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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler aus Anlass der Buchpräsentation "Theodor Heuss - Erzieher zur Demokratie. Briefe 1945 1949"

Bundespräsident Horst Köhler am Rednerpult Berlin, 4. Dezember 2007 Foto: Sandra Steins, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Sandra Steins, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

Seien Sie herzlich willkommen in Schloss Bellevue.

Zur Übergabe des ersten Bandes der Briefe von Theodor Heuss durch die Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus begrüße ich Sie herzlich.

Vielleicht ist Ihnen vorhin beim Eintreten in das Schloss Bellevue etwas aufgefallen? In der Eingangshalle hängen zwei Portraits - von Friedrich Ebert und von Theodor Heuss. Ich habe sie nach der Renovierung von Schloss Bellevue im vergangenen Jahr aus der Villa Hammerschmidt nach Berlin holen lassen.

Der erste Reichspräsident der Weimarer Republik und der erste Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland - beide übernahmen ihre Aufgabe nach Krieg, Zerstörung und unermesslichem Leid. Beide mussten sich mit schweren, wenn auch sehr verschiedenen Hypotheken auseinandersetzen; ihrem Wirken war sehr unterschiedlicher Erfolg vergönnt. Und trotzdem symbolisieren beide Aufbruch und demokratischen Neubeginn in Deutschland.

Bonn wurde nicht Weimar; und wird dies auch nicht in der Zukunft. Theodor Heuss hat dazu wesentlich beigetragen. Ihm war sehr bewusst, "dass die Demokratie von den Deutschen nicht erkämpft wurde, sondern als letzte, als einzige Möglichkeit der Legitimierung eines Gesamtlebens kam, wenn der Staat in Katastrophen und Kriegen zusammengebrochen war". Gerade das machte ihn zum überzeugten und eben auch überzeugenden "Erzieher zur Demokratie". Diese Rolle verkörperte er als Publizist und akademischer Lehrer, als prägende Gestalt der Liberalen, als Abgeordneter und Kultusminister, als führende Persönlichkeit im Parlamentarischen Rat und natürlich als erster Bundespräsident unseres Landes.

Wer war Theodor Heuss? "Ein Mann, von echter Bildung durchdrungen, eher ein Intellektueller ...", so beschreibt ihn Alfred Grosser. Zugleich ein Mann mit großer Fähigkeit, die Menschen im Nachkriegsdeutschland unmittelbar anzusprechen, ihnen zu vermitteln, dass - so seine Worte "die Verfassung im Bewusstsein und in der Freude des Volkes selbst lebendig sein muss". Heuss fand auch den Kontakt zu den "kleinen Leuten". So war er eben nicht nur "Professor Heuss", sondern wurde für viele vor allem "Papa Heuss".

Durch sein persönliches Beispiel und sein politisches und kommunikatives Wirken im In und Ausland gelang es Theodor Heuss, Vertrauen aufzubauen. Er war - so der unbestechliche Gordon Craig in seinem Buch 'Über die Deutschen' - "unablässig bestrebt, ein neues Deutschland entstehen zu lassen, das sich von der nationalsozialistischen Vergangenheit abwendet, nicht in kollektiver Schuld, sondern in einer Art kollektiver Scham, wobei das Beste aus dem kulturellen Erbe früherer Epochen gewahrt werden soll." Soweit Gordon Craig. Heuss wollte, dass die Deutschen neue Orientierung finden, ihre Selbstachtung und ihr Selbstvertrauen wiedergewinnen konnten. Auf diesem schwierigen Weg hatte er Erfolg. Sein Wirken trug maßgeblich dazu bei, dass die Demokratie in Deutschland so nachhaltig Fuß fasste.

Die Briefe von Theodor Heuss berühren auch deshalb, weil sie immer auch den ganzen Menschen erkennen lassen. Viel Menschliches wird da in und zwischen den Zeilen sichtbar: Der Rückhalt in der Familie, der Heuss sehr am Herzen lag; der auch in schwierigsten Zeiten gehegte und gepflegte Freundeskreis, seine Freude am literarischen Schaffen, seine zeichnerische Begabung, seine nahezu universale Bildung.

Und noch etwas scheint in diesen Briefen auf: Das Leben von Theodor Heuss ist ein Spiegelbild deutscher Geschichte: Kaiserreich und Erster Weltkrieg, Weimarer Republik, NS-Diktatur und Zweiter Weltkrieg, Wiederaufbau und das Einüben der Demokratie in der Bundesrepublik Deutschland. Diese Erfahrungen prägten Theodor Heuss. Und aus diesen Erfahrungen heraus hat er das Amt des Bundespräsidenten und damit die junge Bundesrepublik Deutschland in ganz besonderer Weise geprägt. Er hat dem neu geschaffenen Amt des Bundespräsidenten maßgeblich Gestalt verliehen. Und er hat es mit all seinen Fähigkeiten, seinem Wissen und seiner Erfahrung ausgefüllt - seinem eigenen Anspruch gemäß, "aus diesem Amt etwas wie eine Tradition, etwas wie eine Kraft [zu] schaffen, die Maß und Gewicht besitzt und im politischen Kräftespiel sich selber darstellen will".

Der heute vorgelegte Band mit Briefen der Jahre 1945 - 1949 bildet den Auftakt einer umfassenden Reihe unter dem Titel "Theodor Heuss. Stuttgarter Ausgabe". Ich danke dem Verleger des Buches, Herrn Professor Dr. Saur, und natürlich Herrn Dr. Becker für sein Engagement und seine Mühe. Diese Publikation ist ein überzeugender Beleg dafür, wie die Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus ihren Auftrag als Bundesstiftung umsetzt - mit hervorragender Bildungsarbeit und wichtigen Beiträgen zur zeitgeschichtlichen Forschung. Aber ich möchte auch allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, wie auch allen weiteren Mitstreitern und Partnern der Stiftung für diese wertvolle Arbeit danken.

Es ist Advent geworden, da darf auch der jetzige Bundespräsident zum Abschluss noch einen Wunsch äußern. Als einer unserer Gäste - Hans Peter Mensing - 1989 den Briefwechsel zwischen Heuss und Adenauer veröffentlichte, nannte er eine umfassende Werkausgabe zu Recht ein vordringliches Desiderat der Zeitgeschichtsforschung. Heute liegt der erste Band vor uns. Ich wünsche mir nun, dass die neue Editionsreihe den Anstoß gibt, Leben und Werk von Theodor Heuss endlich in einer umfassenden, heutigen wissenschaftlichen Ansprüchen genügenden Biografie zu würdigen.

Ich danke Ihnen.