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Rede von Bundespräsident Horst Köhler zur Eröffnung des 4. Afrika-Forums

Porträt Bundespräsident Horst Köhler Abuja/Nigeria, 7. November 2008 Foto: Sandra Steins, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Sandra Steins, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

"Egoismus im 21. Jahrhundert"

Herzlich willkommen zum 4. Forum "Partnerschaft mit Afrika". Herr Präsident Yar´Adua, ich freue mich sehr, dass Sie dieses Treffen in Ihrer Hauptstadt Abuja für uns möglich gemacht haben; danke dafür.

Es gibt in Deutschland einen Spruch: "Besser ein Onkel, der was mitbringt, als eine Tante, die Klavier spielt."

Ich kann kein Klavier spielen, und ich habe auch nichts zu verteilen. Trotzdem sind wir alle hier zusammengekommen.

Ich traue mir zu, zu sagen, woran das liegt: Unsere Welt scheint zu schrumpfen. Wir alle spüren, dass wir immer stärker voneinander abhängen. Deshalb sind wir auch aufeinander angewiesen. Afrika braucht Europa. Europa braucht Afrika. Und aus dieser Erkenntnis haben wir bislang bei weitem noch nicht genug gemacht.

Die Menschen, die heute hier aufeinander stoßen, sind sehr unterschiedlich. Wir vertreten sicherlich unterschiedliche Meinungen. Wir sehen unterschiedlich aus. Unsere Kultur ist unterschiedlich. Unsere Verantwortung ist unterschiedlich.

Aber wir alle glauben, dass gerade aus unserer Unterschiedlichkeit Klugheit erwachsen kann. Nicht Klugheit, die uns gehört als einzelnen. Dafür Klugheit, die für alle da ist. Und deshalb sind wir hier.

Lassen Sie mich angesichts der Weltlage zwei sehr unterschiedliche Szenarien an die Wand malen.

Szenario 1: Die Finanzkrise führt im Westen zu nationaler Selbstbezogenheit und Protektionismus. Chinas Wachstum bricht ein. Die Rohstoffpreise verfallen. Investitionen in die Länder Afrikas werden gestoppt. Die Mittel für die entwicklungspolitische Zusammenarbeit werden gekappt. Die innerafrikanischen Konflikte brechen neu und blutig aus. Armut und Migration steigen dramatisch. Der Klimawandel interessiert nicht mehr. Die neue Weltordnung heißt Chaos.

Szenario 2: Die Finanzkrise führt zu einem Umdenken. Die Industriestaaten begreifen: Es ist ihr ureigenes Interesse, mit allen Kräften daran zu arbeiten, dass eine global vernetzte Welt wieder Vertrauen finden kann. Das Krisenmanagement schließt ein, dafür zu sorgen, dass die wirtschaftliche Abschwächung nicht massiv auf die Schwellen- und Entwicklungsländer durchschlägt. Die Staatengemeinschaft hat die Kraft, die Doha-Runde noch in diesem Jahr zum Abschluss zu bringen. Ein entwicklungsfreundliches, multilaterales Handelssystem ohne Doppelstandards entsteht. Ein weltweites, umfangreiches Programm für Zukunftsinvestitionen in Infrastruktur und Bildung wird aufgelegt, mit Schwerpunkt in den ärmeren Ländern. Rohstoffländer und Rohstoffabnehmer gehen gemeinsam energisch gegen illegalen Rohstoffhandel vor. Wo Konflikte ausbrechen, wie jetzt wieder im Kongo oder im Sudan, da stellen sich die regionalen Partner der Konfliktparteien ihrer Verantwortung, wirken Blutvergießen und Gewalt entgegen und unterstützen eine Lösungsfindung auf der Basis des Rechts. Die Industriestaaten erkennen ihren Anteil der Verantwortung für den Klimawandel und die Folgen für die armen Länder; der Norden lässt den Süden nicht im Stich. Eine Entwicklungspolitik für den ganzen Planeten wird erarbeitet. Es entsteht eine neue Weltordnung im Geiste der Kooperation.

