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Ansprache von Bundespräsident Horst Köhler bei der Ordensverleihung aus Anlass des Tages des Ehrenamtes

Gruppenbild: Bundespräsident Horst Köhler und die Ordensträger Berlin, 7. Dezember 2007 Foto: Marcel Mettelsiefen, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Marcel Mettelsiefen, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

"Sich zu engagieren, tut gut"

Herzlich willkommen in Schloss Bellevue!

Vor nicht allzu langer Zeit haben wir hier in diesen Räumen ein schönes Fest zu Ehren von Wilhelm Busch gefeiert (in diesem Jahr ist nämlich sein 175. Geburtstag). Warum erwähne ich das? Nun, weil Busch auch folgende bissige Verse zugeschrieben werden - ich zitiere: "Willst du froh und glücklich leben, lass kein Ehrenamt dir geben! Willst du nicht zu früh ins Grab, lehne jedes Amt gleich ab." Und ein weiterer Spruch von Busch: "Wie viel Mühe, Sorgen, Plagen, wie viel Ärger musst du tragen: gibst viel Geld aus, opferst Zeit - und der Lohn? Undankbarkeit."

So treffend Wilhelm Buschs Sentenzen oft sind - ich denke doch, ganz so treffen diese beiden Sentenzen hier nicht zu. Die meisten von Ihnen werden es bestätigen: Sich zu engagieren, tut gut - weil man anderen Menschen etwas geben kann, weil man daraus selbst Stärke und Lebenssinn beziehen kann und weil man, oft jedenfalls, auch erleben kann, wie man die Welt durch eigenes Handeln ein Stückchen besser machen kann. Ein klein wenig. Inzwischen gibt es ja sogar ernst zu nehmende wissenschaftliche Untersuchungen, die zeigen: Ehrenamtlich Tätige werden seltener ernsthaft krank und haben höhere Chancen auf ein glückliches und langes Leben als diejenigen, die sich an die eingangs zitierten Verse halten.

Ob die Verslein wirklich aus der Feder von Wilhelm Busch stammen, ist umstritten, sie werden ihm, wie gesagt, nur zugeschrieben. Er klang bisweilen nämlich auch ganz anders: "Glück entsteht oft durch Aufmerksamkeit in kleinen Dingen" - das ist auf jeden Fall Wilhelm Busch; und er sagte auch: "Wer leben will, der muss was tun." Diesen Sentenzen werden Sie gewiss doch mehr abgewinnen können, denn Sie, meine Damen und Herren, haben etwas getan und Sie tun etwas. Sie haben sich ganz konkreten Dingen gewidmet. Sie geben Lebensnotwendiges: medizinische Versorgung, Pflege, vor allem, was vielleicht das Wichtigste in unserer Gesellschaft ist, Zuwendung für andere. Sie haben ein Ehrenamt übernommen, weil es mit Aufgaben verbunden war, die Ihnen wichtig sind. Sie geben Rat, Sicherheit oder Hilfe im Notfall. Sie haben dort angepackt, wo Sie Handlungsbedarf gesehen haben. Sie schaffen Orte des Zusammenseins; Sie regen andere an, ihre Umwelt oder auch nur einfach sich selbst besser kennen zu lernen. Sie haben etwas, von dem Sie selbst begeistert waren, weitergegeben. Sie haben sich nicht damit abgefunden, dass es etwas nicht gab, was Sie für nötig halten - Sie haben es selbst auf die Beine gestellt.

