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Eröffnungsrede von Bundespräsident Horst Köhler bei der Jahrestagung des Forums Demographischer Wandel

Bundespräsident Horst Köhler am Rednerpult Berlin, 29. November 2007 Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

"Chancen im demographischen Wandel"

Herzlich willkommen in Schloss Bellevue. Ich freue mich über Ihr Interesse an der dritten Jahreskonferenz des Forums Demographischer Wandel. In diesem Jahr widmet es sich den Wechselwirkungen zwischen dem demographischen Wandel und dem Thema Bildung.

Die Grundzüge des demographischen Wandels lassen sich mit wenigen Stichworten beschreiben: Wir werden weniger. Wir werden älter. Und: Infolge der Zuwanderung nehmen die sozialen und kulturellen Unterschiede in unserer Gesellschaft zu. Jeder dieser drei Trends hat Auswirkungen auf unser Bildungssystem:

Wenn die Bevölkerungszahl aufgrund des Geburtenrückgangs sinkt, geht auch die Zahl der Menschen zurück, die sich mit ihrem Wissen und ihren Fähigkeiten einbringen können - in die Arbeitswelt, in die Wissenschaft, aber auch in die Pflege sozialer Beziehungen. Deshalb ist es umso wichtiger, dass wir die Talente jedes Menschen fördern und sich entfalten lassen. Bisher geschieht das längst nicht im möglichen Umfang, und das stellt eine unentschuldbare Ungerechtigkeit gegenüber den Betroffenen und eine Vergeudung von Humanvermögen dar. Die Folgen dieser Vergeudung werden wir alle in Zukunft empfindlich spüren. Darum muss endlich gelten: Niemand darf zurückgelassen werden, alle sollen bestmöglich gefördert und gefordert werden. Wir müssen durch Qualität ausgleichen, was uns an Quantität verloren geht.

Wenn der Altersdurchschnitt in unserem Land steigt, dann ist das durchaus keine schlechte Nachricht - denn dahinter steht eine gestiegene Lebenserwartung, die geschenkte gute Jahre und Jahrzehnte für jede und jeden bedeutet. Es bedeutet aber auch, dass Weiterbildung und lebenslanges Lernen immer wichtiger werden, sowohl für die geistige Spannkraft des einzelnen als auch für die Leistungsfähigkeit unseres ganzen Gemeinwesens. Das birgt viele Chancen, aber auch große Herausforderungen - für unser Bildungswesen, für die Unternehmen und für jede und jeden von uns: Wie wollen wir im Alter leben? Wie bereiten wir uns darauf vor? Wie gehen wir als Gesellschaft mit älteren Menschen um? Was tun wir, um ihre Kenntnisse möglichst lange auf dem Stand der Entwicklung zu halten und um ihre Erfahrungen und ihre Weisheit zu nutzen?

Wenn die soziale und kulturelle Verschiedenheit in unserem Land zunimmt, und wenn wir zugleich auf jeden Einzelnen angewiesen sind, dann müssen wir viel mehr als bisher für die Integration von Zuwanderern und für die Förderung so genannter "bildungsferner Schichten" tun. Wir brauchen in Zukunft mehr Chancengleichheit - Chancengleichheit in der Bildung und durch Bildung.

Ist unser Bildungswesen auf diese Herausforderungen ausreichend vorbereitet?

