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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler anlässlich der Festveranstaltung: 50 Jahre Aktion Sühnezeichen / Friedensdienste

Bundespräsident Horst Köhler am Rednerpult Berlin, 2. Mai 2008 Foto: Sandra Steins, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Sandra Steins, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

"Werk der Versöhnung und des Friedens"
Die Zeit vor fünfzig Jahren nennt man heute - und nannte sie damals schon: Die Zeit des "Wiederaufbaus". In der Tat wurden damals die durch den Krieg weithin zerstörten Städte unseres Landes mit großer Energie wiederaufgebaut. Das Wirtschaftswunder - das bei Lichte besehen alles andere als ein Wunder war, das aber den Menschen wie ein solches vorkam - war im Westen Deutschlands ein anderer Begriff, der diese Zeit charakterisierte. Beides zusammengenommen, Wiederaufbau und Wirtschaftswunder, richteten den Blick der Menschen nach vorn, einer besseren Zukunft entgegen, und ließen viele die Vergangenheit und damit die Verbrechen, den Krieg und die Vernichtung der europäischen Juden vergessen.

In dieser Zeit des Wiederaufbaus, der in Ost- und Westdeutschland, wenn auch auf unterschiedliche Weise, die Tagesordnung bestimmte, erinnerten Mitglieder der damals noch gesamtdeutschen Synode der Evangelischen Kirche Deutschlands daran, dass zum Wiederaufbau des Landes mehr gehört als Straßen und Städte. Viel schwieriger war der Wieder- oder besser gesagt Neu-Aufbau von Frieden und Verständigung mit den Ländern und Völkern, die Deutschland mit Krieg und Vernichtung überzogen hatte.

Die Mitglieder der Synode wussten, dass Versöhnung und Frieden nicht allein und auch nicht in erster Linie Sache von Politikern oder Sache zwischenstaatlicher Verträge sein können. Wirkliche Versöhnung kann nur stattfinden, wenn sich Menschen in die Augen sehen, und sie muss in ganz konkreten Zeichen sichtbar werden.

Von heute aus betrachtet mutet es wie ein rührender, fast naiver Idealismus an, wenn wir in dem Gründungsaufruf der Aktion Sühnezeichen von 1958 lesen: "Wir bitten die Völker, die Gewalt von uns erlitten haben, dass sie uns erlauben, mit unseren Händen und mit unseren Mitteln in ihrem Land etwas Gutes zu tun; ein Dorf, eine Siedlung, eine Kirche, ein Krankenhaus oder was sie sonst Gemeinnütziges wollen, als Versöhnungszeichen zu errichten."

Aus dieser höflich und mit Demut formulierten Bitte wurde ein Wiederaufbau-Werk ganz eigener Art. Die ersten Freiwilligen der Aktion Sühnezeichen waren einerseits ganz buchstäblich an Aufbau-Projekten beteiligt: Sie halfen beim Bau von Kindergärten, Kirchen, Synagogen. Andererseits ging mit diesem konkreten Aufbau von sichtbaren Gebäuden ein geistiger Aufbau einher: der Aufbau von Vertrauen und von menschlichen Beziehungen. Die Arbeitsleistung am Bau war hilfreich und wichtig - und die Gebäude sind bleibende Zeichen der konkreten Aufbauarbeit. Aber wichtiger war und ist das, was nicht sichtbar und schwer messbar ist: das Werk der Versöhnung und des wachsenden Friedens. Vielleicht haben es vor allem die ersten Freiwilligen der Aktion Sühnezeichen gespürt: Der Friede ist kein Zustand, der einmal erreicht ist und dann immer bleibt, sondern ein immer währender Prozess, in den sich die Menschen guten Willens begeben. Frieden und Versöhnung gedeihen da, wo man sich gemeinsam auf einen neuen Weg macht.

Die Aktion Sühnezeichen wurzelt in einem tief christlichen Verständnis von Buße, einem Verständnis, das uns möglicherweise heute so fremd geworden ist wie das Wort Sühne. Sie war aber nicht rückwärtsgewandt und verharrte nicht bei andauernder Selbstverurteilung und bei einer folgenlosen Schuld-Rhetorik, sondern sie hatte den Blick nach vorne gerichtet.

Nur so kann Friede gewonnen und immer neu lebendig erhalten werden: indem man die Vergangenheit nicht vergisst, aber gleichzeitig nach vorne schaut, und indem man gemeinsam einen neuen Weg sucht und geht. Das war und ist wohl das Geheimnis dafür, dass sich so viele junge Menschen für die Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste begeistern ließen und bis heute begeistern lassen.

Noch eines ist dem Gründungsaufruf für die Aktion Sühnezeichen zu entnehmen: Versöhnung kann man weder fordern noch erzwingen - auch nicht durch "gute Werke" wie den Aufbau von Gebäuden. Um Versöhnung kann man bitten - und man kann dafür arbeiten.

Ich freue mich darüber, dass seit den Gründungstagen immer wieder junge Menschen bereit waren, sich längerfristig für diese Versöhnungsarbeit zu engagieren. Und bei meinen Reisen - ob nach Polen, ob nach Israel - stoße ich auf diese jungen Menschen und sie machen mir Mut.

