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Richtung und Maß im Handeln - Laudatio von Bundespräsident Horst Köhler auf Dr. Hanna Renate Laurien aus Anlass ihres 80. Geburtstags

Bundespräsident Horst Köhler unterhält sich mit Hanna Renate Laurien Berlin, 20. Mai 2008 Foto: Sandra Steins, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Sandra Steins, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

Liebe Frau Dr. Laurien, liebe Gäste, seien Sie alle herzlich willkommen im Schloss Bellevue. Ich freue mich darüber, dass Sie heute hier sind und dass wir gemeinsam Ihren Geburtstag, liebe Frau Dr. Laurien, nachfeiern können.

Sie haben hier in Berlin viele Jahre lang als Schulsenatorin und in anderen wichtigen Ämtern gewirkt und dabei denkwürdige Spuren hinterlassen. Obwohl Ihre Zeit als aktive Politikerin nun schon eine Weile zurückliegt, erinnern sich doch ungewöhnlich viele Menschen an Sie - in Berlin und auch an Ihren früheren Wirkungsstätten. Das liegt gewiss nicht nur an dem liebevoll-anerkennenden Spitznamen, mit dem die Berliner Sie in Anerkennung Ihrer Schlagfertigkeit bedacht haben und der das Erinnern natürlich erleichtert. Und es liegt auch nicht allein daran, dass Ihr Wirken über Berlin und Rheinland-Pfalz weit in die ganze Republik ausstrahlte, denn selbst das ist keine Garantie dafür, dass die Menschen einen nicht vergessen.

Nein, in so guter Erinnerung sind Sie geblieben, weil Sie sich - überall wo Sie wirkten und gleich, was Sie taten - große Anerkennung erarbeitet haben, selbst bei Menschen, die Ihre politische Meinung nicht teilten. Bei Ihnen spürt man, dass Sie ehrlich meinen, was Sie sagen, und dass Sie das, was Sie unternehmen, mit ganzem Herzen tun. Es habe Spaß gemacht, sich mit Ihnen zu streiten, erinnerte sich ein GEW-Vertreter kürzlich. Und die "Zeit" nannte Sie einmal eine ebenso "disziplinierte wie menschenfreundliche Intelligenzbestie". Ich finde, mit solchen Zuschreibungen kann man gut leben.

Wer sich so souverän durchs Leben bewegt wie Sie und dabei anderen Menschen das Gefühl vermittelt: "Eure Anliegen sind bei mir gut aufgehoben", der hat meist einen klaren Kompass. Für Sie, liebe Frau Laurien, ist dieser Kompass der christliche Glaube. Auch im weltlichen Geschäft der Politik haben Sie nie ein Hehl daraus gemacht, dass es dieser Glaube ist, der Ihnen Kraft und Orientierung gibt. Und zugleich gab und gibt dieser Glaube Ihnen Freiheit: die Freiheit zu unkonventionellen Entscheidungen und auch die Freiheit, für das zu streiten, was Sie für richtig halten, und gegen alle, die es dabei zu überzeugen gilt - die Autoritäten der eigenen Kirche eingeschlossen.

In dieser Haltung spiegelt sich Ihr Glaubensweg wider, der Sie aus einem protestantischen Elternhaus in die katholische Kirche geführt hat: Sie leben die protestantische "Freiheit des Christenmenschen" - und zugleich sind Sie auf eine sehr katholische Weise geborgen und erlöst. Ihr Engagement in Kirche, Gesellschaft und Politik ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass beides nicht im Widerspruch steht, sondern sich wechselseitig stützt und beglaubigt.

Ihre Klugheit, Ihre Redlichkeit und Ihre Prinzipienfestigkeit geben Ihrem Handeln Richtung und Maß. Für die Dynamik sorgt Ihre Leidenschaft. Sie sollen einmal gesagt haben, es seien die Gleichgültigen, die Sie aufregen. Und in der Tat: Gleichgültig waren Sie nie. Sie haben Partei bezogen und Sie haben mit Leidenschaft für Ihre Ziele gekämpft. Sie wussten: Was man nicht selber tut, tut oft leider auch kein anderer. Sie haben nicht nur über Werte geredet - das kann jeder -, sondern Sie haben Werte in Handlungen übersetzt und umgesetzt. Sie haben dabei stets Nägel mit Köpfen gemacht, halbe Sachen sind Ihre Sache nicht. Liebe Frau Laurien, wir könnten von Ihrer Sorte Politiker heute mehr gebrauchen.

