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90. Geburtstag von Nelson Mandela - Beitrag von Bundespräsident Horst Köhler, erschienen in der Frankfurter Rundschau

Bundespräsident Horst Köhler und Frau Köhler mit Nelson Mandela Berlin, 18. Juli 2008 Foto: Bernd Kühler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Bernd Kühler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

Sein Leben sieht er selbst als einen langen Weg zur Freiheit. Es wurde ein Weg, auf dem er sich verändert hat. Vor allem aber wurde es ein Weg, auf dem er andere verändert hat, bis hin zu seinen ärgsten politischen Gegnern. Aus dem Sohn eines Thembu-Häuptlings wurde ein Freiheitskämpfer; aus dem Revolutionär wurde ein Mann der Versöhnung für Südafrika. Und in die Welt hat Nelson Mandela Hoffnung getragen.

Nelson Mandela ist sich und seinen Grundsätzen auf seinem langen Weg zur Freiheit stets treu geblieben. Er wuchs aus der Wurzel seiner traditionellen afrikanischen Erziehung und der Ubuntu-Philosophie, die auf Respekt und Achtung vor dem anderen fußen. Nelson Mandela hört zu, und er achtet auch die Meinung seiner Gegner. Daraus gewinnt er Größe.

Nelson Mandela ist immer ein Lernender gewesen. Das ist er bis heute. Er spannt dabei einen Bogen von der afrikanischen Geschichte über die Philosophie und Literatur des Westens bis hin zu den Lehren Mahatma Ghandis und der Weltreligionen. Nelson Mandela ist überzeugt, dass ohne Bildung keine Entwicklung möglich ist. Diesem Grundsatz ist er selbst im Gefängnis gefolgt: Es ist überliefert, wie er während seiner jahrzehntelangen Haft nicht nur seine Mithäftlinge auf Robben Island, sondern auch seine weißen Bewacher unermüdlich zum Studium anhielt. Seine Neugier und Offenheit kennen keine Tabus. Nelson Mandela lernte Afrikaans, die Sprache der damaligen Unterdrücker, und studierte die Kultur und Geschichte der Buren, um ihre Gedankenwelt besser zu verstehen.

Der Motor seines Handelns ist der Kampf gegen Unterdrückung und Rassismus, unabhängig davon, ob sie von Schwarzen oder von Weißen ausgehen. Nelson Mandela ist überzeugt: Nicht nur die Unterdrückten bedürfen der Befreiung, sondern auch die Unterdrücker. Denn, so sieht er es selbst: "Nur ein Mensch ohne Hass kann frei sein."

Die Quelle seiner Glaubwürdigkeit liegt darin, dass er eine zutiefst menschliche Lehre aus seinem Leben gezogen hat. Und er hat der Welt auch gezeigt, wie diese Lehre umgesetzt werden kann.

Dem am Ende der Apartheid so tief zerrissenen Südafrika hat er für die Zukunftsbewältigung Versöhnung auf den Weg gegeben. Und Versöhnung, das ist für Nelson Mandela viel mehr als ein schönes Wort: Sie ist ein handfester politischer Auftrag, den er in der Wahrheitskommission seines Landes institutionell verankert hat. Die Kommission arbeitete keineswegs frei von Kritik. Doch sie ist heute gleichwohl Vorbild für die politische Gestaltung von Versöhnung in aller Welt.

Dass dieser Prozess nicht abgeschlossen war, als er sich 1999 aus der aktiven Politik zurückzog, war ihm bewusst. Aber ein Demokrat wie Nelson Mandela weiß, dass Demokratie immer nur Macht auf Zeit verleiht. Auch hier ist er, der mit Blick auf die Lage in Simbabwe heute offen von einem "tragischen Versagen der Staatsführung" spricht, Vorbild geblieben. Im Fall Simbabwe muss das neue Afrika, für das Nelson Mandela den Grundstein gelegt hat, zeigen, dass es bereit und in der Lage ist, die Zukunft des Kontinents verantwortungsvoll zu gestalten.

Das neue Afrika will Veränderung. Es ist ein Afrika, in dem sich junge Menschen in die Politik einmischen und Anspruch auf Mitgestaltung erheben. Ein Afrika, das keine Almosen und Hilfsgüter einfordert, sondern eine vollwertige Partnerschaft mit uns anstrebt. Es ist auch ein Afrika, das uns im Norden einen Spiegel vorhält. Dabei hat Nelson Mandela immer deutlich gemacht: Der Einsatz für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte kann niemals abgeschlossen sein, solange auf dieser Welt Menschen hungern, unterdrückt werden, oder an HIV/AIDS sterben.

Auch die südafrikanische "Regenbogennation" steht heute vor großen Herausforderungen, die uns mit Sorge erfüllen. Nelson Mandelas Lebenswerk ist ein Kompass, der in dieser schwierigen Situation den Weg in die richtige Richtung weist.

Dieser Kompass hilft nicht nur den Afrikanern, sondern uns allen. Im 21. Jahrhundert kann keine Regierung mehr das Wohl ihres Volkes mehren, ohne Rücksicht auf andere zu nehmen. Die Zeiten einseitiger Interessenpolitik sind vorbei. Ohne Respekt und Verständnis füreinander können wir unsere Probleme nicht lösen. Es geht darum, einander zuzuhören und voneinander zu lernen.

Nelson Mandela hat uns gezeigt, wie eine solche Politik der Verständigung aussehen kann. Sein Wirken reicht über den südafrikanischen Freiheitskampf hinaus und ist Quelle der Inspiration für alle, die sich heute für eine kooperative Weltpolitik einsetzen. Deshalb ist das schönste Geschenk, das wir Nelson Mandela heute zu seinem 90. Geburtstag machen können, das Versprechen, den von ihm angelegten Weg gemeinsam weiterzugehen, in einer echten Partnerschaft zwischen den Völkern und Kulturen. Herzlichen Glückwunsch, Madiba!