicht nur beobachteten, sondern sich einmischten in die gesellschaftlichen Diskussionen und Debatten, ja dass sie mithalfen, dass überhaupt so etwas wie eine kritische Öffentlichkeit entstand, diese Tatsache war am Ende gut für unser Land.

Die Schriftsteller und Künstler bildeten einen wichtigen Teil der kritischen Intelligenz - und so wurden sie in der Hauptsache wahrgenommen. Das bestimmte auch zu großen Teilen das oft sehr gespannte Verhältnis zwischen dem Staat und seinen Repräsentanten auf der einen und den Künstlern auf der anderen Seite. Aber ist das das ganze Bild?

In Ihrer Autobiographie, Herr Grass, kommt auffälligerweise ein Thema öfter vor. Sie betonen, dass Sie Danzig, Ihre Heimatstadt, mit eigenen Augen gesehen haben, als "sie noch heil mit allen Türmen und Giebeln stand." An einer anderen Stelle heißt es fast wortgleich: "als die Stadt noch mit allen Türmen und Giebeln wie auf Postkarten aus-sah".

Aus diesem so kurzen und wiederholten Satz spricht, wenn ich es richtig sehe, eine tiefe Trauer über das Verlorene und Zerstörte. In Ihrem Roman "Die Rättin" fängt ein Gedicht so an:

"Es war einmal ein Land, das hieß Deutsch.
Schön war es, gehügelt und flach
Und wusste nicht, wohin mit sich.
Da machte es einen Krieg, weil es überall
Auf der Welt sein wollte und wurde klein davon ..."

Die Literatur, die sich mit den Ursachen und Schuldigen an der Zerstörung auseinandersetzte - war sie nicht auch immer schon ein Versuch, das Verlorene und schmerzlich Vermisste zu retten und zu bewahren? Und sind nicht auch große Teile Ihrer Arbeit, Herr Grass, so zu deuten? Ihre Literatur stünde in dieser Hinsicht nicht allein.

Bei dem Satz von den Türmen und Giebeln der Stadt Danzig kam mir zum Beispiel auch mein Besuch bei Walter Kempowski in den Sinn. Er hatte sich in seinem Haus in Nartum seine Heimatstadt Rostock mit ihren Türmen und Giebeln maßstabsgetreu nachgebaut - seine Heimat, die nicht nur der Krieg zerstört hatte, sondern die für ihn wegen der kommunistischen Diktatur auch unzugänglich geworden war. Auch seine Literatur - von der "Deutschen Chronik" bis zum "Echolot" - ist Rettung des Verlorenen.

Und sind nicht die "Jahrestage" Uwe Johnsons ebenfalls ein solcher Rettungsversuch? Hört, sieht und schmeckt man nicht das alte Mecklenburg in seinen Büchern? Und scheint nicht bei Heinrich Böll auch noch in seinen bittersten Arbeiten die Trauer um das für immer zerstörte Köln durch?

Sie alle - und man kann auch noch Alexander Kluge nennen mit seinem Abgesang auf das bombardierte Halberstadt und seiner "Chronik der Gefühle" oder Christa Wolfs "Kindheitsmuster" oder Martin Walsers "Springenden Brunnen" oder eben die kaschubischen Wurzeln bei Ihnen, Günter Grass - Sie alle sind ja nicht nur Künstler, die unsere Geschichte und unsere Gesellschaft nach 1945 kritisch begleitet und ihr künstlerische Gestalt gegeben haben. Sie sind ja auch aufgebrochen zur "Verteidigung der Kindheit" - ein Titel Walsers - und damit zur künstlerischen Bewahrung einer verlorenen Heimat und ihrer zerstörten Städte und Landschaften, zur Bewahrung eines Deutschlands, das es so nicht mehr gibt.

