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Tischrede von Bundespräsident Horst Köhler beim Mittagessen zu Ehren von Prof. Dr. Rita Süssmuth aus Anlass ihres 70. Geburtstages

Gruppenbild - Bundespräsident Horst Köhler, Eva Luise Köhler, Rita Süssmuth und Prof. Süssmuth Berlin, 21. November 2007 Foto: Steffen Kugler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Steffen Kugler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

Seien Sie alle herzlich willkommen im Schloss Bellevue. Es ist nun schon eine Weile her, dass Sie, liebe Frau Süssmuth, Ihren 70. Geburtstag feierten - aber der war ohnehin nur der Anlass und nicht der Grund zu diesem Essen im Kreise Ihrer Freunde und Weggefährten. Der eigentliche Grund: Sie leben bis heute vor, dass wissenschaftlich fundierte Politik möglich und erfolgreich ist. Von dieser Art der Politik brauchen wir sicherlich mehr und nicht weniger.

Ihre Erfahrungen in der Politik haben Sie in Anlehnung an ein Brecht-Zitat überschrieben: "Wer nicht kämpft, hat schon verloren." Ein Blick auf Ihre Vita zeigt: Für Sie ist dieser Satz nicht bloß eine wohlklingende Maxime. Er ist Leitschnur Ihres Handelns. Sie haben das Rückgrat und den Mut, etwas ändern zu wollen und für die eigene Posi-tion hartnäckig und auch gegen Widerstände einzustehen.

Woher kommt diese Courage? Mir scheint, dass daran schon Ihre Eltern einen großen Anteil hatten. Sie haben selbst vor kurzem in ei-nem Interview erzählt, dass Sie Ihr Elternhaus als sehr offen erlebten und als einen Raum, in dem Bildung einen hohen Stellenwert genoss. Insbesondere Ihr Vater scheint Sie in vielerlei Hinsicht beeinflusst zu haben. Seine Ermahnung: "Denk immer daran, auch der Andere kann Recht haben" finde ich wieder in Ihrer wohltuend unideologischen Herangehensweise an die Politik, Ihrer toleranten Grundhaltung und Ih-rem Anspruch, die Position des Anderen erst einmal kennen zu lernen, bevor Sie sich ein Urteil bilden.

Sie stimmen mir sicherlich zu, wenn ich sage: Was Sie von Ihren Eltern mitbekamen, war ein großes Glück. Aber man muss auch etwas draus machen. Sie haben das getan.

Es begann zunächst 1966 mit einer wissenschaftlichen Karriere als Dozentin an der Pädagogischen Hochschule Ruhr. Dass eine Frau berufstätig war, das war damals nicht selbstverständlich - und im aka-demischen Bereich schon gar nicht. Die Frauen Ihrer Generation muss-ten sich in Fragen der Gleichberechtigung sehr vieles erkämpfen. Sie, liebe Frau Süssmuth, wurden zum Vorbild dafür.

Zu Beginn der 80er Jahre leisteten Sie als Direktorin des ersten staatlich finanzierten Forschungsinstituts zu frauenpolitischen Fragen Pionierarbeit. Am Institut "Frau und Gesellschaft" in Hannover setzen Sie sich und den Mitarbeiterinnen das Ziel, die Belange der Frauen in der Öffentlichkeit verstärkt bewusst zu machen. Und es ging Ihnen auch darum, den in Frauenfragen Engagierten Mut zu machen und Ar-gumente in die Hand zu geben. Über Jahrzehnte hinweg haben Sie in Gremien, Kommissionen und Kuratorien beharrlich und mit vielen guten Gründen für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und anderen Lebensbereichen - und zwar für beide Partner! - gestritten. All das zeigt: Ihre akademische Tätigkeit war in all den Jahren niemals Selbst-zweck, sondern immer Anstoß für vielfältiges politisches Engagement - und umgekehrt.

1985 traten Sie dann auf die große Bühne der Politik. Sie wurden Nachfolgerin von Heiner Geißler im Amt als Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit. Eine Tageszeitung begrüßte Sie damals mit dem Titel "Unbekannte mit gutem Ruf". Doch politisch unbekannt blieben Sie nicht lange. Denn sehr bald wurde klar: Hier war eine zupackende und - getreu Ihrem Lebensmotto - auch hartnäckige Ministerin am Werk.

Zu kämpfen gab es genug. Als Sie Ministerin wurden, standen Sie im Kabinett zusammen mit einer Kollegin 17 Männern gegenüber. Heute wäre ein derartiges Missverhältnis nicht mehr denkbar. Dass dies so ist, haben wir auch Ihrer Beharrlichkeit im Kampf für die Belange von Frauen zu verdanken. Schon bald nach Ihrer Amtseinführung drängten Sie darauf, Ihr Ressort um die Zuständigkeit für Frauenfragen zu erweitern - mit Erfolg. Im Sommer 1986 erhielten Frauenfragen in Deutschland erstmals eine Regierungsadresse. Und Sie waren die erste Frauenministerin der Bundesrepublik.

In diesen Jahren als Ministerin haben Sie manch wichtige Weiche gestellt - nicht selten gegen Widerstände aus Ihrer eigenen Partei. Besonders bewundere ich Ihren Mut und Einfallsreichtum im Kampf gegen die Krankheit AIDS.

Nicht immer konnten Sie sich durchsetzen, so etwa in der Frage nach der Sanktionierung von Gewalt in der Ehe oder in der Diskussion über eine Neuregelung des § 218. Aber immer haben Sie aufklärend gewirkt, haben sachliche Debatten angestoßen über Themen, die von Tabus und ideologischen Scheuklappen beherrscht waren. Ihre ebenso tolerante wie beharrliche Art hat Ihnen vor allem in der Bevölkerung zu Recht große Sympathien eingebracht.

