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Tischrede von Bundespräsident Horst Köhler beim offiziellen Empfang des Präsidenten der Mongolei, Herrn Nambaryn Enkhbayar, und von Frau Onon Tsolmon

Die beiden Präsidentenpaare stehen an einem runden Tisch und stoßen mit den Gläsern an Ulan Bator, 5. September 2008 Foto: Steffen Kugler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Steffen Kugler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

Ich möchte mit einer kleinen Zeitreise beginnen. 1926 kam eine Gruppe Jugendlicher aus der Mongolei nach Deutschland - begleitet vom damaligen Bildungsminister. Die mongolische Regierung schickte insgesamt fast 50 junge Menschen zur Ausbildung für mehrere Jahre nach Deutschland und Frankreich, um auch damit die Modernisierung des Landes voranzutreiben. Für die jungen Frauen und Männer aus der Mongolei muss das Berlin der 20er Jahre ein gewaltiger kultureller Schock gewesen sein.

Die Entsendung belegt, dass die Regierung in Ulan Bator schon damals, nur wenige Jahre nach der Gründung der mongolischen Volksrepublik, bereits weit über die Sowjetunion hinaus nach Westen und nach Deutschland blickte. Die jungen Mongolen kehrten 1930 in ihr Heimatland zurück. Viele von ihnen wurden als wissenschaftliche Spitzenkräfte berühmt: Ich nenne hier nur den Begründer der modernen mongolischen Literatur Natsagdorj und den Maler und Ingenieur Namkhaitseren. Einige der Heimkehrer fielen später in der Mongolei politischen Repressionen der damaligen Machthaber zum Opfer. Freiheitliches Denken und Diktatur passten nicht zusammen. Umso wichtiger finde ich es, diese Pioniere der deutsch-mongolischen Beziehungen zu würdigen.

Was als schmaler Pfad zwischen unseren Ländern begann, wurde in der Nachkriegszeit zu einer breiten Schnellstraße. Durch die enge Zusammenarbeit mit der ehemaligen DDR lernten über 30.000 Ihrer Bürger unser Land und unsere Sprache kennen. Noch heute wirken die engen Kontakte weiter. Trotz der normalen Konkurrenz mit anderen Fremdsprachen lernen viele mongolische Schüler Deutsch. Derzeit studieren ungefähr 1.300 mongolische Studenten in Deutschland. Schon alleine wegen unserer engen Zusammenarbeit im Bildungsbereich, allen voran durch den Deutschen Akademischen Austauschdienst, wird diese gut ausgebaute Fernverbindung zwischen unseren Ländern auch in Zukunft Bestand haben.

Das Ende sozialistischer Systeme hat in all seinen Gesellschaften zu tief greifenden Veränderungen geführt, die heute noch nachwirken - das gilt auch für mein Land. In der Mongolei gab es nach 1990 trotz der Armut vieler Bürger einen friedlichen Wandel. Ich sage bewusst trotz, da Armut oft ein Nährboden für Gewalt ist. Dafür gebührt Ihnen unser Respekt. Die Mongolei hat sich zu Demokratie, Rechtsstaat und Meinungsfreiheit bekannt. Ich möchte Sie, auch wegen der jüngsten Ereignisse im Umfeld der Wahlen, ermutigen, diesen Weg konsequent weiter zu gehen. So schwierig es auch sein mag, so wichtig erscheint es mir, dabei auch die tiefer liegenden Ursachen offen zu diskutieren und die Sorgen der Menschen aufzugreifen. Solche Debatten führen und aushalten zu können, ist und bleibt eine der großen Stärken demokratischer Gesellschaften. Und ich bin zuversichtlich, dass die Mongolei diese Stärke aufbringt.

Meine Zuversicht gründet sich auch auf das, was Ihr Land in den letzten Jahren auf dem Weg zu Demokratie und Marktwirtschaft erreicht hat: Eine der großen deutschen Stiftungen, die Bertelsmann-Stiftung, untersucht und vergleicht weltweit Transformationsprozesse verschiedener Länder. Die Stiftung hat in ihrem Jahresbericht 2008 die Entwicklung der Mongolei ausgesprochen positiv bewertet. Und Ihr Land hat das große Glück, über enorme Bodenschätze zu verfügen. Nutzen Sie die Chance, diese Reichtümer zum langfristigen Nutzen der gesamten Bevölkerung einzusetzen. Dabei sind vor allem Investitionen in Bildung, und Infrastruktur besonders wichtig.

Deutschland unterstützt die Mongolei bei ihrem Transformationsprozess. Gemessen an der Bevölkerung gehört die Mongolei zu den am stärksten geförderten Partnern der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Deutschland ist nach Japan traditionell der zweitgrößte bilaterale Geber. Seit Jahren arbeiten deutsche Experten hier vertrauensvoll Hand in Hand mit ihren mongolischen Kollegen. Ich habe großen Respekt vor ihrer Leistung.

