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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler beim Festakt anlässlich der Verleihung der Zelter- und der Pro Musica-Plakette

Der Bundespräsident am Rednerpult. Bruchsal, 2. März 2008 Foto: Bernd Kühler, BPA © Foto: Bernd Kühler, BPA

Ich freue mich, heute hier bei Ihnen in Bruchsal zu sein.

Uns hat die Musik zusammen geführt. 162 Chöre und 48 Musikvereine mit einer mindestens einhundertjährigen Geschichte sind es, die ich in diesem Jahr mit der Zelter- und der Pro Musica-Plakette auszeichne. Wenn man an die vielen, vielen Mitglieder denkt, die diese Vereine durch die letzten hundert Jahre getragen haben, und an die vielen, vielen Stunden, die Sie und Ihre Vorgänger gemeinsam musiziert haben, dann weiß man: Hier geht es um etwas Schönes, hier geht es um etwas Wichtiges, hier geht es um eine wunderbare kulturelle Tradition unseres Landes.

Man muss sich das einmal vor Augen führen: Vor einhundert Jahren jubelten die Menschen in unserem Land noch dem Kaiser zu. Die ersten Schellackplatten waren gerade auf den Markt gekommen, und bis zur ersten Radiosendung sollte es noch ein Jahrzehnt dauern.

Inzwischen ist viel geschehen: Der Kaiser ist nur noch eine ferne Erinnerung. Komplette Musiksammlungen passen auf einen kleinen MP3-Player und rund um die Uhr kann man zwischen Hunderten von Radio- und Fernsehprogrammen wählen.

Aber wie viel sich auch verändert hat: Die Freude am gemeinsamen Singen und Musizieren ist geblieben. Der beste Beweis sind unsere Chöre und Musikvereine. Und ich bin mir sicher: Sie wird es auch in einhundert Jahren noch geben.

Seit es Menschen gibt, musizieren sie. Und solange es Menschen gibt, werden sie musizieren. Und das in großer Zahl. In Deutschland engagieren sich Millionen Menschen in der Laienmusik. Das muss doch einen Grund haben. Was also ist es, das Musik ausmacht? Warum begeistern sich so viele Menschen für sie?

Schon der griechische Philosoph Aristoteles sagte: "Im Wesen der Musik liegt es, Freude zu bereiten." Recht hat er! Musik spendet Freude! Dem, der sie macht! Und dem, der sie hört! Ich sage das aus eigenem Erleben: Meine Frau und ich, wir singen selber gern. Und ich habe die besten Erinnerungen an meine Zeit im Männergesangverein Herrenberg-Mönchberg. Meine Frau wäre auch mit Sicherheit bei dieser Feier dabei, wenn sie heute nicht selber mit ihrem Chor ein Konzert in Berlin hätte.

Musik macht also Freude. Musik kann glücklich machen. Musik kann aber noch mehr: Sie macht und hält gesund. Das hat man eigentlich schon immer gesagt. Inzwischen ist es auch wissenschaftlich untermauert. Erst kürzlich wieder hat eine Studie zum Beispiel ergeben,
- dass Singen befreit und Aggressionen abbaut und
- dass Chorsänger nach der Chorprobe mehr Abwehrstoffe im Blut haben.

Also: Eine Mitgliedschaft in einem Gesangverein wäre mein nachgelieferter Vorschlag zur Verbesserung der Gesundheitsreform.

Musik hält dabei auch geistig fit. Dieselbe Studie hat nämlich auch ergeben, dass Klavier spielen das Gedächtnis verbessert, und dass allein schon das Hören von Musik dazu beiträgt, besser rechnen zu können.

Aber Musik wirkt sich nicht nur auf die kognitiven Fähigkeiten von uns Menschen aus, sie hilft uns auch, mit eigenen und fremden Gefühlen besser umzugehen, sie richtig einzuschätzen und Konflikte und Stress zu vermeiden. Und gemeinsames Musizieren fördert unser Einfühlungsvermögen, unsere Wahrnehmung und unsere Fähigkeit zur Kooperation. Musik und Musizieren trainiert also alles das, was heute als emotionale und soziale Kompetenz bezeichnet wird.

Freude, Gesundheit, kognitive Fähigkeiten, emotionale und soziale Kompetenz - davon kann ein Mensch als Individuum und auch als Teil einer Gesellschaft nicht genug haben. Es ist also richtig und es lohnt sich, die musikalischen Fähigkeiten und Fertigkeiten möglichst eines jeden von uns zu schulen - für den Einzelnen selbst und auch für unsere Gemeinschaft. Musikalische Bildung ist viel zu wichtig, um nur einigen wenigen Privilegierten vorbehalten zu sein. Sie muss unser aller Anliegen sein, und sie muss im frühen Kindesalter einsetzen. Wir alle kennen das Sprichwort "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr", und wir alle wissen aus eigener Erfahrung darum, wie spielerisch Lernen im Kindesalter sein kann und wie viel schwerer es uns Erwachsenen fällt.

Deshalb sollte in Kindergärten und Schulen das gemeinsame Musizieren seinen festen Platz haben.

Deshalb darf es nicht vorwiegend der Musikunterricht sein, der Stundenplankürzungen zum Opfer fällt.

Deshalb sind Musikschulen unverzichtbar, und wir sollten alles für ihren Erhalt tun.

Und deshalb sollten wir auch die vielen Gesang- und Musikvereine in unserem Land als einen Schatz betrachten, den es zu hegen und zu pflegen gilt. Sie tragen einen ganz wesentlichen Teil zur musikalischen Bildung und zum gesellschaftlichen Zusammenhalt in unserem Land bei.

Und darum ist es gut, dass wir die Zelter- und die Pro Musica-Plakette haben als - so sagen es die Vergaberichtlinien - Auszeichnung für besondere Verdienste um die Pflege der Chor- und der instrumentalen Musik und um das kulturelle Leben in unserem Land. Ich sehe in diesem Zusammenhang auch die Verdienste, die sich die Chöre und Musikvereine um das Miteinander in unserer Gesellschaft erwerben. Nicht zuletzt dafür haben sie Dank und Anerkennung verdient.

Und deshalb ist es mir eine große Freude, alle Vereine, die in diesem Jahr ihr 100. Gründungsjubiläum begehen, mit der Zelter- und der Pro Musica-Plakette auszuzeichnen. Stellvertretend dafür stehen der Männergesangverein Frohsinn 1908 Robern und die Stadtkapelle Laupheim.

Jetzt aber, meine Damen und Herren, freue ich mich auf noch mehr schöne Chor- und Orchestermusik. Und ich bin sicher, Sie alle freuen sich mit mir auf dieses besondere Konzert.