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Selbstbewusstsein, Weltoffenheit, Freiheitssinn - Tugenden im Kielwasser der Seefahrt - Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler anlässlich der Eröffnung des Internationalen Maritimen Museums in Hamburg

Bundespräsident Horst Köhler am Mikrofon Hamburg, 25. Juni 2008 Foto: Sandra Steins, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Sandra Steins, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

Sammler wollen die Welt in Ordnung bringen. Sie streben danach, den Dingen einen Platz zu geben, Zusammenhänge sichtbar zu machen und Lücken zu schließen. Sammeln ist eine Passion, die zur Selbstvergessenheit verleitet. Die wiederum hat schöne und weniger schöne Seiten: Weniger schön ist es, wenn Sammler vor lauter Sammelleidenschaft den Kontakt zu ihrer Umwelt verlieren. Schön ist es dagegen, wenn Selbstvergessenheit dazu führt, dass Sammler (und das kommt gar nicht so selten vor) andere teilhaben lassen an ihren Schätzen, ihrem Wissen und ihrem Glück. Bei Ihnen, Herr Professor Tamm, ist eindeutig Letzteres der Fall. Denn wenn Sie nicht bereit gewesen wären, Ihre seefahrtsgeschichtliche Sammlung Ihrer Heimatstadt zu schenken, wäre das Internationale Maritime Museum, das wir heute eröffnen, wohl nicht entstanden. So aber finden die Stücke, die Sie über viele Jahre zusammengetragen haben, nun in den frisch renovierten Räumen des historischen Kaispeichers B einen würdigen Heimathafen.

Am Anfang Ihrer Sammelleidenschaft standen ein kleines Schiffsmodell und eine große Sehnsucht nach dem Meer und allem, was damit zu tun hat. Das war 1934, und Sie waren gerade sechs Jahre alt. Inzwischen umfasst Ihre Sammlung über 25.000 Schiffsmodelle in den unterschiedlichsten Größen. Hinzu kommen über 1 Million Fotos, 5.000 Gemälde und ungezählte Gegenstände aus der Welt der Schifffahrt - vom Kaffeegeschirr des Luxusliners "Hanseatic" bis zum kompletten U-Boot.

Die Schifffahrtsgeschichte ist ein Spiegelbild der Menschheitsgeschichte. Und so, wie die Schiffsmodelle in diesem Museum Abbilder von großen Schiffen sind, so ist die Seefahrt ein Modell für das, was Menschen und Völker über Jahrhunderte angetrieben hat, was sie miteinander verbindet und was sie trennt. Kein Wunder, dass die Bezwingung des Meeres durch den Menschen in der Literatur, der Mythologie und in den Religionen aller Epochen ein immer wiederkehrendes Motiv ist.

An der Geschichte der Seefahrt lässt sich ablesen, zu welchen Leistungen Menschen fähig sind, wenn sie ein gemeinsames Ziel verfolgen. Sie bietet faszinierende Beispiele dafür, wie wissenschaftlicher Fortschritt und die Anwendung moderner Technik die Welt verändern - mehr noch: wie Menschen sich mit Hilfe der Technik die Welt zu Eigen machen. Aber sie zeigt uns auch, was geschieht, wenn Technik nicht zum Aufbau, sondern zur Zerstörung genutzt wird, wenn Entdeckerfreude in Eroberungsaggression umschlägt und Ausbeutung an die Stelle des friedlichen Austauschs tritt. Krieg, Kolonialismus und Sklavenhandel gehören zu den düsteren Kapiteln der Seefahrtsgeschichte. Die darf man - bei aller Faszination, die von Meeren und Schiffen ausgeht - niemals vergessen.

Die Seefahrt hat seit jeher unsere Weltsicht beeinflusst. Das gilt für unsere Sprache, die voll von maritimen Bildern und Begriffen ist; und ebenso gilt es für Einstellungen und Mentalitäten: Wer hinausfährt, um fremde Länder kennen zu lernen und Handel mit ihnen zu treiben, ist offener für andere Sichtweisen als jemand, der zu Hause bleibt. Wer in einer Hafenstadt lebt, die sich als "Tor zur Welt" versteht und wo Menschen und Ideen aus allen Erdteilen zusammenkommen, wird auf Schritt und Tritt mit Neuem konfrontiert. Das regt dazu an, den eigenen Standpunkt immer neu zu hinterfragen und zu begründen. Das macht tolerant und selbstbewusst zugleich.

Selbstbewusstsein, Weltoffenheit, Freiheitssinn - das sind Tugenden, die sich gewissermaßen im Kielwasser von Seefahrt und Handel ausgebreitet haben. Es ist kein Zufall, dass im alten Athen die Gegner der Demokratie auch die Seefahrt bekämpften, weil sie in ihr eine wesentliche Ursache der von ihnen gehassten Volksherrschaft sahen. Und es ist auch kein Zufall, dass viele der großen Handels- und Seefahrerstädte späterer Epochen sich selbstbewusst als "Republiken" verstanden. Das gilt für Venedig genauso wie für Genua oder Pisa, die über Jahrhunderte den Mittelmeerraum beherrschten. Und bei uns im Norden Europas war es der Städtebund der Hanse, der über territoriale Grenzen hinweg operierte und es verstand, den jeweiligen Landesherren wichtige Freiheiten und Privilegien abzutrotzen. Aber das brauche ich in der Freien und Hansestadt Hamburg nicht weiter zu erklären...