Trotz jüngster Verbesserungen - und ich freue mich über jede Verbesserung - schneiden die deutschen Schulen bei internationalen Vergleichsstudien wie PISA immer noch nur mittelmäßig ab. Aber die Probleme beginnen schon viel früher: Einer vor wenigen Tagen veröffentlichten Studie des Deutschen Kinderhilfswerks zufolge weist jedes dritte Kind bereits beim Schuleintritt Entwicklungsstörungen oder Verhaltensauffälligkeiten auf, die eigentlich eine Therapie erforderlich machen. Ich selber habe aus vielen Diskussionen mit Erzieherinnen und Erziehern eine Grundbotschaft mitgenommen: Die Erzieherinnen sagten mir, die seelische Stabilisierung der Kinder in den Kindertagesstätten sei das Wichtigste und Vorrangige überhaupt. Erst darauf lasse sich die weitere Arbeit aufbauen. In Berlin hatten 2003 fast die Hälfte der neu eingeschulten Kinder Schwierigkeiten, dem Unterricht zu folgen, weil sie die deutsche Sprache nur unzureichend beherrschten. Und das betrifft bei weitem nicht nur Kinder aus Zuwandererfamilien.

Wir sind es allen Kindern in unserem Land schuldig, dass sie die bestmögliche Vorbereitung auf den Eintritt in die Schule erhalten. Deshalb brauchen wir größere Anstrengungen für eine frühkindliche Bildung, die mehr ist als nur Betreuung. Wir brauchen gut ausgebildete Erzieherinnen und Erzieher und wir brauchen ein neues Bewusstsein für Kinder - in den Elternhäusern, in den Kindertagesstätten und Kindergärten und in unserer Gesellschaft insgesamt. Denn die Gesellschaft - das haben wir bei der vorigen Jahreskonferenz gehört - ist dabei, sich der Kinder "zu entwöhnen".

Und genauso sind wir es allen Jugendlichen schuldig, dass sie am Ende ihrer Schulzeit ausreichend qualifiziert und motiviert sind, um eine Berufsausbildung oder ein Studium aufzunehmen, wenn sie sich zumindest in zumutbarer Weise anstrengen. Doch auch da gibt es dringenden Handlungsbedarf: Ein Fünftel aller 15-Jährigen verfügen nicht über die erforderlichen Fähigkeiten, um erfolgreich eine Ausbildung absolvieren zu können. 76.000 Jugendliche haben im letzten Jahr die Schule ohne Abschluss verlassen. Diese jungen Menschen beginnen ihren Weg in die Arbeitswelt und ins Erwachsenenleben mit denkbar ungünstigen Startvoraussetzungen. Diese Befunde sind schon lange bekannt; die Erkenntnisse sind da. Es geht um die Umsetzung. Und dabei sind wir zu langsam.

Kinder aus Zuwandererfamilien sind von den ungünstigen Startvoraussetzungen besonders stark betroffen. Während von den deutschen Jugendlichen 8 Prozent keinen Schulabschluss schaffen, sind es von den jungen Ausländern mehr als 18 Prozent. Und der Anteil junger Menschen mit Migrationshintergrund wird in den kommenden Jahren weiter stark zunehmen. Wir sehen schon heute, dass in einigen Großstädten fast jedes zweite Kind aus so genannten Migrantenhaushalten stammt. Trotzdem tun wir mancherorts immer noch so, als seien das ganz ferne Fragen. Wenn wir diese Kinder und Jugendlichen nicht mit aller Kraft fördern, laufen wir Gefahr, einen wachsenden Anteil der jungen Generation in die Perspektivlosigkeit zu entlassen - mit allen wirtschaftlichen, sozialen und gesellschaftlichen Folgen für die Betroffenen und für unser ganzes Gemeinwesen. Gute Bildung - man kann es nicht oft genug sagen - ist eine existentielle Voraussetzung für eine gelingende Integration. Zum Glück wächst in Deutschland das Bewusstsein für diese Tatsache. Und ich freue mich darüber, dass inzwischen auch einzelne Zuwandererverbände in ihren eigenen Reihen für die Wichtigkeit von Bildung werben.

