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Tischrede von Bundespräsident Horst Köhler anlässlich des Abendessens zu Ehren des ehemaligen Generalsekretärs der Vereinten Nationen, Herrn Kofi Annan

Bundespräsident Horst Köhler überreicht Kofi Annan eine Mappe Berlin, 5. Mai 2008 Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

"Arbeiten für eine bessere Welt"

Lieber Kofi Annan, liebe Nane Annan, meine sehr geehrten Damen und Herren, herzlich willkommen in Schloss Bellevue. Meine Frau und ich, wir freuen uns, dass Sie bei uns sind. Wir möchten mit diesem Beisammensein Kofi Annan, den ehemaligen Generalsekretär der Vereinten Nationen, ehren.

Deutschland, lieber Kofi, ist Ihnen dankbar für Ihr unermüdliches, erfolgreiches Arbeiten für eine bessere Welt. Sie haben das Gesicht der Vereinten Nationen über viele Jahre geprägt, und Sie haben der internationalen Staatengemeinschaft treu als ehrlicher Makler gedient. Der Friedensnobelpreis war dafür die verdiente Anerkennung. Heute war es mir ein besonderes Anliegen, Sie mit dem Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland auszuzeichnen.

Meine Frau und ich, wir erinnern uns außerdem sehr gern an unsere Begegnungen im Haus der Annans in New York. Heute wollen wir uns, liebe Nane, ein wenig revanchieren. Zumal Kofi Annan ja vor kurzem noch einen runden Geburtstag hatte. Es ist schön, auch dies mit Ihnen allen zu feiern.

Lieber Kofi, persönlich kennen gelernt haben wir uns im "United Nations System Chief Executives Board for Coordination". Sie haben es mit den Diskussionen dort geschafft, auch stolze eigenständige Institutionen wie die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds zu Mitgliedern der VN-Familie zu machen. Wie Sie wissen, habe ich diese Mitgliedschaft ernst genommen. Und ich glaube, dass die Zusammenarbeit der verschiedenen multilateralen Institutionen unter der Koordination des Generalsekretärs der Vereinten Nationen noch sehr viel stärker werden kann. Bei unserem ersten Zusammentreffen im Chief Executives Board hat mir Kofi Annan in einem persönlichen Gespräch Vertrauen und Loyalität zugesagt. Dieses Versprechen hat er über die ganze Zeit unserer Zusammenarbeit eingehalten - wofür ich noch heute dankbar bin.

Vertrauen zu schenken und Vertrauen zu empfangen - das ist es wohl, was Kofi Annan vor allem auszeichnet. Und das ist auch die Wurzel seiner erfolgreichen Arbeit bei den Vereinten Nationen und bis heute.

In Ghana, dem Heimatland Kofi Annans, gilt Zurückhaltung als Stärke, Ungeduld als Schwäche und Vergebung als das höchste Maß an menschlicher Größe. Dieser Einfluss afrikanischer Kultur hat die Vereinten Nationen sicherlich bereichert. Dazu gehört auch eine persönliche Erkenntnis Kofi Annans aus eigener Erfahrung: "Man muss zuhören und sich umsehen, sonst kann man schwere Fehler begehen." Schade nur, dass es so lange braucht, bis alle Mitglieder der Vereinten Nationen diese Erkenntnis begreifen. Sonst könnten wir schon weiter sein in dem Bewusstsein, dass die Völker und Nationen auf unserem Planeten aufeinander angewiesen sind und kein Staat das Wohl seines Volkes dauerhaft mehren kann, ohne Rücksicht auf andere zu nehmen.

Lieber Kofi, Sie haben als Generalsekretär drei globale Herausforderungen benannt, an denen Sie Ihr Handeln ausgerichtet haben: Entwicklung, Frieden und Menschenrechte. Immer wieder haben Sie deutlich gemacht, wie sehr diese drei Ziele miteinander verwoben sind und nicht voneinander getrennt werden können. Ich darf Sie zitieren: "We will not enjoy development without security, we will not enjoy security without development, and we will not enjoy either without respect for human rights". Es ist 10 Jahre her, dass Sie diese Grundgedanken in Ihrem Bericht über Konfliktursachen und Friedensentwicklung in Afrika formuliert haben. Schon damals führten Sie der Internationalen Gemeinschaft ihren Anteil an der Verantwortung für das Schicksal Afrikas vor Augen.

Sie haben in Ihrer langjährigen Tätigkeit in den Vereinten Nationen schon früh erkannt: Es geht um eine Entwicklungspolitik für den gesamten Planeten, also auch um Veränderung in der sogenannten entwickelten Welt. Diesen Gedanken trieben Sie im Millenniumsbericht der Vereinten Nationen vom April 2000 voran: Halbierung der Armut bis 2015, Eindämmung von Gewalt und Konflikten, Verbesserung der Bildung, Bekämpfung von Aids und Schutz der Umwelt, Aufbau einer globalen Entwicklungspartnerschaft. Auf diese Ziele haben sich dann 189 Staats- und Regierungschefs in der Millenniumserklärung verpflichtet. Die Meßlatte war hoch gelegt, doch sie dokumentiert bis heute den sachlichen und moralischen Anspruch der Vereinten Nationen an sich selbst. Wie weit wir von der Erreichung dieser Ziele heute noch entfernt sind, das muss uns aufrütteln. Die Industrieländer tun sich offenkundig schwer damit, gegebene Zusagen einzuhalten, und Sie selbst, Kofi, haben die armen Länder aufgefordert, sich ihrerseits mehr anzustrengen, damit Hilfe von außen auf fruchtbaren Boden fallen kann. Ich will es einfach so sehen: Alles, was unerledigt ist, soll uns Ansporn zu noch mehr Einsatz sein.