Ganz besonderen Respekt habe ich vor der Beharrlichkeit, mit der die Aktiven der Aktion Sühnezeichen in der DDR ihre Ziele verfolgt haben. Trotz vielfacher Schikanen und Behinderungen haben sie nicht aufgegeben. Sie waren für das Regime unbequem. Denn mit ihren Aktionen und Projekten waren sie der lebendige Gegenbeweis zur offiziellen Lehre, dass in der DDR als dem sogenannten antifaschistischen Staat niemand mehr Verantwortung übernehmen müsse für das begangene Unrecht. Besonders hervorzuheben ist der Einsatz für Erhalt und Pflege von jüdischen Friedhöfen, um die sich sonst in der DDR wohl niemand gekümmert hat.

Die Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste steht in vielfacher Hinsicht für positive Grenzüberschreitung.

Da ist zuerst die Tatsache, dass man trotz der Teilung Deutschlands an der gemeinsamen Sache und an der gemeinsamen Idee festhielt. Wenn auch die Westdeutschen nicht nach Osteuropa und die Ostdeutschen nicht nach Westeuropa und Israel konnten, so blieb doch immer die gemeinsame Haltung und Zielsetzung: in aller Bescheidenheit und ganz praktisch zu zeigen, dass junge Deutsche aus beiden Teilen des Landes in der Welt Gutes aufbauen wollen.

Die zweite Dimension der Grenzüberschreitung war von Anfang an die ökumenische Orientierung. Zwar hatte die evangelische Synode zur Gründung aufgerufen, aber schon in diesem ersten Aufruf ausdrücklich Menschen aller Konfessionen zur Mitarbeit eingeladen. Das war vor 50 Jahren sicher mutiger als es sich heute anhört und keineswegs selbstverständlich.

Und dann - drittens - die Hilfe und die Aufbauarbeit jenseits der Grenzen selber. Es war sicher eine gute Idee, die Versöhnungsarbeit nicht hauptsächlich mit Konferenzen oder Gesprächsrunden oder Friedensseminaren zu beginnen. Nach den langen Jahren der Sprachlosigkeit und der Entfremdung fällt es schwer, einfach miteinander ins Gespräch zu kommen. Da können Grenzen wohl am besten überwunden werden, indem man gemeinsam etwas Konkretes auf die Beine zu stellen versucht. Praktische Zusammenarbeit ist der Königsweg zur Verständigung. Gemeinsames Handeln baut die verlässlichste Brücke, die zu Frieden und Versöhnung führen kann.

Durch den Freiwilligendienst wird noch eine andere, sehr subtile Grenze berührt, die aber vielleicht nur eine eingebildete Grenze ist: Ich meine die Grenze zwischen Engagement und Selbstverwirklichung. Im gemeinsamen Einsatz für ein Ziel, im Einsatz für andere und in anderen Ländern kann man auch für sich persönlich unendlich viel gewinnen. Ich glaube, dass man hier unvergleichliche Erfahrungen machen kann, die einen für das weitere Leben prägen - und stärken! Es kostet anfangs ganz sicher Mut, manchmal sogar Überwindung, in einem anderen Land mit Menschen aus unterschiedlichen Herkünften und Kulturen zusammenzuleben und zu arbeiten. Nicht nur die fremde Sprache ist da eine Herausforderung. Es ist auch nicht von vornherein selbstverständlich, ein Stück Lebenszeit dem Dienst an anderen zu widmen und nicht der eigenen Karriereplanung.

Ich denke aber - und wir werden ja gleich auch Erfahrungsberichte aus verschiedenen Generationen hören -, dass hier ganz große Chancen für die persönliche Entwicklung jedes und jeder Einzelnen liegen. Es knüpfen sich Kontakte, die über oberflächliche Urlaubsbekanntschaften hinausgehen; man lernt ein anderes Land sehr gut kennen, gerade auch die soziale Wirklichkeit; man lernt, sich in anderen Umgebungen zu verhalten und andere Sprachen zu sprechen. In all dem erfährt man gewiss auch sich selber noch einmal ganz anders und kann dann vielleicht Ziel und Sinnrichtung des eigenen Lebens besser erkennen oder sogar ganz neu finden.

Die Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste hat sich selber auch verändert und hat neue Ziele und Arbeitsfelder für sich entdeckt, neue Arten von Kooperation und Partnerschaft, an die vor fünfzig Jahren nur die kühnsten Optimisten zu denken gewagt haben. Dass sich heute zum Beispiel junge deutsche und polnische Freiwillige gemeinsam in trilateralen Projekten in England engagieren - das ist im Hinblick auf die Geschichte nicht nur ein kleines Wunder, das ist auch gelebtes Europa der Gegenwart. In Israel kümmern sich die Freiwilligen um die Überlebenden der Schoah und sie arbeiten in Programmen zur jüdisch-arabischen Verständigung. Auch das zeigt: Die Verpflichtung aus der Vergangenheit und der Blick nach vorn gehören zusammen. Was als Programm der Sühne und mit der Bitte um Versöhnung begann, ist inzwischen zur internationalen Friedensarbeit geworden.

Es war ein kleiner bescheidener Anfang vor 50 Jahren. Aber es war die richtige Idee zu richtigen Zeit und so haben sich viele Menschen im Laufe der Zeit davon anstecken lassen. Sie haben in ihren freiwilligen Diensten viel Gutes bewirkt und sicher auch viel Gutes erfahren. Ich danke allen, die sich in die Aktion Sühnezeichen eingebracht haben und dies auch weiterhin tun. Und ich bin mir sicher, dass die ASF eine Zukunft hat - weil auch in Zukunft die Freiwilligendienste in der ASF wichtig und notwendig bleiben für das friedliche Zusammenleben in unserereinenWelt.