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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler anlässlich der Festveranstaltung zum 50. Gründungstag der Friedrich-Naumann-Stiftung

Bundespräsident Horst Köhler am Rednerpult Bonn, 19. Mai 2008 Foto: Ulrich Wienke, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Ulrich Wienke, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

"Gerechtigkeit in der Freiheit"

"Demokratie ist keine Glücksversicherung, sondern das Ergebnis politischer Bildung und demokratischer Gesinnung." So sah es Theodor Heuss. Also machte er sich an die Arbeit und versammelte auf den Tag genau vor 50 Jahren einen Kreis liberaler Mitstreiter in der Villa Hammerschmidt, um eine Stiftung zu gründen, deren vornehmliches Ziel bis heute die politische Bildung ist. Ihr Name: Friedrich-Naumann-Stiftung.

Heuss wählte also seinen politischen Ziehvater zum Namenspatron. Friedrich Naumann: ein Mann, der niemals einer Regierung angehört hatte, aber ein Mann, der schon begeisterter und begeisternder Parlamentarier war, bevor überhaupt die parlamentarische Demokratie in Deutschland ihre erste Chance bekam. Sächsischer Pastor, Sozialreformer, ein Mann, der eine Generation führender Denker und Politiker mitgeprägt hat, die den Aufbau der Bundesrepublik gestaltet haben. Ein Mann der Ideen, des Wortes, ein mitreißender Redner.

Und auch ein Mann der Tat. Naumann hatte erkannt: Die Demokratie braucht "tätige Staatsbürger", um zu gedeihen. Seine Schlussfolgerung: "Der guten Jugend wollen wir helfen, dass sie über uns hinauswächst". Dazu entwickelte er das Konzept einer "Staatsbürgerschule", Jahrzehnte später tendenziell umgesetzt im Otto-Suhr-Institut an der Freien Universität Berlin.

Alfred Döblin hat einmal geschrieben, dass die erste deutsche Demokratie scheiterte, weil sie eine "Republik ohne Gebrauchsanweisung" war. Jungen Menschen durch politische Bildung eine taugliche Gebrauchsanweisung mit auf den Weg zu geben - das war eine der Triebfedern, die vor fünfzig Jahren zur Gründung der Friedrich-Naumann-Stiftung führten. Sie trägt seit nunmehr einem halben Jahrhundert auf vielfältige Weise zu unserer politischen Kultur bei. Es ist tägliche, praktische, handfeste Arbeit an und für unsere Demokratie. Dafür danke ich Ihnen, Herr Dr. Gerhardt, und allen Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ganz herzlich.

Hervorheben möchte ich auch, dass die Friedrich-Naumann-Stiftung sehr schnell die große Bedeutung des Themas "Entwicklungszusammenarbeit" in unserereinenWelt erkannte. Dass der erste Minister für Wirtschaftliche Zusammenarbeit Walter Scheel hieß und einer Partei angehörte, die der Naumann-Stiftung nahe steht, war für die Auslandsarbeit der Stiftung kein Schaden, und ebenso wenig die Übernahme des Außenministeriums durch ihn und andere liberale Politiker. "Hilfe zur Selbsthilfe" - das war die unter Walter Scheel konkretisierte Formel der Entwicklungszusammenarbeit. Sie ist bis heute zielführend und wird doch so oft vernachlässigt.

Die politischen Stiftungen sind ein Aushängeschild unseres Landes. Sie haben viel zu Deutschlands gutem Ruf im Ausland beigetragen und ergänzen die Arbeit der diplomatischen Vertretungen. Und umgekehrt tragen die Mitarbeiter der Auslandsbüros ihre Erfahrungen zurück nach Deutschland. Die Auslandsarbeit der politischen Stiftungen ist so ein wechselseitiger Lernprozess zum allseitigen Nutzen. Und ein Erfahrungsschatz, der immer wieder verfügbar gemacht werden muss für die politische Arbeit - bei uns in Deutschland und international.

