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Tischrede von Bundespräsident Horst Köhler beim Mittagessen, gegeben von S.E. dem Premierminister der Republik Malta, Herrn Dr. Lawrence Gonzi, in Valletta

Bundespräsident Horst Köhler blickt vom Ufer auf die Stadt Valletta, Malta, 17. November 2007 Foto: Sandra Steins, BPA. © Foto: Sandra Steins, BPA.

Was haben der Rhein und das Rheinland mit Malta gemeinsam? Auf den ersten Blick eigentlich nicht viel. Der Rhein ist ein Fluss, der sechs europäische Länder verbindet und in die Nordsee fließt. Malta ist eine Insel, auf der es kaum Flüsse gibt und die im Mittelmeer liegt. Aber die Gemeinsamkeit, auf die ich hinaus will, finden wir nicht auf der Landkarte, sondern in der Mentalität, in den Köpfen und Herzen der Menschen: Über den Rhein hat der deutsche Schriftsteller Carl Zuckmayer einmal geschrieben, dass dieser Fluss "die Kelter Europas" sei; eine "große Völkermühle", in der sich im Lauf der Jahrhunderte unterschiedliche Kulturen gegenseitig befruchtet haben. Der Rhein als Begegnungsort - dieses literarische Bild trifft auch auf Malta zu. Hier, auf dieser Insel zwischen Europa und Afrika, zwischen Orient und Okzident, haben Phönizier, Griechen und Römer; Sarazenen, Normannen, auch Kreuzfahrer, ihre Spuren hinterlassen. Diese Geschichte mit allen ihren Wechselfällen hat dazu beigetragen, dass Malta schon seit langem von einem Klima der Offenheit und Weltläufigkeit geprägt ist. Offenheit und Weltläufigkeit - das sind heute wichtige Erfolgsfaktoren in einer zunehmend vernetzten und interdependenten Welt. Und manches größere Land beneidet Sie darum.

Nicht zuletzt dank dieser Eigenschaften ist Malta heute ein wichtiger Brückenpfeiler für den Technologietransfer zwischen Europa und Afrika. Mit der Initiative EuroMediTi ist Malta in jüngster Zeit zu einem Experimentierfeld für neue Technologien geworden, die in klimatisch ähnlichen Ländern des Mittelmeerraums zum Einsatz kommen können. Darüber freue ich mich ebenso wie über die Tatsache, dass an dieser Initiative auch deutsche Partner beteiligt sind. Der Bau des Technologiezentrums "Smart City", das mehr als 5000 hoch qualifizierte Arbeitsplätze bieten wird, ist ein weiterer Beleg dafür, dass Malta für seine künftige Entwicklung auf Innovation setzt.

Die Größe eines Landes sagt wenig über die Lebensbedingungen seiner Bürgerinnen und Bürger aus. Auf der einen Seite stehen kleinere Länder vor besonderen Herausforderungen, beispielsweise müssen sie sich Gehör verschaffen im Konzert der Größeren. Manchmal fehlt es auch an notwendiger Größe zum Beispiel für eine nachhaltige Energieversorgung oder für die Entwicklung effizienter Transportsysteme. Auf der anderen Seite zeigen gerade kleine Länder häufig, dass sie besonders flexibel auf Veränderungen aus der Globalisierung reagieren, da ihre Entscheidungswege kürzer sind und sie traditionell weltoffener sind als größere Staaten, die diese Haltung erst langsamer lernen. So ist es in meinen Augen kein Zufall, dass Malta beispielsweise in dem von der Weltbank initiierten Forum kleiner Staaten eine wichtige Rolle spielt.

Und es ist auch kein Zufall, dass kleinere Länder wie Malta von der Globalisierung und Öffnung nationaler Märkte besonders stark profitieren können. Verkehr und Telekommunikation haben Entfernungen zumindest ökonomisch betrachtet kleiner werden lassen. Singapur, das frühere Hongkong und Luxemburg haben sich zu Drehscheiben für den globalen Austausch entwickelt. Auch die in Malta ansässigen deutschen Unternehmen produzieren in erster Linie für den Weltmarkt. Sie nutzen dabei die günstige Lage dieser Insel im Mittelmeerraum.

