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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler beim Eröffnungsgottesdienst zur diesjährigen Aktion Adveniat

Bundespräsident Horst Köhler am Rednerpult Mainz, 2. Dezember 2007 Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

"Eine Form der gelebten Brüderlichkeit"

Meine Damen und Herren, und, wie ich hier gerne sage: liebe Schwestern und Brüder,

diese Anrede beschreibt ja die Verbundenheit im Glauben, die fremde Menschen einander nahe sein lässt. Die gemeinsame Basis schafft starke Bande. Schwestern und Brüder vergessen einander nicht. Adveniat ist eine Form der gelebten Brüderlichkeit, die sich seit über vierzig Jahren als großer Segen erweist.

Es ist eine gute Tradition, dass die deutschen Katholiken an Weihnachten für die Kirche in Lateinamerika spenden. Und sie können stolz auf das sein, was durch Adveniat in den vergangenen Jahrzehnten geschehen ist. Noch auf meiner letzten Lateinamerikareise im März dieses Jahres konnte ich mich von der segensreichen Wirkung der von Adveniat unterstützten Projekte zur Bekämpfung von Armut und Krankheit vor Ort und der Ermöglichung von Bildungschancen für Arme selbst überzeugen. Sie geben den Menschen Hoffnung und machen ihnen Mut. Adveniat ist ein leuchtendes Zeichen christlicher Solidarität.

In dieser Stunde gehen meine Gedanken auch zur Elisabethkirche in Marburg, wo zur gleichen Zeit die evangelischen Christen die Aktion "Brot für die Welt" eröffnen. Die Christen beider großen Kirchen in Deutschland denken gerade in der Weihnachtszeit an die Ärmsten der Armen und spenden großzügig. Dafür will ich heute als Bundespräsident danke sagen. Durch diese Hilfswerke wird nicht zuletzt auch das gute Ansehen Deutschlands in den armen Ländern der Welt wesentlich geprägt. Auch das erfahre ich selber auf meinen Reisen immer wieder.

"Adveniat" und "Brot für die Welt" sind Werke der Solidarität. An ihrer Arbeit kann man sehen, dass Solidarität sehr viel mehr ist als materielle Hilfe.

Solidarität heißt, dem anderen mit Respekt zu begegnen und seine Würde zu achten.

Solidarität heißt, auch hierzulande Bewußtsein zu schaffen für die Lage etwa in Lateinamerika oder Afrika - und auch das Bewußtsein für die gegenseitige Abhängigkeit der Menschen in unserer Einen Welt.

Solidarität - das sind auch dauerhafte menschliche Bindungen, oft auf der Ebene von Gemeindepartnerschaften.

Solidarität heißt schließlich auch, dem anderen keine Lösungen von außen aufzudrängen, sondern schlicht dabei mitzuhelfen, dass die Menschen vor Ort ihren eigenen Weg zur Gerechtigkeit finden.

Ich bin auch hier, weil mir Lateinamerika schon lange am Herzen liegt. Durch meine Reisen konnte ich viele Länder kennenlernen. Es ist ein Kontinent der Hoffnung - aber auch ein Kontinent großer Armut, großer Ausbeutung und großer Ungerechtigkeiten. Kaum irgendwo auf der Welt gibt es so krasse Unterschiede zwischen arm und reich. Niemand glaubt mehr, dass solche Zustände von heute auf morgen verändert werden können. Es soll aber auch niemand glauben, dass uns diese Zustände gleichgültig lassen könnten. In der globalisierten Welt betrifft uns auch das, was scheinbar weit entfernt ist.

Veränderung zum Besseren erreicht nur, wer sich klare Ziele setzt und einen langen Atem hat. Adveniat hat gezeigt, dass politische Bildung, Bewusstseinsbildung und vor allem ethische Bildung zu den Grundvoraussetzungen einer gerechteren Entwicklung gehören. Es geht darum, dass die Armen und Unterdrückten ein Bewußtsein ihrer Würde bekommen - das ist eine buchstäblich emanzipatorische Bildung aus christlichem Geist.

Die Kirche Lateinamerikas hat sich vor Jahrzehnten bereits eindeutig auf die Seite der Armen gestellt.

Es ist aber ebenso wichtig, die Herrschenden, die sogenannten politischen und ökonomischen Eliten, an ihre Verantwortung zu erinnern, ja - leider muss man das so sagen - ein Bewußtsein ihrer Verantwortung oft erst einmal zu bilden.

Christen wissen, dass moralische Belehrung nichts hilft, wenn sie nicht durch die Tat gedeckt ist. Für sie gilt die Aufforderung aus dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter: "Handle ebenso!" Letztlich entscheidend ist das Beispiel der gelebten Nächstenliebe. Gelebte Nächstenliebe kennt viele Formen und Ausdrucksweisen. Unter anderem trägt sie die Namen "Brot für die Welt" und "Adveniat". Noch einmal: Herzlichen Dank dafür.
Herzlichen Dank dafür.

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