Eine Stiftung, die den Zusatz "Für die Freiheit" im Namen trägt, ist besonders gefordert bei der Frage, wie unser Gemeinwesen im Spannungsfeld zwischen Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit gestaltet werden soll. Ganz im Sinne Friedrich Naumanns, wonach Freiheit eben nicht als Lizenz zur Unverbindlichkeit missverstanden werden darf, sondern sich aus freiem Willen und eigener Erkenntnis bindet in Verantwortung.

Wer wollte bestreiten, dass dies Themen sind, die uns jeden Tag begegnen, dass wir mittendrin sind in einer Zeitenwende, in der wir die Balance zwischen Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit neu austarieren müssen? Und dies übrigens vor allem im globalen Maßstab. Armut in der Welt bedroht am Ende Frieden und Stabilität am meisten.

Im Zentrum liberalen Denkens steht ein Menschenbild, das jedem Menschen etwas zutraut - und deshalb etwas von ihm erwartet. Wir sind gefangen in unserer Unzulänglichkeit, sagt dieses Menschenbild, aber wir sind zur Freiheit begabt. Jeder hat Ideen und Talente, und die Einzigartigkeit eines jeden von uns verlangt danach, Berücksichtigung zu erfahren. Deshalb bedeutet Freiheit zwangsläufig immer auch Ungleichheit. Ungleichheit kann die Quelle von Anstrengung, Kreativität und Dynamik sein. Nur wenn Ungleichheit unüberwindbar wird und von Chancen und Teilhabe ausschließt, dann wirkt sie lähmend und fügt dem Zusammenhalt einer Gesellschaft Schaden zu.

Es ist ein Gebot der Gerechtigkeit, allen die Chance zu geben, ihre Talente zu entwickeln und durch Leistung sozialen Aufstieg zu erreichen. Das ist zugleich eine der wichtigsten Antriebskräfte für die Leistungsfähigkeit unseres ganzen Landes. Wer also glaubwürdig für Freiheit in einer offenen Gesellschaft werben will, der muss für Durchlässigkeit der Gesellschaft sorgen. Beweglichkeit von unten nach oben: Auch daran macht sich der Wert der Freiheit für den einzelnen fest. Da haben wir bei uns leider Nachholbedarf.

Deshalb lautet meine Empfehlung an alle, die sich dem Freiheitsgedanken verpflichtet fühlen: Ringen Sie um Gerechtigkeit in der Freiheit. Tragen Sie Sorge dafür, dass Freiheit nicht zur Verteidigung von Privilegien missbraucht werden kann. Arbeiten Sie mit daran, dass gerade diejenigen, die sich heute als chancenlos empfinden, dazu ertüchtigt werden, in eigener Leistung und Selbstbestimmung ihr Leben zu gestalten und zu meistern. Dafür bleibt das A und O Bildung - nicht verkürzt auf einen Set berufsqualifizierender Abschlüsse und "Kompetenzen", sondern verstanden als glückliche Verbindung von Kenntnissen, Können und Verantwortungsbereitschaft. Gleiche Bildungschancen - das ist die wichtigste Form sozialer Gerechtigkeit.

Die Friedrich Naumann Stiftung hat in 50 Jahren viel Gutes auf den Weg gebracht. Sie leistet im In- und Ausland einen wertvollen Beitrag dazu, die Demokratie zu verstehen, wertzuschätzen und hochzuhalten.

Wer Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit unter einen Hut bekommen will, der nimmt sich einiges vor. Ich wünsche mir, dass die Stimme der Friedrich-Naumann-Stiftung auch weiterhin deutlich vernehmbar bleibt - beratend, wenn nötig mahnend. Ich wünsche uns allen, dass die Stiftung weiterhin Menschen in Deutschland und in aller Welt prägt und rüstet dafür, demokratische Verantwortung zu übernehmen und ihre Mitbürger zu begeistern für Freiheit und Verantwortung. Und ich wünsche unserer Demokratie einen großen Reichtum an Demokraten, wie Friedrich Naumann einer war.