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Tischrede von Bundespräsident Horst Köhler beim offiziellen Empfang in Zagreb

Die Präsidenten schreiten die Ehrenformation der Armee ab Zagreb / Kroatien, 14. April 2008 Foto: Sandra Steins, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Sandra Steins, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

"Kroatien: Unterwegs in Sieben-Meilen-Stiefeln"

Meine Frau und ich sind dankbar für die Gastfreundschaft, die wir bei Ihnen in Kroatien erfahren. Es ist uns eine Ehre, Ihr Land zu besuchen. Vor zwei Wochen wurde Kroatien eingeladen, Mitglied der NATO zu werden. Wir freuen uns mit Ihnen!

Machen wir uns klar: Es ist noch keine 20 Jahre her, seit Kroatien seine Unabhängigkeit erlangt hat. In den ersten vier Jahren seiner Unabhängigkeit wurde auch Kroatien zum Schauplatz von Instabilität und kriegerischen Auseinandersetzungen. Diese brachten dem Land und seinen Menschen grausame Zerstörung und großes Leid.

Herr Präsident, meine Damen und Herren, Sie haben eine weite Wegstrecke zurückgelegt und Sie waren in Sieben-Meilen-Stiefeln unterwegs. Ihr Land hat eine beeindruckende Entwicklung durchlaufen und Deutschland ist sich der ungeheueren Kraftanstrengung bewusst, die die tief greifenden politischen, wirtschaftlichen wie gesellschaftlichen Veränderungen erfordern. Mit meinem Besuch bei Ihnen möchte ich gleichermaßen den großen Respekt meines Landes für Ihre Anstrengungen sowie Deutschlands Bereitschaft zur weiteren Unterstützung dieser Anstrengungen zum Ausdruck bringen.

Unsere Länder sind einander freundschaftlich verbunden. Über 250.000 Menschen aus Kroatien haben - manche seit Jahrzehnten - in Deutschland ihre zweite Heimat gefunden und in umgekehrter Richtung kommen viele deutsche Touristen zu Ihnen, um die landschaftlichen und architektonischen Schönheiten Ihres Landes und vor allem die Gastfreundschaft seiner Bewohner kennen zu lernen. Kroatien pflegt seine kulturellen Schätze mit viel Hingabe und Sachverstand. Die Aufnahme unter anderem der Altstadt von Dubrovnik in die Welterbeliste der UNESCO ist die verdiente Anerkennung dafür. Meine Frau und ich freuen uns auf unseren Besuch dort.

Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Kroatien und Deutschland entwickeln sich dynamisch. Deutschland nimmt beim Handelsaustausch schon seit Jahren den zweiten und bei den Direktinvestitionen inzwischen den dritten Platz ein. Ich bin überzeugt, dass wir unsere bilateralen Wirtschaftsbeziehungen zum gegenseitigen Nutzen noch weiter ausbauen können. Die Wirtschaftsdelegation, die mich begleitet, legt davon beredtes Zeugnis ab. Von dem Wirtschaftsforum, das ich morgen gemeinsam mit Ihnen, Herr Präsident, eröffnen werde, erhoffen wir uns, dass es unseren bilateralen Wirtschaftsbeziehungen weitere positive Impulse verleihen wird.

Auch im kulturellen Bereich pflegen wir intensive Beziehungen. Ich bin besonders darüber erfreut, dass so viele junge Menschen an den kroatischen Schulen und Universitäten Deutsch lernen. Die Auszeichnung des deutschen Filmes "Das Leben der Anderen" mit dem ersten Preis des Zagreber Filmfestivals 2006 hat mich gefreut. Dieser Film zeigt Ihnen, dass auch Deutschland an der Aufarbeitung seiner jüngsten Geschichte arbeitet. Vielleicht können wir voneinander lernen. Deshalb habe ich es auch sehr begrüßt, dass Kroatien in diesem Jahr Gastland der Leipziger Buchmesse war. 2005 hat Slavenka Drakulic den Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung erhalten. In den kommenden drei Jahren wollen die Messe und ihre Partner dazu beitragen, dass noch größere Neugier für die kroatische Literatur und ihre Autoren bei den Lesern in Deutschland geweckt wird. Ich wünsche allen Beteiligten dabei viel Erfolg.

Wir alle sind zuversichtlich, Kroatien in naher Zukunft als Mitgliedstaat in der Europäischen Union begrüßen zu können. Sie wissen besser als ich, dass dazu die Reformpolitik in Ihrem Land noch weiter fortgesetzt werden muss, zum Beispiel im Bereich der Justiz und der Verwaltung.

Kroatien und der westliche Balkan gehören ganz einfach zu Europa. Das schließt alle Staaten des westlichen Balkans ein, auch diejenigen, mit denen die Beitrittsverhandlungen noch nicht begonnen haben. Und Deutschland will, dass auch die EJR Mazedonien, Serbien, Kosovo, Albanien, Bosnien und Herzegowina und Montenegro am europäischen Projekt am Ende teilnehmen. Denn wir glauben, dass die gesamte Region in ihrer ganzen Vielfalt ihren angestammten Platz in Europa hat. Die Europäische Union steht für Einheit in der Vielfalt. Ich wünsche mir, dass alle Verantwortlichen in der Region auf dieser Basis zielstrebig die Zusammenarbeit mit der Europäischen Union suchen. Dafür sagen wir unsere volle Unterstützung zu.

Ein gemeinsames Europa, das geprägt ist von Frieden, Sicherheit und Wohlstand, ist keine Selbstverständlichkeit. Das wissen die Völker hier in Südosteuropa aus eigener leidvoller Erfahrung nur zu gut. Die Wunden werden nur dann wirklich heilen, wenn die Völker zur nachhaltigen Versöhnung bereit sind. Sie, Herr Präsident, stehen in besonderem Maße für dieses Ziel, und dafür sind wir Ihnen dankbar. Daran müssen aber möglichst viele arbeiten, in Kroatien, in der Region und darüber hinaus. Vor allem die Jugend der Region rufe ich auf, sich zu begegnen, miteinander zu sprechen und sich kennen zu lernen. Dies ist zum Beispiel auch ein Fundament der deutsch-französischen Freundschaft und Zusammenarbeit. Wieso soll im westlichen Balkan nicht gelingen, was nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges Deutschland und Frankreich gelang?

Es ist nicht zu leugnen: Kroatien und die Region stehen vor großen Herausforderungen, und niemand kennt heute schon alle Antworten. Um die Herausforderungen zu bewältigen, braucht es viele Voraussetzungen: eine tatkräftige Regierung, die sich ihrer Verantwortung stellt und das Vertrauen der Menschen genießt; eine funktionierende Wirtschaft, die den Menschen Arbeit und eine Perspektive gibt; und Freunde in der Welt, auf die man sich verlassen kann. Ich möchte Ihnen heute versichern: Deutschland ist ein solcher Freund. Ich glaube an eine gemeinsame gute Zukunft von Kroatien und Deutschland in Europa (auch wenn einer von uns beiden bei der bevorstehenden Fußball-Europameisterschaft besser abschneiden wird).

Meine Damen und Herren, ich bitte Sie nun, mit mir das Glas zu erheben und einen Toast auszubringen: auf die Gesundheit von Präsident Mesic und seiner Frau, auf das Wohl des kroatischen Volkes und auf die Freundschaft zwischen Kroatien und Deutschland.

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