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Laudatio von Bundespräsident Horst Köhler auf Gerd Ruge aus Anlass seines 80. Geburtstages

Gruppenbild: Bundespräsident Horst Köhler, Frau Köhler, Ehepaar von Weizsäcker, Gerd Ruge, Frau Intendantin Piel Berlin, 13. November 2008 Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

"Oft der Erste, nie der Eilige"

"In 80 Jahren um die Welt" - unter diesem Titel hat Ihnen das WDR-Fernsehen anlässlich Ihres Geburtstages eine Gerd-Ruge-Nacht gewidmet, um so eine große journalistische Karriere zu würdigen.

"In 80 Jahren um die Welt", das klingt nach Jules Verne - nur langsamer. Dass Sie, lieber Herr Ruge, ein wenig länger gebraucht haben als die berühmten 80 Tage, das liegt vor allem daran, dass Sie von ganz anderen Voraussetzungen ausgingen: Phileas Fogg wollte die Erde möglichst schnell umrunden und dabei zeigen, dass die Technik die Welt und er die Technik beherrscht. Sie dagegen wollten die Welt in ihrer Vielgestaltigkeit und Vielschichtigkeit kennenlernen und den Menschen zu Hause davon berichten. Das setzt Neugier, Urteilsfähigkeit und Sensibilität voraus - und die Bereitschaft, sich auf Unbekanntes einzulassen. Diese Eigenschaften kennzeichnen Ihr journalistisches Werk - ein großes journalistisches Werk.

Ihre Reisereportagen belegen, dass Sie immer noch viel unterwegs sind und darüber freuen wir uns alle. Ich denke, dieses "Unterwegssein" ist für Sie nicht nur eine Frage von Orten und Ländern, sondern auch eine Geisteshaltung.

Für Sie war und ist es Alltag, uns Zuschauern und Lesern die Welt ein Stück näher zu bringen. Und das Wort "Alltag" kennzeichnet auch Ihren Arbeitsstil. Sie haben in Ihren Berichten und Reportagen das Kunststück fertig gebracht, sowohl die "Großen" dieser Welt wie auch die "Kleinen" in den Blick zu nehmen. Offen, mit echtem Interesse an den Menschen und ihrem Leben zeichnen Sie ein detailscharfes und manches Mal auch überraschendes Bild von den Ländern, aus denen Sie berichten. Auch darum genießen Sie das Vertrauen einer breiten Öffentlichkeit. - Und Vertrauen, das ist eine Währung, die schneller verspielt als gewonnen ist.

Bei Ihnen hat diese Währung sich immer als wertbeständig erwiesen, weil sie auf journalistischem Ethos gründet, auf Gradlinigkeit und auf dem Bemühen um Wahrhaftigkeit. Auch wenn Sie als Mitbegründer der deutschen Sektion von Amnesty International im Verdacht stehen, gegen das legendäre journalistische Credo von Hanns-Joachim Friedrichs verstoßen zu haben, wonach ein guter Journalist sich mit keiner Sache gemein machen dürfe, auch nicht mit einer guten. Sie haben immer Ihre Unabhängigkeit und Ihren kritischen Blick gewahrt. Vielleicht gerade, weil Sie so oft so nahe "dran" waren, weil Sie so oft Neuland betreten haben. Und 2001 wurden Sie dann ja doch mit dem Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis für Ihre Lebensleistung geehrt.

Für viele Menschen in Deutschland sind Sie ein bekannter Fernsehmann aus der ersten Reihe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Sie waren aber auch der erste ständige ARD-Hörfunkkorrespondent in Moskau. Und schon damals galt, dass der Hörfunk immer noch deshalb schneller ist als das Fernsehen, weil das Fernsehen Bilder braucht, die es nicht immer gibt.

Ein Hörfunkkorrespondent muss gewissermaßen mit seinem gesprochenen Wort die Bilder mitliefern, die dann vor dem inneren Auge des Zuhörers entstehen. Das ist eine hohe Kunst und eine gute Schule - auch für Fernsehreporter. Ihre Fernsehberichte, lieber Herr Ruge, zeichnen sich jedenfalls dadurch aus, dass die Kommentierung immer mehr war als nur eine Wiederholung oder Bekräftigung des gerade Gesehenen.

Sie haben Ihr journalistisches Handwerk noch beim NWDR gelernt. Das war 1948, und Sie waren grade 20. Und die Chance, als junger Mann selbständig in einem kleinen Funkhaus zu arbeiten - damals hieß das noch Sendestelle -, hat den gebürtigen Hamburger nach Köln verschlagen, in diesen Jahren von einem Medienstandort heutiger Größe und Bedeutung meilenweit entfernt.