Sie haben gezeigt: Konservativ sein heißt eben nicht, dass alles so bleiben muss, wie es immer war. Sondern es heißt, zu fragen, was sich ändern muss, um das als bewährt Erkannte bewahren zu können. Familienpolitik ist hier ein gutes Beispiel. Wer möchte, dass Menschen Familie haben und als Familie leben können, der kann sich nicht allein mit dem Hinweis auf die gute alte Zeit begnügen, die im Übrigen auch nicht immer nur gut war. Er muss vielmehr dafür sorgen, dass Männer und Frauen unter den heutigen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen für Kinder - und für alte und kranke Angehörige - sorgen können.

Ideologische Grabenkämpfe sind Ihnen ein Graus. Es war herzerfrischend, wie Sie letztes Jahr beim "Forum Demographischer Wandel" zum Thema "Familie" aufstanden und riefen: "Das haben wir doch schon vor 30 Jahren gefordert!". Wohl wahr. Ich möchte allerdings hinzufügen, dass in diesen 30 Jahren durchaus einiges in Bewegung gekommen ist und dass ein guter Teil davon Ihr Verdienst ist. Ihre Initiativen für eine bessere Balance von Familie und Beruf und für die Förderung von Frauen in Führungspositionen, kurz für eine selbstverständliche Teilhabe von Frauen am gesamten gesellschaftlichen Leben, haben an Aktualität nichts verloren und tragen vermehrt Früchte.

Liebe Frau Süssmuth, Sie verfügen - um mit Max Weber zu sprechen - über drei wichtige Eigenschaften, die einen guten Politiker und eine gute Politikerin ausmachen: Augenmaß, Leidenschaft und die nötige Geduld und Beharrlichkeit, um auch dicke Bretter zu bohren. Das stellten Sie auch unter Beweis, als Sie Ende 1988 das zweithöchste Amt im Staate übernahmen.

Sie haben das Amt der Bundestagspräsidentin durch Ihren persönlichen Stil geprägt; dazu gehörte auch die Erzeugung produktiver Unruhe. Damit haben Sie manche irritiert und vieles in Bewegung gebracht. Erfolgreich engagierten Sie sich für eine Reform der Parlamentsarbeit - die in eine Verkleinerung des Bundestags mündete. Innen- wie außenpolitisch haben Sie dem Amt Gewicht verliehen. Ich denke beispielsweise an Ihre Besuche in Israel, die in den Zeiten der Wiedervereinigung von großer Bedeutung waren. Auch die weltweit beachtete Verhüllung des Reichstages durch Christo und Jeanne Claude wäre ohne Sie undenkbar gewesen. Und noch heute setzen Sie sich engagiert für die Aussöhnung von Deutschen und Polen ein.

Auch nach Ihrem Abschied aus dem Amt der Bundestagspräsidentin blieben Sie auf der politischen Bühne präsent. Als Vorsitzende der von Bundeskanzler Schröder initiierten "Zuwanderungskommission" erwiesen Sie sich einmal mehr als eine Politikerin, die sich eines Themas vorurteilsfrei annehmen kann. Sie sagten - und sagen - zu Recht: "Einwanderung ist mehr als ein Tatbestand. Sie ist Testfall für die Zukunftsfähigkeit einer jeden Nation." Sie ist eine Herausforderung, von deren guter politischer Gestaltung die Zukunft unseres Landes maßgeblich abhängt. Dass Sie, liebe Frau Süssmuth, weiterhin das Ihre tun, um diese Herausforderung zu lösen, davon zeugt Ihr vielfältiges Engagement als Mitglied in der UN-Weltkommission für Internationale Migration und als Präsidentin der privaten OTA-Hochschule in Berlin, deren erklärtes Ziel die Förderung von beruflichen Bildungschancen für diejenigen ist, die aufgrund ihrer sozialen oder ethnischen Herkunft besondere Barrieren überwinden müssen. Derzeit sind Sie zudem an der Gründung einer deutsch-türkischen Universität in Istanbul beteiligt.

In einem Interview sagten Sie 1990: "Ich werde am Ende nicht danach gefragt, welche hohen Staatsämter ich innegehabt habe, sondern was ich für die Menschen bewegt habe." Ich denke, diese Frage kann man schon heute beantworten: Sie haben sehr viel bewegt! - Für unser Land - und für die Menschen. Wie viel, das wird manch einer vielleicht erst mit Verspätung und im Rückblick erkennen - aber so geht es allen, die ihrer Zeit voraus sind.

Ich habe es vorhin schon einmal gesagt, liebe Frau Süssmuth: Sie sind ein Vorbild geworden für eine ganze Frauengeneration, und Ihre inspiratorische Kraft wirkt bis heute. Ihr Politikstil hat unserem Land gut getan, und er hat bei vielen Menschen das Interesse für die Belange der res publica neu geweckt, weil sie spürten: Was dort ver-handelt wird, das hat etwas mit meinem Leben zu tun. Darauf können Sie stolz sein.

Zu Ihren Überzeugungen gehört der Wille, jeden Tag noch etwas dazu zu lernen. Ich wünsche Ihnen, dass diese Neugier nie erlahmt, dass Sie Ihren offenen und positiven Geist behalten und dass Sie noch viele gemeinsame lehrreiche Jahre mit Ihrem Mann und Ihrer Tochter, mit Ihrer gesamten Familie, Ihren Freunden und Bekannten genießen können.

Liebe Gäste, erheben Sie nun gemeinsam mit mir das Glas auf unseren Ehrengast: Frau Professorin Rita Süssmuth - ad multos annos!