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Begrüßungsworte von Bundespräsident Horst Köhler bei der Podiumsdiskussion "Wider die Diktatur"

Bundespräsident Horst Köhler am Rednerpult Berlin, 30. Oktober 2007 Foto: Christian Thiel, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Christian Thiel, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

"Vorbilder an Freiheitsliebe und Zivilcourage"

Die heutige Podiumsdiskussion ist die dritte in einer Gesprächsreihe über staatliches Unrecht in der DDR und den Widerstand dagegen. Ich habe diese Gesprächsreihe gemeinsam mit der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur ins Leben gerufen, damit Schülerinnen und Schüler, die ja die DDR nicht erlebt haben, mit Zeitzeugen von damals sprechen können.

Ich finde dieses Gespräch zwischen den Generationen aus zwei Gründen sehr wichtig: Erstens sind Zeitzeugenberichte oft anschaulicher und auch spannender als das, was in den Geschichtsbüchern manchmal steht, und außerdem kann man nachfragen und das Gehörte im Gespräch vertiefen. Zweitens haben die Menschen, die damals aus politischen Gründen verfolgt wurden und die sich gegen die Unterdrücker gewehrt haben, Anspruch darauf, dass wir ihnen zuhören. Zuhören ist nicht nur eine wichtige Voraussetzung für eine sachliche Debatte, Zuhören ist auch eine wichtige Form von Anteilnahme und Anerkennung. Die Verfolgten und Gegner des SED-Regimes haben beides verdient, ja mehr noch: Viele von ihnen sind Vorbilder an Freiheitsliebe und Zivilcourage, Vorbilder, auf die Deutschland stolz sein kann.

Beim heutigen Gespräch soll es um die Gründungsphase der DDR gehen, um die Jahre zwischen dem Kriegsende 1945 und dem Volksaufstand in der DDR am 17. Juni 1953. Über diesen Jahren steht wie ein düsteres Motto ein Zitat von Walter Ulbricht. Er hat ab dem Frühjahr 1945 in Ostdeutschland die Kommunistische Partei wieder aufgebaut und dann die Zwangsvereinigung der KPD mit der SPD zur SED durchgeführt. Er hat für das alles gleich zu Anfang das Kommando ausgegeben: "Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben."

Anfangs glaubten wirklich viele Menschen, es könnte in der Sowjetischen Besatzungszone und dann in der DDR einen demokratischen Neuaufbau in Freiheit geben. Dafür haben sie sich nach Kräften angestrengt. Aber schnell wurde klar: Gleich nach der Beseitigung der Naziherrschaft wurde eine zweite Diktatur auf deutschem Boden errichtet, diesmal unter kommunistischem Vorzeichen. Schon wer den Kommunisten bloß politisch verdächtig erschien, wurde eingesperrt, und wer gewaltlos politischen Widerstand leistete, musste mit langen Haftstrafen rechnen und in den ersten Jahren sogar mit der Todesstrafe. Der Student Hans Belter zum Beispiel, der 1950 an der Universität Leipzig Flugblätter gegen die Unterdrückung verteilt hat, wurde nur deswegen hingerichtet.

Viele Menschen gaben dem politischen Druck notgedrungen nach und passten sich an. Andere entzogen sich der SED-Herrschaft durch Flucht in den Westen. Nicht wenige aber haben sich den Machthabern entgegengestellt. Schüler malten Plakate und klebten sie nachts an die Mauern; Lehrlinge und Studenten druckten regierungskritische Flugblätter; und viele Mitglieder der nur aus kosmetischen Gründen zugelassenen nichtkommunistischen Parteien erhoben ihre Stimmen gegen die Gleichschaltung mit der KPD und mit deren Nachfolgeorganisation SED.

Vielen von diesen Mutigen geschah das gleiche: Sie wurden verhaftet und eingesperrt, oft für viele Jahre und unter Bedingungen, die meist menschenunwürdig waren. Ungezählte Menschen - Gefangene, aber auch ihre Familienangehörigen - sind daran zerbrochen. Im besten Fall wurden die Häftlinge irgendwann freigelassen und in Ruhe gelassen oder von der Bundesrepublik Deutschland freigekauft. Immer hatten sie Jahre ihres Lebens verloren. Es gibt keine genauen Zahlen, wie viele Menschen politisch verfolgt wurden. Experten schätzen: Bis zu 250.000 Menschen haben in der SBZ und in der DDR im Gefängnis gesessen, nur weil sie anderer Meinung waren als die Machthaber.

Vier von denen, die damals Widerstand geleistet haben, sind heute bei uns und stehen uns für ein Gespräch zur Verfügung. Sie können und werden uns erzählen, wie sie die Anfänge der DDR erlebt und warum sie politisch Widerstand geleistet haben und was mit ihnen geschah, als ihr Widerstand entdeckt wurde. Herr Ammer, Herr Professor Bartsch, Herr Schlierf, Herr Assmann: Ich bin dankbar für ihre Bereitschaft, darüber zu sprechen, und gespannt darauf. Zugleich hoffe ich, dass dann auch ein angeregtes Gespräch zwischen den Podiumsteilnehmern und unseren jugendlichen Gästen in Gang kommt. Und dazu sind Sie alle aufgerufen.

Zunächst bitte ich aber noch Herrn Eppelmann, zu uns zu sprechen. Er ist selber einer von denen, die in der DDR Widerstand geleistet haben, und er hat sich als Vorsitzender der Stiftung Aufarbeitung intensiv auch mit dem Zeitraum zwischen Kriegsende und Volksaufstand beschäftigt, um den es heute vor allem geht. Herr Eppelmann, ich bitte Sie, das Wort zu übernehmen.