Auch im Hochschulbereich weist unser Bildungssystem einen erheblichen Nachholbedarf auf, der durch den demographischen Wandel noch verstärkt wird. Schon jetzt zeichnet sich im Vergleich mit anderen Industrieländern ein akuter Akademikermangel ab: Bei uns beginnen 36 Prozent eines Jahrganges ein Studium - im OECD-Durchschnitt sind es 54 Prozent. Bei uns kommen auf 100 ältere Akademiker 120 Nachwuchskräfte - im OECD-Durchschnitt sind es 230. Bei uns stehen 100 älteren Ingenieuren 90 Berufsanfänger gegenüber - im OECD-Durchschnitt sind es 190. Was das für die Innovationsfähigkeit Deutschlands und seine Stellung im globalen Wettbewerb bedeutet, kann man sich leicht ausmalen.

Ich denke, wir sollten die Zahl der Hochschulabsolventen in Deutschland deutlich erhöhen. Das ist nicht nur eine Frage der Rahmenbedingungen, sondern auch der persönlichen Motivation und der allgemeinen Bildungsbegeisterung. Ist es nicht ein Alarmsignal, wenn bei uns in Deutschland nur noch einer von fünf Jugendlichen ein Studium für eine erstrebenswerte Perspektive hält? Was gedenken wir dagegen zu unternehmen?

Wenn es immer weniger junge Menschen in Deutschland gibt, müssen wir natürlich auch über eine bessere Nutzung der Potentiale der Älteren nachdenken. Was tun wir, um diese Potentiale zu erhalten und weiter zu entfalten? - Ich bin überzeugt, es könnte viel mehr sein: Die Weiterbildungsbeteiligung ist in Deutschland niedriger als in den meisten vergleichbaren Ländern. Im Schnitt verwendet jeder deutsche Arbeitnehmer pro Jahr etwas mehr als einen Tag auf Weiterbildung. Das dürfte kaum ausreichen, um mit den Veränderungen in der Arbeitswelt auch nur halbwegs Schritt zu halten. Wie wollen wir künftig wirtschaftlich und technologisch Schrittmacher sein, wenn wir nicht einmal Schritt halten können mit dem, was sich auch ohne uns an Wandel vollzieht?

Wie also schaffen wir es, in einer alternden Gesellschaft die richtigen Anreize für Weiterbildung und lebenslanges Lernen zu setzen? Das ist nicht nur eine Frage von Strukturen. Dass Weiterbildung bei uns so selten stattfindet, dürfte auch damit zusammenhängen, dass wir uns angewöhnt haben und immer noch glauben, es sei der normale Rhythmus, das Leben in drei Abschnitte einzuteilen: Die Jugendphase als "Lernzeit", das Alter als Zeit des "wohlverdienten Ruhestandes" und dazwischen die Phase der aktiven Erwerbsarbeit. Dieses Phasenmodell - das übrigens auch der Gestaltung unserer sozialen Sicherungssysteme zugrunde liegt - entspricht jedoch nicht mehr unserer Lebenswirklichkeit, denn immer mehr Ältere sind länger aktiv, und Lernen ist längst von der Jugend zur Lebensaufgabe geworden.

Lebenslanges Lernen ist im Übrigen weit mehr als nur berufliche Weiterbildung. Statistisch gesehen, haben wir aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung in den letzten 100 Jahren 30 Lebensjahre hinzugewonnen. Es geht darum, diese Zeit sinnvoll und selbstbestimmt auszufüllen und sich auch im Alter neue Ziele zu setzen. Es geht darum, die Weisheit der Alten und die unbefangene Neugier der Jungen für die Beteiligten und für uns alle fruchtbar zu machen. Bildung ist dafür eine unersetzbare Voraussetzung.

Von der frühkindlichen Bildung bis zur Weiterqualifizierung Älterer weist unser Bildungssystem also Nachholbedarf auf - im Vergleich mit anderen Ländern, aber auch - und das ist mir eigentlich viel wichtiger - gemessen an unserem eigenen Selbstverständnis als Kultur und Wirtschaftsnation und an unseren Vorstellungen von einem guten und gelingenden Leben. Mich beschwert es nicht so sehr, dass andere vielleicht besser sind. Die strengen sich an. Mich beschwert es, dass wir aus unserem eigenen Selbstverständnis als Kulturnation nicht mehr aus der Herausforderung des demographischen Wandels machen.