Soviel gute Entwicklungszusammenarbeit auch leisten kann: Wir alle wissen, dass finanzielle Transfers von außen eigene Anstrengungen und Ideen auch nicht annähernd ersetzen können. Daher sind die Wachstumsraten Ihrer Volkswirtschaft in den letzten Jahren auch so ermutigend. Ein Großteil des Wachstums konzentriert sich auf den Bergbau, in dem nicht wenige mongolische Ingenieure ihr Handwerk an einer der deutschen Bergbau-Akademien gelernt haben. Aber unsere Möglichkeiten gehen weit über den Bergbau hinaus, wie die Zusammensetzung der mich begleitenden Wirtschaftsdelegation zeigt. Es gibt viele Vorschläge für Projekte, so zum Beispiel zur Kohleverflüssigung, in der Mongolei. Lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten, unsere Handelsbeziehungen noch weiter auszubauen.

Ich verstehe die deutsch-mongolischen Beziehungen als eine umfassende Partnerschaft, die auch die Sicherheitspolitik umfasst. In den letzten Jahren haben Soldaten der Bundeswehr über 100 Angehörige der mongolischen Streitkräfte unter anderem auch auf internationale friedenserhaltende Einsätze vorbereitet. Ich benutze das Wort "umfassend" für unsere Beziehungen nicht ohne Stolz, wohl wissend, dass die Mongolei nicht jede Partnerschaft mit diesem Begriff auszeichnet. Mit der heute unterzeichneten Erklärung zeigen wir, dass wir auch in der Zukunft unsere Zusammenarbeit noch weiter ausbauen wollen.

Viele Menschen in Deutschland sind fasziniert von der mongolischen Kultur. Als die Ausstellung "Dschingis Khan und seine Erben" 2005 in Deutschland ihre Pforten öffnete, wurde sie in kürzester Zeit ein großer Publikumserfolg. Der Ausstellungskatalog mit Beiträgen mongolischer und internationaler Wissenschaftler bietet einen hervorragenden Überblick über Geschichte und Kunst der Mongolei. Ich freue mich, dass wir gemeinsam aus Anlass des jetzigen Staatsbesuchs eine mongolische Fassung dieses Katalogs erstellen.

Die Ausstellung präsentierte auch die Ergebnisse der deutsch-mongolischen Expedition zur Ausgrabung der alten Hauptstadt Karakorum. Bei einer weiteren Expedition gelang 2006 einem Team von deutschen, mongolischen und russischen Experten unter der Leitung von Professor Parzinger, der mich als Sondergast begleitet, ein sensationeller Fund, der so bedeutend war, dass Sie, Herr Präsident, persönlich die Fundstelle aufsuchten: Die über 2000 Jahre alte "Eismumie aus dem Altai". An ihr lassen sich Lebensweise, Kunst und Technik der Hochkultur der Skythen ablesen. Für mich ist es ein Zeichen des besonderen Vertrauens, dass gerade deutsche Archäologen so intensiv an der Erforschung der mongolischen Geschichte mitwirken. Diese Zusammenarbeit stützt sich nicht nur auf das staatliche Deutsche Archäologische Institut, sondern umfasst auch die private Gerda-Henkel-Stiftung, die heute eine Vereinbarung zur Ausweitung ihrer Aktivitäten in der Mongolei unterzeichnet hat.

Herr Präsident, meine Damen und Herren, ich kann nicht über die Mongolei sprechen, ohne die Schönheit ihrer Landschaft zu erwähnen. Gerade die oft unberührt erscheinende Weite fasziniert viele meiner Landsleute. Ich hoffe, dass noch viele Gäste diese Schönheit nachhaltig genießen können. Und vielleicht kann uns Deutschen ein Aufenthalt in der Mongolei dabei helfen, so wichtigen Werten wie Gastfreundschaft und Respekt vor der Natur, die Teil der nomadischen Kultur sind, einen höheren Rang einzuräumen, als dies im Alltag unserer industrialisierten Gesellschaft oft der Fall ist. Unsere Entfernung sollte uns nicht davon abhalten, gegenseitig voneinander zu lernen. Ein mongolisches Sprichwort sagt dazu: "Zwei Felsen, so nah sie auch beieinander liegen mögen, kommen nie zusammen. Zwei Menschen, so weit sie auch voneinander entfernt sein mögen, können sich treffen." - Deutsche und Mongolen sind das beste Beispiel dafür.

Meine Damen und Herren, ich bitte Sie nun daher, mit mir das Glas zu erheben und einen Toast auszubringen; auf die Gesundheit von Staatspräsident Enkhbayar und seiner Frau, auf das Wohl des mongolischen Volkes und auf die Freundschaft zwischen unseren beiden Ländern.

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