Ob politische Partner, ob Gegner - alle wissen Ihr zielstrebiges, faires Verhalten zu würdigen. Sie haben allerdings nicht erst mit Ihrem Eintritt in die Politik begonnen, Ziele zu bestimmen und Kurs zu halten. Als junge Studentin wirkten Sie beispielsweise hier in Berlin an der Grün-dung der Freien Universität mit. Sie und viele andere junge Menschen wollten sich nicht an der Humboldt Universität von der sowjetischen Besatzungsmacht und der SED indoktrinieren und in Ihrem Wissensdrang behindern lassen. Also gründeten sie eine eigene Universität im Westteil der Stadt. Bedenkt man, dass die letzte Gründungsphase der Freien Universität in die Zeit von Blockade und Luftbrücke fiel, kann man ermessen, welchen Mut und welches Vertrauen in die Zukunft Sie alle damals hatten und wie wichtig Ihnen eine freie und umfassende Bildung war.

Erst relativ spät im Leben sind Sie in eine politische Partei eingetreten, in die CDU. Bernhard Vogel wusste, was er an Ihnen hatte, und so wurden Sie bald Kultusministerin in Rheinland-Pfalz. Später in Berlin wirkten Sie als Schulsenatorin. Auf beide Posten waren Sie durch 20 Jahre Schuldienst gründlich vorbereitet. Außerdem wurden Sie stellvertretende Bürgermeisterin von Berlin. Und bis heute sind Sie die einzige Frau, die je Präsidentin des Abgeordnetenhauses von Berlin war - ich hoffe allerdings, dass Sie diesen Rekord nicht auf ewig halten werden.

Viele der Themen, für die Sie sich eingesetzt haben und noch einsetzen, haben nichts von ihrer Aktualität verloren. 1992 riefen Sie die Berliner zu Demonstrationen gegen Ausländerfeindlichkeit und Rassismus auf. Sie haben zum Handeln aufgefordert, als die allgemeine Stimmung noch zum Abwarten und Abwiegeln tendierte. Immer wieder haben Sie auf die Dringlichkeit der Integration von Zuwanderern hingewiesen. Schon Anfang der 80er Jahre reduzierten Sie in Hauptschulklassen mit hohem Ausländeranteil die Schülerzahl, um den Kindern eine bessere Betreuung zu ermöglichen. Auch die Zahl der Deutschstunden haben Sie erhöht. Heute begreifen wir, dass wir deutschlandweit bessere Bildungschancen für Schüler mit Migrationshintergrund schaffen müssen. Sie waren der Mehrheit mit dieser Erkenntnis um einiges voraus.

Die Gleichberechtigung von Frauen ist ein weiteres großes Thema, für das Sie stehen, und auch hier übernahmen Sie eine Vorreiterrolle. Weg von Klischees, hin zu echten Chancen, Familie und Berufstätigkeit zu vereinbaren und auch in der Kirche ein Wörtchen mitreden zu dürfen: Dass wir in Sachen Gleichberechtigung ein Stück weiter sind als vor 30 oder 40 Jahren, dazu haben Sie viel beigetragen. Mit der Ihnen eigenen Hartnäckigkeit haben Sie sich immer wieder für die Belange von Frauen eingesetzt - durch konkrete Hilfe im Einzelfall, aber auch, indem Sie an starren Regelwerken und störrischen Mentalitäten rüttelten. Ihre Haltung: "Nicht erfüllte Forderungen müssen so lange wiederholt werden, bis sie erfüllt sind", erwies sich auch da immer wieder als nützlich.

Bis heute engagieren Sie sich auf zahlreichen Gebieten. Ihre Politikerkarriere haben Sie vor einigen Jahren beendet, doch erfreut hört oder liest man immer wieder Ihre Meinung zu aktuellen Themen. Auch für Ihre Ehrenämter in Kirche und Gesellschaft bleibt Ihnen jetzt mehr Zeit. Ich werde gar nicht versuchen, die alle aufzuzählen, denn erstens ist die Gefahr groß, dass ich von dieser Fülle etwas Wichtiges vergesse; und zweitens will ich Sie und die Küche nicht länger warten lassen. Und Sie selbst, liebe Frau Laurien, und vielleicht auch einige Ihrer Gäste, haben diese Aufzählungen ja in den letzten Tagen bestimmt schon des Öfteren gehört. So möchte ich nun Sie, liebe Gäste, bitten, mit mir das Glas zu erheben auf Hanna Renate Laurien - ad multos annos!