Als Handelspartner freuen wir uns mit Ihnen über die wirtschaftliche Entwicklung Maltas. Und als Ihre Gäste staunen wir über die großen kulturellen Schätze, die Ihr Land bietet und die ein Spiegelbild der verschiedenen Völker sind, in deren Einflussbereich die Insel im Lauf der Jahrhunderte stand.

Die Malteser sind zu Recht stolz auf dieses reiche kulturelle Erbe und pflegen es mit viel Sachverstand und Hingabe. Die Aufnahme Ihrer Hauptstadt Valletta und der alten Hauptstadt Mdina in die UNESCO-Welterbeliste ist die verdiente Anerkennung dafür. Meine Frau und ich freuen uns auf den Besuch dort heute Nachmittag. Rund 200.000 deutsche Touristen - darunter über 70.000 Kreuzfahrtteilnehmer, die hier "vor Anker gehen" -, sind ein Beleg für die Attraktivität Ihres Landes, die nicht zuletzt auch auf die herzliche Gastfreundschaft der Malteserinnen und Malteser zurückzuführen ist. Ich gratuliere an dieser Stelle ganz herzlich der Gemeinde Nadur auf Gozo, die im zum ersten Mal ausgeschriebenen Tourismuspreis European Destinations of ExcelleNce (EDEN) auf Anhieb einen Preis gewonnen hat.

Zur Anziehungskraft Maltas trägt auch die einzigartige Artenvielfalt bei, speziell im Frühjahr und Herbst, wenn Millionen Zugvögel, darunter seltene geschützte Arten, die Insel als Rastplatz ansteuern. Ich weiß, dass es Malta nicht leicht gefallen ist, im Zuge des Beitritts zur Europäischen Union die Regeln zu ihrem Schutz zu akzeptieren. Umso mehr freue ich mich, dass es in diesem Bereich inzwischen eine Zusammenarbeit der Naturschutzverbände unserer beiden Länder gibt.

Wir alle wissen, dass die Rolle Maltas als Drehscheibe für den Austausch im Mittelmeerraum auch schwierige Fragen aufwirft. Viele Menschen in Afrika leben in tiefster Armut. Sie verlassen ihre Heimat, um in Europa ihr Glück zu suchen. Viele Afrikaner, die mit kleinen Booten die gefährliche Überfahrt über das Meer wagen, stranden buchstäblich in Malta.

Unser gemeinsames Ziel muss es sein, die Ursachen dieser Armutsmigration zu bekämpfen. Es geht um eine gerechte Gestaltung der Globalisierung. Dazu müssen auch wir Europäer schon allein aus Eigeninteresse beitragen - durch den Abbau von Doppelstandards; durch eine gerechtere Welthandelsordnung, die es den Ländern Afrikas beispielsweise erlaubt, ein verarbeitendes Gewerbe aufzubauen, damit sie auch selbst von ihrem Rohstoffreichtum profitieren können.

Jahrzehntelang wurde Entwicklungshilfe hauptsächlich als Instrument der Exportförderung betrachtet. Die Frage nach dem Nutzen für die Empfängerländer wurde teilweise vernachlässigt. Um nachhaltig erfolgreich zu sein, müssen wir uns Vertrauen erwerben. Vertrauen wird man uns aber nur entgegenbringen, wenn wir gemeinsame Interessen fördern, fair sind und aufzeigen, dass wir den Erfolg der anderen auch wollen. Ein maltesisches Sprichwort trifft den Kern: "Es ist besser, auf dem Markt einen Freund zu haben, als 100 Scudos im Geldschrank." Ich finde, dass Europa sein Verhältnis zu den ärmeren Ländern auf eine neue Grundlage stellen sollte. Erforderlich ist ein Dialog auf Augenhöhe, erforderlich sind Fairplay und wirksame Hilfe zur Selbsthilfe. Wir sehen deshalb gespannt und erwartungsvoll auf den Gipfel der Europäischen Union mit Afrika in wenigen Wochen.

Herr Premierminister, ich freue mich, dass ich mich in der Einschätzung dieser Aufgaben mit Ihnen einig weiß.

Ich bitte Sie nun, meine Damen und Herren, mit mir das Glas zu erheben und einen Toast auszubringen: auf die Gesundheit des Premierministers und seiner Frau, auf das Wohl des maltesischen Volkes und auf die Freundschaft zwischen Deutschland und Malta in Europa und in der Welt.