Stellvertretend für unser ganzes Land möchte ich Ihnen heute dafür "danke" sagen und Sie mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland auszeichnen. Sie haben diese Ehre wahrlich verdient, und für mich ist es eine Ehre, diese Anerkennung aussprechen zu dürfen. Uneigennütziges Engagement tut nicht nur denjenigen gut, die Sie mit Ihrem freiwilligen Einsatz unterstützen - es ist für unsere Gesellschaft insgesamt unverzichtbar, es ist wie ein Lebenselixier. Wer glaubt, dies sei ein billiger Gemeinplatz, der möge bitte überlegen, wie weit er im alltäglichen Leben wohl ohne die viele unentgeltlich geleistete Arbeit Anderer käme. Über dreiundzwanzig Millionen Menschen in unserem Land sind bürgerschaftlich engagiert. Ohne ihre täglich in eine gute Sache investierte Zeit, Mühe und Sorge würde vieles, was wir ganz selbstverständlich in Anspruch nehmen, nicht funktionieren. Der Wert ihres Tuns, meine Damen und Herren, ist in Geld nicht zu bemessen - ich danke Ihnen für Ihren Beitrag zu einer achtsamen, hilfsbereiten und solidarischen Gesellschaft.

Wir stehen in Deutschland vor großen Herausforderungen - ob es um gerechte Bildungschancen für Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern geht oder um Integration und Teilhabe derjenigen, die aus anderen Ländern nach Deutschland gekommen sind und jetzt zu uns gehören. Oder denken Sie etwa an die Frage, wie eine würdige Pflege der Kranken und Alten gesichert werden kann. All dies wird nur dann gelingen, wenn jeder Einzelne - im Rahmen seiner Möglichkeiten und Fähigkeiten natürlich - das Seinige dazu beiträgt. Es geht nicht darum, den Staat aus seiner Verantwortung zu entlassen. Bürgerschaftliches Engagement ist kein beliebig abrufbares Sozialkapital, es kann nicht einfach dort beschworen werden, wo das Geld für bezahlte Dienstleistungen fehlt, ob in den Gemeinden, Schulen oder auch in der Kirche. Es geht vielmehr darum, an einem Strang zu ziehen, anstatt auf andere zu warten und zu sagen: "Das ist nicht meine Aufgabe".

Und ich denke, insgesamt sind wir in Deutschland hier doch auf einem guten Weg. Vor allen Dingen, weil es eben Menschen wie Sie gibt. Es gibt schon viele Orte in unserem Land, wo die alten Antagonismen - hier Staat, dort Gesellschaft; hier Haupt-, dort Ehrenamtliche - ihre Bedeutung verlieren; wo Bürgerinnen und Bürger und öffentliche Hand sich auf kluge Art und Weise ergänzen. Öffentliche Verwaltungen unterstützen Initiativen und bieten Beratung über gesetzliche Rahmenbedingungen und Fördermöglichkeiten, Freiwilligenagenturen vermitteln Engagementwillige in Einsatzfelder, die zu ihnen passen. Trotzdem muss noch viel geschehen, damit engagierte Bürgerinnen und Bürger als aktive Partner wahrgenommen werden - und nicht als bloße Klienten oder gar lästige Bittsteller. Noch allzu oft hängt es an einzelnen Persönlichkeiten, ob die Zusammenarbeit dann wirklich gelingt.

Eines ist auch klar, meine Damen und Herren: Der Staat kann Bürgersinn nicht verordnen. Er kann und muss ihn aber fördern - durch gute Rahmenbedingungen, durch Bildung und nicht zuletzt durch eine Kultur der Anerkennung. Denn wie sagte noch Wilhelm Busch so schön? "Tugend will ermuntert sein ..." Der Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland, den ich Ihnen nun verleihen darf, ist ein Zeichen des Dankes und der Anerkennung. Und er soll eine Ermunterung sein - für Sie selbst, aber auch für andere, die sich hoffentlich von Ihrem guten Beispiel anstecken lassen. Deshalb bitte ich Sie auch: Tragen Sie diesen Orden so wie ich - mit Freude und Stolz. Zeigen Sie Ihren Mitmenschen, dass es beglückend ist, sich dauerhaft zu engagieren, für andere, aber auch für sich selber. Und kontern Sie notfalls Skepsis und Gleichgültigkeit wieder mit Wilhelm Busch - der spottete nämlich damals. Ich zitiere wieder: "Ausdauer wird früher oder später belohnt - meistens aber später."

Ich danke Ihnen.