Selbst beim nun wirklich kosmopolitischen und so ganz unsentimentalen Hans Magnus Enzensberger gibt es das Gedicht "Alte Heimat", das eine Rückkehr an den Ort der Kindheit und Jugend beschreibt und das mit den Sätzen schließt:

"Fast hätt es dir die Kehle zugeschnürt
Sehr alte taube Stunden kehren wieder
Du fröstelst und du lachst. Du bist gerührt.
Am Gartenzaun blüht immer noch der Flieder."

Keine Angst, ich möchte die Gründungskinder der deutschen Nachkriegsliteratur nicht sämtlich zu Heimatschriftstellern erklären. Auch ist Literaturgeschichtsschreibung nicht meines Amtes. Kann es aber nicht sein, dass sich in dieser Literatur auch eine Beziehung zur Heimat zeigt, die viel stärker ist als oft beobachtet und vielleicht von den Autoren selbst bemerkt? Gerade durch Ihre kritische Arbeit, gerade durch Ihre oft schmerzliche und schonungslose Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist das Wort Heimat ja wieder ein benutzbares Wort geworden - und auch ein literarisches Motiv, nicht minder wichtig als die Gesellschaftskritik und das politische Engagement. Und könnte nicht die Trauer über das Verlorene mindestens ebenso stark wie die Wut und die Scham für Verbrechen und Schuld die kritische Haltung der Schriftsteller und Künstler zur jeweiligen Gegenwart beeinflusst haben?

"Ich bin ausgesprochener Patriot", sagten Sie, lieber Herr Grass, im vergangenen Jahr, und wirklich: Sie sind immer in Tuchfühlung geblieben mit Ihrem Land. Sie haben es sich immer schwer gemacht mit Ihrem Land, haben gehadert, waren enttäuscht. Gerade in Ihrem Ringen um Deutschland sehe ich auch Ihren Patriotismus.

Manchmal wird heute erst deutlich, was alles durch das Dritte Reich und den Krieg verloren und zerstört wurde - und wie groß und nicht kompensierbar der Verlust ist. In einem Ihrer Gedichte, Herr Grass, heißt es:

"... hingestreut liegt Berlin.
Staub fliegt auf, dann wieder Flaute.
Die große Trümmerfrau wird heiliggesprochen."

Wahrscheinlich sahen Sie und Ihre Generation sich quasi als kulturelle Trümmerfrauen und -männer, die aufräumen und etwas Neues aufbauen wollten. Dabei konnte und wollte man nach dem Kriege an vieles nicht mehr anknüpfen. Um im Bild zu bleiben: viele alte Steine waren nicht mehr brauchbar; es musste in vieler Hinsicht ganz neu begonnen werden. Sie schreiben: "Weil alles Vergangene entwertet, also nicht mehr der Rede wert war, blickte jedermann, wenn auch nicht ohne Anstrengung, tapfer nach vorn".

Das galt erst recht für Sie, Herr Grass - und man kann es "Beim Häuten der Zwiebel" nachlesen, mit welchem Hunger nach Neuem, mit welchem Hunger nach Kunst und mit welchem Willen zum Gestalten Sie und Ihre Generation begonnen haben.

Sie probierten neue Formen und Stile, neue Schreibweisen und neue Formen literarischer Auseinandersetzung mit Geschichte und Gegenwart - und dann kam die "Blechtrommel": Ein Paukenschlag - wenn man es mit einem verwandten Instrument ausdrücken darf, ein Skandal, eine Sensation, ein unerhörtes Buch.

Sie werden es nicht verhindern können, wenn Sie ausgerechnet darauf immer wieder angesprochen werden, trotz all der anderen Bücher, die Sie seither geschrieben haben. Die Blechtrommel - das war ein Romandebüt, wie man es selten gesehen hatte, und sie wurde schließlich ein Welterfolg. Der kleine Oskar Matzerath, der nicht erwachsen werden wollte und gerade auf diese Weise seine Mitmenschen und seine Umwelt beherrschte - er hat es schließlich in der Verfilmung von Volker Schlöndorff sogar zum großen Oscar gebracht. Seit dem Erscheinen der Blechtrommel ist Günter Grass die Symbolfigur der deutschen Literatur - im eigenen Land und in der ganzen Welt.

