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Tischrede von Bundespräsident Horst Köhler beim Abendessen für die Mitglieder des Ordens Pour le mérite

Der Bundespräsident und Frau Köhler sitzen in der ersten Reihe Berlin, 2. Juni 2008 Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

Verehrte Mitglieder des Ordens Pour le mérite, meine Damen und Herren, seien Sie einmal mehr herzlich willkommen in Schloss Bellevue! Es ist gute Tradition, dass der Protektor des Ordens dessen Mitglieder einmal im Jahr zu einem Abendessen ins Bellevue einlädt. Und es soll gute Tradition bleiben, dass vor Speis und Trank die Tischreden gesetzt sind.

Solche wiederkehrenden Handlungen und erprobten Formen gibt es viele - von der Zeitungslektüre am Frühstückstisch als einer Art säkularisiertem Morgengebet bis zum Festkalender des Kirchenjahres. Die kleinen Rituale stiften im Tages-Einerlei, was Odo Marquard, der Philosoph, "Trivialorientierung" genannt hat, und die großen Rhythmen können Sinn und Halt geben im Jahres- und im Lebenslauf.

Darum ist es nicht verwunderlich, dass auch der Orden Pour le mérite seine wiederkehrenden Handlungen hat, deren Ursprünge oft weit in die Geschichte zurückweisen. Diese Bräuche geben ihm Kontur, steigern das Zusammengehörigkeitsgefühl seiner Mitglieder und erhöhen seinen Wiedererkennungswert. Wenn zum Beispiel die Ordensmitglieder und der Bundespräsident so wie heute feierlich ins Konzerthaus Berlin einziehen, dann zählt wohl mancher bei sich, wie oft er diese schöne Zeremonie schon erlebt hat und wie gut es doch ist, diesen einen Tag im Jahr immer wieder so zu begehen.

Nun haben wir in Deutschland, meine Damen und Herren, allerdings ein eher gebrochenes Verhältnis zu öffentlichem Zeremoniell und Ritual. Das hat vor allem auf dem Feld der staatlichen Repräsentation zu großer Zurückhaltung, manchmal sogar Kargheit geführt. Uns Deutschen steht in diesen Dingen nach dem Rausch von Pathos und Gewalt im vergangenen Jahrhundert wohl eine gehörige Portion Sachlichkeit gewiss gut zu Gesicht. Aber es gibt auch in der Demokratie einen berechtigten Bedarf an Form und Stil im Dienste des Gemeinwesens. Darüber wird vielleicht noch zu selten nachgedacht; und größere Debatten um staatlichen Stil wie etwa die Diskussion um die Gestaltung der Gedenkstätte in der Neuen Wache Unter den Linden oder auch um die Reichtagsverhüllung vor einigen Jahren sind Ausnahmen geblieben. Von der Paradenseligkeit anderer Demokratien sind wir weit entfernt, und wenn die Bundeswehr einmal zum Großen Zapfenstreich einlädt, dann doch selten, unregelmäßig, aus gegebenem Anlass und eindeutig ohne Breitenwirkung. Ich glaube, da ist insgesamt eine gemeinschaftsstiftende Ressource noch zu wenig entdeckt und zu wenig "raffiniert" worden. Vielleicht gibt dafür das kommende Jahr mit dem Doppelgedenken an 1949 - unser Verfassungsjahr - und 1989 - unser Jahr des Falls der Mauer und des Beginns der Deutschen Einheit - und mit der Feier des seither Erreichten neue Impulse. Denn gute Substanz für gute Traditionen hat unsere Demokratie in den vergangenen 60 Jahren ganz gewiss aufgespeichert.

Jedenfalls beginnen anscheinend die Deutschen inzwischen ihr Verhältnis zu Zeremoniell und Tradition doch zu entkrampfen. Ich finde es zum Beispiel gut, dass es an vielen Hochschulen wieder akademische Feiern zum Studienabschluss gibt. Ich finde es richtig, dass in immer mehr Schulen tägliche Rituale und wiederkehrende Feste bewusst dazu genutzt werden, das Schulleben zu strukturieren und Gemeinschaft zu stiften. Und ich finde es klug, dass es in manchen Städten inzwischen die Tradition gibt, der Einbürgerung von Menschen mit ausländischen Wurzeln einen festlichen Rahmen zu geben.

In einer Zeit so mancher Beliebigkeit und wachsender Komplexität schaffen Traditionen Vertrauen, weil sie aus Vertrautheit gebaut sind. Und dieses Vertrauen gibt uns Sicherheit und macht uns offen für Neues. Rituale verbinden Vergangenheit und Zukunft Und sie verbinden Menschen. Sie alle, liebe Ordensmitglieder, wissen sich nicht zuletzt durch die Regularien des Ordens miteinander verbunden. Zugleich sind Sie mit denen verbunden, die vor Ihnen Mitglieder des Ordens waren. Menschen wie Max Planck, der vor 150 Jahren geboren wurde und an den auch ich deswegen erinnern möchte. Und mancher von Ihnen mag sich fragen: Wer wird wohl später einmal das Ordenszeichen tragen, das jetzt noch mir verliehen ist? Eins ist gewiss: Wenn sich der Orden treu bleibt, wird es eine Persönlichkeit sein, die Herausragendes geleistet hat in den Künsten oder den Wissenschaften, ein Mensch, der Bleibendes geschaffen hat.

Meine Damen und Herren, Sie alle sind solche Menschen, und Ihre Gemeinschaft schafft die glänzende Aura des Ordens Pour le mérite. Lassen Sie diese Aura leuchten - auch über die öffentlichen Sitzungen hinaus. Stellen Sie das Licht des Ordens und damit Ihr eigenes nicht unter den Scheffel. Eine kleine Anregung dazu: Warum zum Beispiel führen viele Mitglieder der britischen Ritterorden mit Stolz ihre "post nominals"? Warum weist Ihr Wikipedia-Eintrag, lieber Lord Dahrendorf, Sie natürlich als KBE, als "Knight of the British Empire" aus, während es noch kein "Horst Albach, OPM" gibt? Letzteres würde zwar sicher Nachfragen provozieren, aber damit auch Kommunikation über den Orden und seine Bedeutung. Bringen Sie den Orden ruhig noch mehr ins Gespräch und suchen Sie noch stärker den Dialog mit der Öffentlichkeit - nicht zuletzt mit der jungen Generation. Es ist doch großartig, dass sich einige Ordensmitglieder mit jungen Menschen zum Gedankenaustausch treffen. Ließe sich das nicht noch ausbauen? Es inspiriert beide Seiten, dessen bin ich sicher.

Meine Damen und Herren, seien Sie nochmals herzlich willkommen - meine Frau und ich, wir freuen uns, dass Sie bei uns sind, und wir freuen uns auf die Gespräche.