Die Geschichte der Seefahrt zeigt auch, wie politische und wirtschaftliche Freiheit zusammenhängen. Wir können aus ihr lernen, wie wichtig Weltoffenheit und Weltläufigkeit sind. Wir können aus ihr lernen, dass der globale Austausch nicht nur eine Bedrohung, sondern Chance ist und dass wir Deutschen hier viel gewinnen können, wenn wir uns auf unsere Stärken besinnen.

Und schließlich können wir aus der Geschichte der Seefahrt auch lernen, dass man Visionen und Ziele braucht, wenn man Neues entdecken will. Kolumbus hat den sagenumwobenen westlichen Seeweg nach Indien bekanntlich nicht gefunden. Aber nur weil er von diesem Ziel besessen war und deshalb den Aufbruch ins Unbekannte wagte, landete er schließlich in Amerika.

Der Ausguck von Schiffen - das war über Jahrhunderte der Ort, von dem aus Entdeckungen gemacht wurden. Inzwischen gibt es auf der Landkarte keine weißen Flecken mehr. Unser Globus ist vermessen und erschlossen. Die Entdeckungen von heute werden in Forschungslabors, an Mikro- und Teleskopen und an Computerbildschirmen gemacht. Aber auch hier gilt: Ohne Visionen und Ziele fällt der Aufbruch schwer. Ohne Mut verkümmert Wissenschaft leicht zur bloßen Wissensverwaltung. Ohne das Zutrauen von Politik, Geldgebern und Gesellschaft bleibt manches neue Ufer unerreichbar. Und ohne ein Ethos - ohne die Bereitschaft, sich an Werten zu orientieren, die dem eigenen Tun Grenzen setzen - läuft auch die Wissenschaft Gefahr, in unsichere Gewässer zu driften, in denen der Unterschied zwischen "christlicher Seefahrt" und Piraterie nicht immer klar zu erkennen ist.

Aus der Geschichte der Seefahrt lässt sich manches lernen für die Gegenwart - übrigens auch dann, wenn man kein Küstenbewohner ist. Über all das kann man in diesem Museum viel erfahren. Aber dieses Haus ist auch selbst ein Lehrstück: ein Lehrstück für Bürgersinn.

Sie, sehr geehrter Herr Professor Tamm, haben in dieses Museum Ihre Sammlung eingebracht und sie damit einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Hansestadt Hamburg hat das historische Speichergebäude und eine stattliche Summe für Renovierung und Umbau zur Verfügung gestellt. Weitere Stifter und Spender haben auf vielfältige Weise dazu beigetragen, dass dieses Museum heute seine Tore öffnen kann und Hamburg um eine Sehenswürdigkeit reicher wird.

Was ist der Unterschied zwischen einem Besitzer und einem Stifter? Der Besitzer hat. Der Stifter gibt. Der Besitzer behält. Der Stifter erhält. - Er erhält Werte, Traditionen und menschliche Beziehungen. Jeder von uns kann zum Stifter werden und so auf unterschiedlichen Feldern zum Wohl der Gemeinschaft beitragen. Viele Menschen in Deutschland tun das inzwischen - mit großen und auch mit kleineren Beträgen. Sie übernehmen Verantwortung für ihre Mitmenschen, für ein gutes Miteinander, für die Pflege von Kultur und Wissenschaft.

Das Internationale Maritime Museum Hamburg ist ein gutes Beispiel für diesen Stiftergeist und für die Zusammenarbeit zwischen öffentlicher Hand und privaten Mäzenen. Wir brauchen noch viel mehr Leuchttürme und Seezeichen dieser Art.

Sehr geehrter Herr Professor Tamm, vor kurzem sind Sie 80 Jahre alt geworden. Das wohl schönste Geschenk zu diesem runden Geburtstag bekommen Sie heute: nämlich "Ihr" Museum. Zu einem guten Teil haben Sie sich dieses Geschenk selbst gemacht - das heißt: Sie haben es nicht nur sich gemacht, sondern uns allen. Dafür danke ich Ihnen und Ihren Mitarbeitern.

Wenn dieses Haus ein Schiff wäre, würde ich ihm, seiner Mannschaft, seinem Kapitän und den hoffentlich zahlreichen Passagieren allzeit sichere Fahrt und eine glückliche Heimkehr wünschen. Aber dieses Haus ist nun einmal kein Schiff. So wünsche ich dem Internationalen Maritimen Museum viele interessierte Besucher und den Besuchern viele interessante Entdeckungen. Ich wünsche mir, dass viele Menschen hier etwas über die Bedeutung der Seefahrt, die Erkundung der Meere und vor allem auch über die Notwendigkeit der Völkerverständigung lernen. Und wem das alles zu museal ist, der braucht nur den Blick nach nebenan schweifen zu lassen, zum Hamburger Hafen, wo die ganz großen Pötte aus aller Welt an- und ablegen. Dort kann man erfahren, dass die Seefahrt nicht nur eine faszinierende Geschichte, sondern auch eine lebendige Gegenwart hat, dass sie aus den Güterströmen unserer vernetzten Welt nicht wegzudenken ist, und dass sie die Menschen zusammen bringt. Nutzen wir die Lehren aus der Geschichte, um etwas Gutes daraus zu machen.