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Ansprache von Bundespräsident Horst Köhler zur Eröffnung der Gesprächsreihe "Vielfalt der ModerneAnsichten der Moderne"

Bundespräsident Horst Köhler sitzt am Tisch mit anderen Personen Berlin, 8. Juli 2008 Foto: Steffen Kugler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Steffen Kugler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

"Individuum und Gemeinschaft"

Ein immer wieder gern zitierter chinesischer Fluch lautet: "Mögest du in interessanten Zeiten leben!" Für hiesige Ohren klingt der Satz gar nicht nach einer Verwünschung, im Gegenteil: In interessanten, faszinierenden, fesselnden, spannenden Zeiten zu leben; Wandel oder Veränderungen zu erleben, das erscheint hierzulande doch eher als etwas Erfreuliches und Wünschenswertes!

Aber halt! Sätze wie der eben zitierte verbreiten sich leicht in Zeiten des Internets, eine verlässliche Quelle ist allerdings oft - und auch in diesem Fall - nicht auszumachen. Vorsicht ist also angebracht. Vielleicht zeugt die Quellenangabe "Chinesisches Sprichwort" ja nur von gewissen Vorurteilen, die wir gegenüber China und seiner scheinbar immobilen Kultur haben. Und davon mal abgesehen: Ist es wirklich so, dass wir im Westen Wandel und Veränderung allesamt aufgeschlossen gegenüberstehen?

Noch einmal halt! Was heißt hier eigentlich "wir"? Und was bedeutet "im Westen"?

Ich werde mir nicht anmaßen, diese Fragen zu beantworten. Sie führen uns aber zum Kernanliegen dieser Gesprächsreihe. Denn hier sollen Vorurteile hinterfragt, unzulässige Vereinfachungen korrigiert, produktive Verunsicherung erzeugt, blinde Flecken in der eigenen Wahrnehmung entdeckt und der Blick für den Wandel geschärft werden.

Gewiss, die Menschen sind schon immer in Bewegung gewesen und damit auch das, was sie dachten und herstellten. Doch immer schneller, häufiger und selbstverständlicher werden in der heutigen Zeit - dank moderner Transport- und Kommunikationsmittel - die Grenzen überschritten, die einst verschiedene Lebenswelten trennten. Unterschiedliche Sichtweisen von Kultur, Religion und Technik treffen aufeinander; verschiedene Einstellungen zum Leben, zum Tod, zur Familie, zur Natur, zur Zeit, zum Eigentum, zu Autorität, zum Neuen. Die Lebenswege der Menschen auf diesem Globus verflechten, durchmischen, durchdringen sich immer mehr, ob es ihnen bewusst ist oder nicht.

All das erfordert differenziertere Bilder von Identitäten und neue Verknüpfungen zwischen Selbst- und Fremdbildern. Was wissen wir über andere, was wissen andere über uns? Was können wir lernen und begreifen von der Weltsicht anderer, was können wir vermitteln von dem, was wir für wertvoll halten? Wer die Verantwortung für die Eine Welt ernst nimmt, der darf nicht allein die eigene Zivilisation zum Maß aller Dinge machen. Er muss auch zuhören können und bereit sein, zwischen unterschiedlichen Blickwinkeln zu vermitteln.

Die heute beginnende dreiteilige Gesprächsreihe soll dazu einen Beitrag leisten. Im kommenden halben Jahr werden noch zwei weitere Runden mit herausragenden Persönlichkeiten aus allen Teilen der Welt hier in Schloss Bellevue zusammenkommen - in kleinem Kreise, an diesem Runden Tisch, um vertrauliche und offene Gespräche zu ermöglichen. Heute werden wir über unterschiedliche Menschenbilder, unser Verständnis von Staat, Gesellschaft und Öffentlichkeit und über die Rolle der Religionen diskutieren. Im Oktober wird es um unser Verhältnis zu Wissenschaft und Fortschritt gehen, und im Januar werden wir die Gespräche unter der Überschrift "Mensch und Moderne" zusammenführen.

Der Titel der Gesprächsreihe "Vielfalt der Moderne - Ansichten der Moderne" ist mit Bedacht gewählt. Es ist nicht zu übersehen, dass es verschiedene Ausprägungen von Moderne gibt -und dass unser westliches Verständnis von Modernität, das ja nicht nur technisch-wissenschaftliche Aspekte umfasst, sondern auch auf einem bestimmten Menschenbild gründet, in anderen Weltgegenden auf Skepsis, zum Teil auch auf offene Ablehnung stößt. Der Westen wiederum - verzeihen Sie bitte noch einmal diese Vereinfachung - verliert langsam die Selbstgewissheit früherer Zeiten, dass die von ihm durchlaufene Entwicklung universell sei und also auch allen anderen bevorstehe. Er beginnt zu erkennen: Die ökonomischen, politischen und kulturellen Gewichte verschieben sich. Auch was auf der Südhalbkugel der Erde und in Asien geschieht, wird die Entwicklung auf unserem Globus prägen.

Wenn wir in unseren Gesprächen den Aspekt der Vielfalt und der verschiedenen Ansichten betonen, dann deshalb, weil es mir wichtig ist, Verschiedenheit zu erkennen, auch anzuerkennen, ohne darauf zu verzichten, nach Gemeinsamkeiten zu suchen. Wir sollten nach Unterschieden in unseren Maßstäben für Modernität fragen und versuchen, voneinander zu lernen. Selbstvergewisserung und Respekt vor dem Anderen - beides ist unabdingbar für ein gutes Zusammenleben in unserer Einen Welt. Wir brauchen, mit Alain Touraine gesagt, Antworten auf die Frage, wie wir zusammenleben können als Gleiche und doch Verschiedene.

In diesem Sinne: mögen wir eine interessante Zeit erleben!