So, meine Damen und Herren: In welchem Szenario möchten wir, dass unsere Kinder und Enkel groß werden?

Ich weiß, die Welt wird nie so leuchtend sein, wie wir sie uns wünschen. Aber wohl auch nie so finster, wie wir fürchten. Und es gibt mir Zuversicht, dass nahezu alles, was uns derzeit belastet, von uns selbst gemacht worden ist. Menschen haben die Krise angerichtet. Also können Menschen sie auch lösen und Lehren aus ihr ziehen.
Das einzusehen, heißt begreifen, dass unser Handeln künftig vernetzt und nachhaltig ausfallen sollte. Wir wissen, dass die Dinge, die wir zum Leben brauchen, endlich sind. Und wir wissen auch, dass sich in Afrika die Zahl der Menschen in den kommenden 50 Jahren nahezu verdoppeln wird. Der Rohstoff, auf den es jetzt am meisten ankommt, ist Vertrauen. Es ist an uns, nur an uns, diesen Stoff herzustellen.

Deshalb sage ich: In der gegenwärtigen Krise liegt auch eine große Chance. Die Krise ging aus von den Industriestaaten - von denen, die sich bisher am stärksten fühlten. Sie haben durch eigene Fehler erfahren, dass auch sie verwundbar sind. Es steht den Industrieländern gut an, daraus mehr Bescheidenheit und Lernfähigkeit abzuleiten. Weit über das rein Ökonomische hinaus. Es ist eine Zeit gekommen, in der wir uns auf gemeinsame Menschheitsaufgaben verständigen und uns an sie binden können. Es geht um einen neuen Ordnungsrahmen für die Weltwirtschaft, der Kapital zum Diener und nicht zum Herrscher über die Menschen macht und in dem die Bekämpfung der Armut und des Klimawandels als strategische Aufgabe für alle definiert ist. Es geht um Meilensteine für eine neue, kooperative Weltordnung. Ich hoffe, dass der Finanzgipfel der G20 in der kommenden Woche in Washington hierzu einen Anstoß gibt.

Egoismus bedeutet heute, sich auch um den anderen zu kümmern. Wir haben es wirklich selbst in der Hand.

Als wir uns vor drei Jahren in Bonn zum ersten Mal trafen, da haben wir gelernt, uns mit Offenheit und Respekt aufeinander einzulassen. In Accra, im Jahr drauf, haben wir Jung und Alt zusammengebracht. Es entstand die Erklärung der Young Leaders "Zwei Generationen - Eine Zukunft." Sie zeigt einen Geist der Partnerschaft, wie wir ihn uns nur wünschen können. Das kritische Gespräch zwischen den Generationen stand uns allen gut zu Gesicht. In Eberbach, vor einem Jahr, haben wir erkannt, dass die Globalisierung uns unwiederbringlich zusammenführt in Einer Welt, und dass es darum geht, diese Entwicklung politisch zu gestalten.

Hier in Abuja haben wir uns vorgenommen, über Hürden zu sprechen, die zwischen uns stehen - Hürden der Wahrnehmung und des Unverständnisses, aber auch sehr reale Hürden.

Ich verstehe den Weg, den wir bislang gegangen sind, so: Wir haben einander zugehört. Wir sind nachdenklich geworden. Wir haben begriffen, dass wir noch viel mehr voneinander wissen müssen. Und wenn es uns jetzt gelingt, die Hürden zu benennen, die uns trennen, damit wir sie überwinden können, dann ist der Weg frei zur Tat.
Ich freue mich auf das 4. Afrika Forum, auf die Einführungs-Statements von Botschafter Kiplagat, von Professor Lahnstein von der ZEIT-Stiftung, die die Partnerschafts-Initiative gemeinsam mit mir gegründet hat, und nicht zuletzt von den Young Leaders. Ich freue mich aber vor allem auf unsere Diskussion - im Plenum, und dann auch in den kleineren Arbeitsgruppen.

Ich wünsche Ihnen und uns allen: Gutes Gelingen!