Der demographische Wandel verstärkt die Schwächen, die es bei uns gibt. Einige dieser Effekte habe ich bereits beschrieben, andere will ich nur kurz andeuten: Etwa die Schwierigkeit, in strukturschwachen Gebieten, in denen kaum noch Familien mit Kindern leben, ein breites Bildungsangebot aufrecht zu erhalten - in und außerhalb von Schulen. Oder den wachsenden Altersdurchschnitt in den Lehrerkollegien. Oder die zunehmende Vereinzelung unserer Kinder, für die es heute nicht mehr selbstverständlich ist, dass sie in der Nachbarschaft ein halbes Dutzend Gleichaltrige finden. Kinder mit Kindern zusammenzubringen, ist eine wichtige erzieherische Aufgabe und Bildungsaufgabe. Das alles sind Einflussfaktoren, die das Gelingen von Bildung erschweren und die zugleich Bildung umso notwendiger machen. Dabei gilt auch hier: Der klare Befund ist schon der erste Schritt dahin, Abhilfe zu schaffen, neue Lernorte zu schaffen und neue Lernangebote auch jenseits von Schule und Kindergarten zu entwickeln.

Der demographische Wandel schärft unseren Blick für den Einzelnen. In einer Gesellschaft, die immer kleiner wird, kommt es umso mehr auf jede und jeden an. Dieser veränderte Blickwinkel birgt eine große Chance, denn er macht deutlich, worauf wir uns konzentrieren müssen: Auf Chancengleichheit, auf individuelle Förderung und auf mehr Durchlässigkeit. So lange aber gute Bildung bei uns vor allem eine Frage der Herkunft - noch drastischer: des Geldbeutels der Eltern - ist, bleiben in unserem Land Potenziale und Lebenschancen ungenutzt. Wir müssen viel mehr tun, damit aus "Bildungsferne" "Bildungsnähe" wird, aus Gleichgültigkeit Bildungsbegeisterung und aus Perspektivlosigkeit und Antriebsschwäche ein kräftiger Wille zum Aufstieg.

Warum zum Beispiel nutzen bei uns nicht mehr begabte Absolventen einer beruflichen Ausbildung die Möglichkeit, ein Hochschulstudium zu beginnen? Das könnte auch ein Beitrag zu einer Erhöhung der Zahl der Studienanfänger und zur Stärkung der Ingenieurberufe sein. Die Schweiz hat vor einiger Zeit den Weg von der Werkbank in den Hörsaal geöffnet und so innerhalb von fünf Jahren die Zahl ihrer Hochschulabsolventen um 15 Prozent erhöht. Mancher wird jetzt vielleicht einwenden, dass es doch auch bei uns in Deutschland auf diesem Gebiet schon sehr viel gibt. In der Tat: Es gibt schon sehr viel. - Und vor allem: Es gibt so viele länderspezifische Regelungen, dass die tabellarische Übersicht der Kultusministerkonferenz über die Möglichkeiten des Hochschulzugangs für beruflich qualifizierte Bewerber mehr als 40 Seiten umfasst. Bei so viel Regelungsvielfalt ist es kaum verwunderlich, dass die Zahl der Bewerber, die diesen Weg gehen wollen und finden, verschwindend gering ist. Ist das wirklich die energische Öffnung der Hochschulen, die wir brauchen, um die Absolventenzahlen zu erhöhen und allen begabten jungen Menschen eine Chance zu geben?

Ich darf Ihnen gar nicht vorlesen, Herr Senator, wie der Titel dieser Aufstellung der Kultusministerkonferenz heißt: "Synoptische Darstellung der in den Ländern bestehenden Möglichkeiten eines Hochschulzugangs für beruflich qualifizierte Bewerber ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung auf der Grundlage hochschulrechtlicher Regelung". Also, wer das auf Anhieb versteht, ist hoch qualifiziert.