Aufgrund Ihrer ganzheitlichen Sicht, lieber Kofi, verstanden Sie die Idee der globalen Entwicklungspartnerschaft immer auch unter Einschluss der Privatwirtschaft. Deshalb haben Sie 1999 den Global Compact initiiert. Ich freue mich darüber, dass Ihrem Aufruf mittlerweile weltweit mehr als 4.000 Unternehmen gefolgt sind und sich gegenüber den Vereinten Nationen zur Achtung der Menschenrechte, zu Arbeits- und Sozialstandards und zum Kampf gegen Korruption und Ausbeutung verpflichtet haben. Sicher auch in Ihrem Namen sage ich: Diese Zahl darf weiter steigen!

88.000 Blauhelme der Vereinten Nationen setzen sich gegenwärtig mit Leib und Leben bei weltweit 20 Einsätzen für Stabilität und Frieden ein. Auch diese Tatsache ist untrennbar verbunden mit dem Namen Kofi Annan. Sicher: Man kann sich darüber streiten, ob jeder Einsatz als durchschlagender Erfolg gewertet werden kann. Aber es steht außer Zweifel, dass unzählige Menschenleben gerettet worden sind. Und Ihr Verdienst ist es, lieber Kofi, die Staatengemeinschaft immer wieder daran erinnert zu haben, dass Wegschauen bei Konflikten keine Lösung ist.

Sie haben dabei immer auch darauf hingewiesen: Frieden kann nicht allein mit militärischen Mitteln gewonnen werden. Letztlich müssen Köpfe und Herzen der Menschen überzeugt werden, um Missionen der Vereinten Nationen zum Erfolg zu führen.

Mit der Geschichte der Blauhelmeinsätze verbinden wir leider auch die Erfahrungen von Ruanda und Srebrenica. Kofi, dieses Versagen der Staatengemeinschaft hat Sie nachhaltig geprägt.

Sie haben sich darauf die Frage gestellt: Gibt es im Angesicht von Genozid und anderen schwersten Menschenrechtsverletzungen so etwas wie eine Handlungspflicht der Staatengemeinschaft?

Sie haben diese Frage bejaht und das Konzept der "Responsibility to Protect", der Schutzverantwortung, entwickelt. Wie sie verbindlich umgesetzt werden kann, dazu gibt es noch viele offene Fragen. Aber es kann Ihnen eine Genugtuung sein, und uns allen muss es eine Mahnung sein, dass sich Papst Benedikt jüngst vor dem Forum der Vereinten Nationen so nachdrücklich zum Prinzip der Schutzverantwortung bekannt hat.

Lieber Kofi, wir alle wissen: Wir werden dieser Pflicht zum Handeln wohl nie vollständig und fehlerfrei genügen können. Wir Menschen sind gefangen in unserer Unzulänglichkeit. Eine Rechtfertigung zur Untätigkeit kann das aber nicht sein. Sie selber haben das so formuliert: "Wenn wir auch nicht alle Menschen überall schützen können, so ist das doch kein Grund, dort, wo wir dies vermögen, tatenlos zu bleiben." Ich bin froh und dankbar, dass Sie die Vereinten Nationen immer auch als moralische Instanz der Völkerfamilie verstanden haben.

Und Sie bleiben sich treu: In Kenia haben Sie den Anspruch der Schutzverantwortung kürzlich mit ganz persönlichem Engagement in die Tat umgesetzt: Ja, es gab das Risiko des Scheiterns. Doch Sie haben sich rasch und entschlossen eingeschaltet, um zu vermitteln. Und Ihr Erfolg zeigt: Mut ist nötig, wenn wir wollen, dass die Schutzverantwortung optimal wirken kann, nämlich präventiv.

Meine Damen und Herren, ich teile Kofi Annans Überzeugung, dass wir die Trias Entwicklung, Frieden und Menschenrechte im konkreten politischen Handeln durchgängig als Einheit verstehen und umsetzen müssen. Dazu aber brauchen wir die Einsicht und die Kraft aller Staaten dieser Welt zu einer neuen, kooperativen Weltpolitik. Ihr Nachfolger, Generalsekretär Ban Ki-moon, hat sich dazu nachdrücklich bekannt. Die Vereinten Nationen sind der natürliche und legitime Rahmen hierfür. Kofi Annan hat für ihre Stärkung wichtige Reformanstöße gegeben. Es liegt in unser aller Interesse, sie aufzugreifen und weiterzuentwickeln.

Lieber Kofi, liebe Nane, Sie sind in Ihrem Engagement und in Ihrer Ausstrahlung für viele Menschen in der ganzen Welt Vorbild: Vorbild als Weltbürger, Vorbild aber auch, dass es möglich ist und Sinn hat, für eine bessere Welt zu kämpfen. Bleiben Sie beide so, wie Sie sind.

Meine Damen und Herren, ich bitte Sie, mit mir auf das Wohl von Kofi und Nane Annan anzustoßen. Ad multos annos.