Lieber Herr Ruge, Sie waren oft der Erste. Zusammen mit Peter von Zahn waren Sie ein Pionier der Auslandsreportage im deutschen Fernsehen. Wie vielen anderen sind auch mir Ihre bewegenden Beiträge nach der Ermordung von Martin Luther King und Robert Kennedy aus dem Jahre 1968 im Gedächtnis geblieben.

Schon Anfang der fünfziger Jahre waren Sie der erste bundesdeutsche Journalist, der Jugoslawien besuchte, und 1972 berichteten Sie als erster Westdeutscher aus China. Ein Jahr später gaben Sie die Stelle als Chefkorrespondent des Deutschen Fernsehens auf, um für eine Zeitung, die "Welt", nach Peking zu gehen. Ihre Erlebnisse, Analysen und Gedanken aus dem Reich der Mitte fassten Sie danach in einem Buch zusammen. Dabei stellten Sie mit vorausschauendem Blick fest, dass sich China als größtes Land der Welt zum Aufbruch zur Weltmacht rüstet. Das war vor 30 Jahren. Heute wissen wir, wie zutreffend Ihre Beobachtung war.

Ein Seismograph langfristiger Entwicklungen zu sein - das kennzeichnet Ihr gesamtes journalistisches Wirken. Diesen Anspruch kann nur erfüllen, wer sich wirklich auf den Gegenstand seiner Beobachtung, Beschreibung und Kommentierung einlässt. Besonders deutlich wird dies mit Blick auf das Land, das Sie am meisten beschäftigt hat, und dem Sie mit seinen Menschen am nächsten gekommen sind: Russland. 1956 waren Sie - wie könnte es anders sein - der erste und einzige Korrespondent aus Westdeutschland dort. Im selben Jahr trafen Sie Boris Pasternak, was Sie später einmal als einen der wichtigsten Momente Ihres Lebens bezeichnet haben. Über ihn und seine Bekannten, die Künstler, Musiker oder Philosophen waren, lernten Sie ein Russland fernab der politischen und wirtschaftlichen Machtzentren kennen.

Pasternak wurde Ihr Freund, und Ihr erstes Buch ist eine Bildbiographie über diesen großen russischen Schriftsteller.

Vermutlich ist dieser tiefe Blick auf die Mentalität der Menschen dieses großen Landes der Grund dafür, dass Ihr Name gewissermaßen ein Synonym für die Berichterstattung aus und über Russland geworden ist. Das war schon in den 50er Jahren so, und es gilt besonders für die Zeit seit Ende der 70er Jahre und später für die Phase von Glasnost und Perestroika. Auch die Menschen in der DDR haben damals Ihre Berichte aus Russland mit großem Interesse verfolgt; verbanden sie doch mit dem Aufbruch in der Sowjetunion auch die Hoffnung auf Veränderungen für sich selbst.

Den Putschversuch der alten Garde von Funktionären gegen Gorbatschow haben Sie in Moskau erlebt. Sie haben auch darüber ein Buch geschrieben. Darin ist ein Live-Beitrag von Ihnen abgedruckt, in dem Sie das Szenario um die versuchte Entmachtung Gorbatschows mit der Absetzung von Chruschtschow verglichen. Da war in einfachen Sätzen Ihre gesamte journalistische Kompetenz, Ihr Wissen um Geschichte, Mentalitäten und Machtströme, exemplarisch zu spüren.

Heute legt manche Fernsehreportage die Vermutung nahe, dass sie mit der eiligen Feder eines Phileas Fogg geschrieben wurde, der die Welt durcheilte und alles nur als rasch wechselnde Kulisse erlebte. Sie haben die oft unzureichenden technischen Bedingungen, mit denen Sie zu Beginn Ihrer Karriere manchmal zu kämpfen hatten, als einen Vorteil bezeichnet. Denn wo es Stunden dauerte, bis auch nur eine Telefonleitung zustande kam, da gab es mehr Zeit zum Hinschauen, Nachdenken, Reflektieren und Überarbeiten. Im Gegensatz zu dem in 80 Tagen um die Welt sausenden britischen Gentleman konnten Sie in vielen Ländern rund um den Globus Station machen, Kontakte knüpfen und Freundschaft mit Land und Leuten schließen. Das ist uns allen zugute gekommen.

Ich freue mich, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind. Ich wünsche Ihnen und uns für die Zukunft noch viele Wort- und Bildmeldungen von Gerd Ruge. Ad multos annos.