Bildungslücken haben leider auch etwas mit Finanzlücken zu tun. Es ist kein Geheimnis, dass wir in Deutschland zu wenig in Bildung investieren. Gemessen an unserer Wirtschaftskraft haben sich die öffentlichen Ausgaben für Bildung, Wissenschaft und Kultur pro Kopf der Bevölkerung in Deutschland seit 1975 halbiert. Andere Länder investieren wesentlich mehr in ihr Bildungssystem.

Aber wir machen nicht nur zu wenig Geld für Bildung verfügbar; wir setzen damit zum Teil auch die falschen Anreize: So besteht ein wesentlicher struktureller Mangel unseres föderalen Systems darin, dass es im Hochschulbereich diejenigen Bundesländer "belohnt", die in der Breite "unter Bedarf" ausbilden und stattdessen "fertige" Absolventen aus anderen Ländern abwerben. Wettbewerbsföderalismus im Bildungsbereich stelle ich mir eigentlich anders vor!

Gewiss: Wenn es um Bildung geht, ist Geld nicht alles. Das zeigen uns nicht zuletzt die Länder, die mit weniger Mitteleinsatz mehr erreichen als wir. Vieles, was anderswo besser läuft als bei uns, hat auch mit Mentalitäten zu tun: mit Bildungsbegeisterung, mit einer höheren Wertschätzung für Lehrende und Lernende und mit dem Willen jedes Einzelnen, "etwas aus sich zu machen", seine Talente auszuschöpfen und später einmal den eigenen Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen.
Wir brauchen deshalb auch eine Diskussion darüber, wie wir zu einem Einstellungswandel kommen - nicht nur in Kinderzimmern und Elternhäusern, sondern eben auch in unseren Bildungseinrichtungen. Jede Bildungsinstitution muss lernen, sich als Teil eines übergreifenden Prozesses zu verstehen, in dessen Mittelpunkt der Lernende steht: Das Kind, der Schüler, der Student - um sie geht es. Jeder Kindergarten muss sich fragen: Bereiten wir die Jungen und Mädchen, für die wir verantwortlich sind, ausreichend auf die Schule vor? Tun wir genug, damit auch die Schwächeren unter ihnen dort eine gute Startchance haben? Das gleiche gilt auch für die Schule: Der wichtigste Maßstab für die Qualität ihrer Arbeit ist der Erfolg, den die Schülerinnen und Schüler auf dem nächsten Abschnitt ihres Bildungsweges, in der Ausbildung oder im Studium, erreichen. Ich wünsche mir Schulen, die sich über die Aushändigung des Abschlusszeugnisses hinaus für ihre Schüler verantwortlich fühlen und die junge Menschen mit Problemen nicht einfach an die nächste Institution weiterreichen. Ich wünsche mir Erzieherinnen, die sich schon vor dem Einschulungstermin mit den Grundschullehrern an einen Tisch setzen, um den Förderbedarf der einzelnen Kinder zu besprechen. Diese Erzieherinnen gibt es, aber es sind noch nicht genug. Und ich wünsche mir ein Hochschul und Forschungssystem, das es unserem Land möglich macht, im internationalen Wettbewerb der Wissensgesellschaften die Nase vorn zu haben, alle Talente dafür zu finden und ihnen die Chancen zu geben, die sie brauchen.

Der demographische Wandel stellt unser Bildungssystem vor große Herausforderungen. Zugleich eröffnet er aber auch viele Chancen:

Wenn in den nächsten Jahren die Zahl der Schüler und später auch die der Studierenden zurückgeht, haben wir größere Möglichkeiten, die ProKopfInvestitionen in Bildung zu steigern und so auch die Qualität der Bildung zu verbessern. Diese Chance zu einer Steigerung der ProKopfAusgaben für Bildung nicht zu nutzen, das wäre in meinen Augen ein kardinales Versäumnis der Politik.

