Navigation und Service

Rede von Bundespräsident Horst Köhler anlässlich des Staatsbanketts zu Ehren der Präsidentin von Irland, Mary McAleese, und Dr. Martin McAleese

Die beiden Präsidentenpaare stehen vor Schloss Bellevue Berlin, 25. Februar 2008 Foto: Steffen Kugler, Presse- und Informationamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Steffen Kugler, Presse- und Informationamt der Bundesregierung (BPA)

Meine Frau und ich heißen Sie, Frau Präsidentin, Ihren Mann und Ihre Delegation in Deutschland ganz herzlich willkommen. Wir freuen uns, dass wir heute Abend hier in Schloss Bellevue gemeinsam mit Ihnen die guten Beziehungen unserer beiden Länder und die deutsch-irische Freundschaft feiern können.

Die Menschen in Irland und Deutschland verbindet ein hohes Maß an gegenseitiger Sympathie und Wertschätzung. Die Wurzeln dieser besonderen Beziehung reichen weit über tausend Jahre zurück. Mönche und Gelehrte aus Irland kamen damals auf den Kontinent und auch in das Gebiet des heutigen Deutschland, wo nach dem Ende des Römischen Reiches und den Wirren der Völkerwanderung ein kultureller und politischer Niedergang zu verkraften war. Irische Mönche trugen damals als Prediger und - heute würde man vielleicht sagen: als Entwicklungshelfer - dazu bei, diese Zeit zu überwinden. Zu ihnen gehörte der Heilige Kilian, der im siebten Jahrhundert ins fränkische Würzburg kam und dort bis heute als Stadtpatron verehrt wird. Auch deshalb bin ich sicher, dass Ihnen die Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt bei Ihrem Besuch am Mittwoch einen ganz besonders herzlichen Empfang bereiten werden.

Die "Grüne Insel", die Heinrich Böll in seinem "Irischen Tagebuch" beschrieb, ist zu einer aufstrebenden Wirtschaftsnation geworden. Das Pro-Kopf Einkommen ist heute mit das höchste in der Europäischen Union, Arbeit und Beschäftigung sind dynamisch gewachsen. Die Erfolgsbilanz des "Keltischen Tigers" findet weltweit Anerkennung. Durch eine vernünftige Reformpolitik, und unterstützt mit europäischen Mitteln zur Strukturförderung, ist es Ihnen gelungen, ein wirtschaftliches Klima zu erzeugen, das Irland zum bevorzugten Ziel ausländischer Investoren und zu einem Gewinner der Globalisierung macht. Auch deutsche Firmen vertrauen auf das Engagement der vielen jungen, fleißigen und gut ausgebildeten Menschen in Irland. Ich denke, Europa und Deutschland können viel von der neuen irischen Zuversicht lernen.

Aufgrund seiner guten wirtschaftlichen Entwicklung wird Irland heute mehr und mehr zum Einwanderungsland. Wer hätte das noch vor wenigen Jahren für möglich gehalten? Ich weiß, verehrte Frau Präsidentin, dass die Integration von Migranten in die irische Gesellschaft ein wichtiges Thema Ihrer Präsidentschaft ist. Und ebenso bewegt Sie die Sorge um die auseinander gehende Einkommensentwicklung in Ihrem Land und ihre Folgen für den Zusammenhalt der Gesellschaft. Sie gilt denjenigen, die mit Tempo und Dynamik der wirtschaftlichen Entwicklung nicht Schritt halten können. In Deutschland beschäftigen uns die gleichen Fragen. Ich bin sicher, unser Erfahrungsaustausch kann wichtige Denkanstöße auch für eine gemeinsame europäische Politik geben.

Laut aktuellem Eurobarometer halten drei von vier Iren die Europäische Union für eine gute Sache, und über 80% sagen, dass Irland von der Mitgliedschaft in der Europäischen Union profitiert. Das ist der höchste Wert in Europa. Auch hierin zeigt sich: Irland ist ein verlässlicher Partner und Freund in der Europäischen Union und trägt kontinuierlich zu ihrer Weiterentwicklung bei. Mit seiner Erfolgsbilanz hat Irland allen Anlass, seine Erfahrungen im Strukturwandel selbstbewusst und offen in die Europäische Union hineinzutragen. Für die großen Ziele, die Europa ins Auge gefasst hat, ist es wichtig, dass große wie kleine Mitgliedstaaten voneinander lernen.

Ein wichtiger Schritt, um die Europäische Union zukunftsfähig zu machen, ist mit der Unterschrift unter den Vertrag von Lissabon getan worden. Er legt die Grundlage dafür, dass die Union demokratischer, transparenter und handlungsfähiger wird. Wir Europäer müssen es schaffen, im Weltgeschehen stärker mit einer Stimme zu sprechen. Nur so können wir unsere Interessen wahrnehmen. Dann können wir auch unsere Verantwortung für eine gerechte und friedliche Weltordnung besser wahrnehmen.

Sehr geehrte Frau Präsidentin, die Präsenz Ihres Landes reicht weit über die europäischen Grenzen hinaus. Ich denke dabei nicht nur an die Generationen tüchtiger Auswanderer, die in der ganzen Welt leben, sondern auch an Irlands Stellung in der internationalen Politik. Irland hat, wie die meisten Länder der Welt, aber nur wenige in Europa, Kolonialisierung mit all ihren Folgen erleben müssen. Vor diesem Erfahrungshintergrund hat Ihr Land sich für eine Politik der Neutralität entschieden, ohne sich zugleich aus den Angelegenheiten der Welt herauszuhalten: Immer wieder hat Irland in den vergangenen Jahrzehnten Blauhelme für Missionen der Vereinten Nationen zur Verfügung gestellt. Das hat Irland viel Respekt in der Welt eingetragen.

Irlands Entwicklungspolitik ist zielgerichtet, großzügig und finanziell deutlich höher als der internationale Durchschnitt. Sie, Frau Präsidentin, stehen für ein Land, das weltoffen ist und teilen kann, und das damit für andere - auch für Deutschland - ein Vorbild ist.

Frau Präsidentin, Herr Dr. McAleese, Sie beide haben es stets als einen persönlichen Auftrag empfunden, für Frieden in ganz Irland einzutreten. Dem Einsatz von Menschen wie Ihnen ist es zu verdanken, dass die Tür für ein gemeinschaftliches Zusammenleben und eine friedliche Zukunft in Nordirland heute so weit offen steht. Die Vereinbarungen des vergangenen Jahres brachten das Ende des gewaltsamen Konflikts in Nordirland. Wir freuen uns darüber von ganzem Herzen mit Ihnen. Ein wichtiger Schritt für Frieden und Versöhnung ist getan. Nun sollen weitere Schritte folgen, damit wir endlich sagen können: Es ist geschafft. Die Bilder des Ersten Ministers Ian Paisley und des Stellvertretenden Ersten Ministers Martin McGuinness bei der Europäischen Kommission und im Weißen Haus geben Mut und Zuversicht. Sie können gewiss sein: Deutschland wird den Friedensprozess auch künftig mit Sympathie und Anerkennung begleiten.

Meine Damen und Herren, ich bitte Sie nun, mit mir das Glas zu erheben auf das persönliche Wohlergehen von Präsidentin Mary McAleese und Dr. Martin McAleese, auf die deutsch-irische Freundschaft und auf unsere gemeinsame Zukunft in Europa und in der Welt.