Seitdem ist Günter Grass einfach präsent, er ist sozusagen immer da. Er wird gefragt und er antwortet, er mischt sich ein und macht Wahlkampf, er mahnt und warnt, er schimpft und lobt, er begeistert und nervt, er teilt aus und kriegt heftige Schläge zurück.

Herr Grass, Sie werden nicht erwarten, dass ich alles lobe, was Sie in den vergangenen Jahrzehnten gesagt und erklärt haben - vor allem auf politischem Gebiet. Sie haben - wie wir alle - ein Recht auf Irrtum und Sie haben es gelegentlich in Anspruch genommen.

Was ich aber lobe, das ist die Tatsache, dass Sie es immer erreicht haben, dass über Bücher diskutiert wird, dass Literatur und literarisches Leben eine wichtige gesellschaftliche Rolle spielen. Und gut finde ich auch, dass Sie sich immer wieder für verfolgte Schriftsteller-Kollegen einsetzen.

In der ganzen Welt verkörpern Sie die deutsche Literatur der Gegenwart. Sie sind - ohne gewählt und gefragt worden zu sein, denn in der Kunst geht es bekanntlich undemokratisch zu - zu einem Repräsentanten geworden, ganz wie der Lübecker Nobelpreisträger Thomas Mann. Zu einem Repräsentanten deutscher Literatur, deutscher Kultur, ja in gewisser Weise Deutschlands. Ihre große Literatur und Ihr gesellschaftlich-politisches Engagement haben Sie zu einem Botschafter dieses Landes gemacht - eines Landes, dem man langsam wieder zu vertrauen anfing, auch weil es engagierte Künstler wie Sie hier gab und gibt.

Ich selbst habe in meiner Zeit im Ausland oft erlebt, wie wichtig und wie wertvoll Ihre künstlerische Existenz und Ihr Schreiben für das Bild Deutschlands in der Welt sind - und von welch großer Bedeutung Ihre Person und Ihr Werk besonders für das Verhältnis zwischen Polen und Deutschen ist. Hier haben Sie unendlich viel Vertrauen erworben - nicht nur für sich selbst, sondern auch für unser ganzes Land. Ihnen gebührt Dank dafür.

Dass Sie mehr sind als "nur" ein Schriftsteller, dass Sie ein bildender Künstler von großartigem Können sind, dass Sie sich um den Nachwuchs genau so kümmern, wie Sie das Erbe Ihrer Lehrer, wie Sie sie nennen, pflegen - Alfred Döblin, Otto Pankok - dass Sie sich in vorbildlicher Weise mit Ihren Übersetzern treffen und auch für kleinste Anliegen ansprechbar sind - all das müsste noch weiter ausgeführt und ausführlich gelobt werden. Aber darüber können andere gewiss besser sprechen.

Als Sie 1999 den Nobelpreis für Literatur bekamen, da waren auch diejenigen ein bisschen stolz auf Sie, die vielleicht nicht alles mögen, was Sie schreiben und sagen. Es war ein großer Augenblick für die deutsche Literatur und für unser Land - und eine vollkommen verdiente Ehre.

Sie haben mitgearbeitet und mitgeschrieben und mitgezeichnet am kulturellen Gesicht unseres Landes, das viele Narben und Verletzungen trägt, das aber auch freundlich sein und lachen kann. Wegen dieser großen Verdienste Ihres nun achtzigjährigen Lebens war es mir als Bundespräsident eine Selbstverständlichkeit, heute hierher nach Lübeck zu kommen. Und eine Freude auch.

Ich wünsche Ihnen von Herzen alles Gute zum Geburtstag. Ad multos annos. Ich danke Ihnen.

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