Schon heute ist zu beobachten, dass dort, wo sich die Schulstruktur aufgrund sinkender Kinderzahlen ausdünnt, die Bereitschaft zu pragmatischen Lösungsansätzen wächst. Wo zugunsten der Kinder und damit der Zukunft gehandelt werden muss, sollten ideologische Vorbehalte - etwa über Schulstrukturen oder den jahrgangsübergreifenden Unterricht - an Bedeutung verlieren. Der demographische Wandel zwingt uns zur Konzentration auf das Wesentliche. Auch darin kann eine Chance liegen.

Wenn die Lebenserwartung steigt, wächst auch die gemeinsame Zeit der Generationen miteinander. Das schafft neue Möglichkeiten für einen Dialog zwischen Jung und Alt, der eine doppelte Bildungschance eröffnet: für die Jungen, die von der Weisheit und der Lebenserfahrung der Älteren profitieren können; und für die Älteren, die die Chance haben, mehr als bisher am Leben der Jungen Anteil zu nehmen. Und das übrigens nicht nur im familiären Rahmen: Es ist ein gutes Zeichen, dass immer mehr ältere Menschen sich zum Beispiel als "AushilfsGroßeltern" zur Verfügung stellen, Patenschaften für benachteiligte Jugendliche übernehmen oder sich gerne in Mehrgenerationenhäusern engagieren. Unter den Menschen über 55 Jahren hat der Anteil der ehrenamtlich Engagierten in den letzten Jahren überdurchschnittlich stark zugenommen. Das zeigt: Die Älteren wollen nicht aufs Abstellgleis geschoben werden, sie haben Interessen, sie haben Talente. "Zukunft braucht Erfahrung" - das ist das Motto des "Senior Experten Service".

Vor einiger Zeit habe ich auf einer Afrikareise den Teilnehmern eines Lehrgangs, der mit Hilfe der Hamburger Handelskammer für junge Leute in Madagaskar entwickelt wurde, ihre Urkunden überreicht. Bei einem anschließenden Empfang traf ich acht bis zehn ältere Herren aus Deutschland, die im Rahmen dieses Projektes als Tutoren eingesetzt waren und die mir sagten: "Herr Bundespräsident, hier mitmachen zu können, das war die schönste Zeit unseres Lebens!" Das Motto "Zukunft braucht Erfahrung" kann die Beschreibung einer ganz neuen Begegnung von Jung und Alt in Deutschland sein - mit Impulsen für eine neue Kreativität in Wirtschaft und Gesellschaft.

Ich erwarte zumindest, dass wir unsere Vorstellungen vom Alter und "den Alten" überdenken und uns aus den Verkrampfungen eines überzogenen Jugendlichkeitswahns befreien.

Und schließlich kann die wachsende Zahl von Menschen mit unterschiedlichsten Migrationshintergründen das Bewusstsein dafür wecken, wie normal es doch ist, verschieden zu sein: altersmäßig, bildungsmäßig, kulturell. Wachsende Vielfalt in Deutschland macht es dann freilich umso unverzichtbarer, dass wir uns immer der leitenden Grundsätze unseres freiheitlichen und friedlichen Miteinanders bewusst sind und diese Grundsätze dann auch pflegen.

Es gilt also, die guten Chancen des demographischen Wandels klug zu nutzen und seinen Problemen nicht auszuweichen. Mit jedem Tag dagegen, den wir ungenutzt verstreichen lassen, verlieren wir Möglichkeiten, das Nötige und das Wünschenswerte zu erreichen.

Es kommt deshalb darauf an, gründlich nachzudenken. Ich hoffe, dass wir mit unserem Forum hierzu einen Beitrag leisten. Es kommt darauf an, rasch, entschlossen, stetig und überlegt zu handeln. Es kommt darauf an, mehr zu tun als bisher. Und vor allem: Es kommt auf jede und jeden einzelnen von uns an. Ich danke Ihnen.