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Deutsche Sicherheitspolitik - Stärken, Schwächen, Aufgaben - Ansprache von Bundespräsident Horst Köhler Ansprache beim Berliner Forum Sicherheitspolitik "Impulse 21"

Bundespräsident Horst Köhler und Verteidigungsminister Jung geben sich die Hand Berlin, 27. November 2008 Foto: Steffen Kugler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Steffen Kugler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

Ich bin der Einladung, heute bei Ihnen zu sprechen, gerne gefolgt. Wir Deutsche sind gut beraten, gründlicher darüber nachzudenken und zu diskutieren, wie wir unsere Interessen definieren, schützen und durchsetzen und wie wir mithelfen, die Welt friedlicher und sicherer zu machen. Dieser Debatte sollten entsprechende Entscheidungen folgen und den Entscheidungen konsequentes Handeln. Das alles auf den Weg zu bringen, ist eine ansehnliche Herausforderung für alle, die sich wie Sie mit Sicherheitspolitik beschäftigen und auskennen. Aber gerade deshalb bin ich heute in Ihrer Mitte, meine Damen und Herren: Ich denke, "Impulse 21" kann ein wertvolles Forum sein für die öffentliche Bewusstseins- und Meinungsbildung, die Deutschland braucht, und ich hoffe, die Konferenz bestärkt Sie als sicherheitspolitische Experten darin, nicht nachzulassen in der Suche nach dem richtigen Weg, das heißt also auch: der Sisyphosarbeit des Aufklärens und Überzeugens.

Mein Beitrag dazu heute sollen drei Anmerkungen unter den Überschriften Stärken, Schwächen, Aufgaben sein.

1. Stärken:Deutschland hat sich weit besser eingefunden in seine internationale Verantwortung, als ihm das manche Kritiker zugestehen wollen. Wer hätte es uns verargen können, wenn wir uns nach der Wiedervereinigung erst einmal auf uns selbst zurückgezogen hätten? Mit der Gestaltung der Inneren Einheit und dem Aufbau der ostdeutschen Bundesländer gab es und gibt es weiß Gott viel zu tun. Und trotzdem hat Deutschland mit Nachdruck und im partnerschaftlichen Geist die Erweiterung der Europäischen Union vorangebracht. Unser Land hat seinen Beitrag zur Entwicklungszusammenarbeit und seinen Beitrag zur Arbeit der Vereinten Nationen verstärkt. Und wir können selbstbewusst sagen: Deutschland hat auch sicherheitspolitisch Schritt für Schritt mehr Verantwortung übernommen.

Unser Land tut das mit Soldatinnen und Soldaten, die ihr Handwerk verstehen, und die wissen: Der Einsatz ist gefährlicher geworden; immer häufiger geraten unsere Soldatinnen und Soldaten in den Kampf. Doch der strategische Erfolg hängt mindestens ebenso sehr ab vom besonnenen Schlichter, vom glaubwürdigen Botschafter unserer Werte und vom kundigen Aufbau-Helfer. Ich denke: Allen diesen Herausforderungen werden unsere Soldatinnen und Soldaten vorbildlich gerecht - auch dank Auftragstaktik, dank Innerer Führung und politischer Bildung der Bürger in Uniform und dank einer dritten Stärke: Deutschland und die Deutschen sind mit Recht überzeugt davon, dass eine kooperative und möglichst zivile Außen- und Sicherheitspolitik die unverzichtbare Basis für dauerhaften Frieden ist. Das haben wir viele Jahre eingeübt, und heute entdecken wir, dass eine solche Politik in der multipolaren Welt besonders wichtig ist: eine Politik, die auf die Verankerung in Werte-Allianzen und ihren Institutionen setzt; eine Politik, die auch die Kleinen und Schwächeren respektiert und die nicht auftrumpfend daherkommt, sondern zu gewinnen versucht; eine Politik, die ehrlich auch den Vorteil des anderen im Auge behält und sich an ethische Grundsätze bindet.

Wir haben nach dem 2. Weltkrieg aller Macht- und Gewaltpolitik abgeschworen, um langsam wieder Vertrauen und Achtung zu erwerben. Aber die Bundesrepublik und ihre Bundeswehr haben gleichzeitig gemeinsam mit den NATO-Partnern stark und verlässlich Wacht gehalten gegen die Bedrohung durch die Sowjetunion.

2. Schwächen:Manche haben 1989 das Ende der Geschichte ausgerufen. Wir Deutsche sind im Maßstab geblieben - und waren doch froh über das Ende von Teilung und Bedrohung. Wir hatten mehr als vierzig Jahre lang mit einer blutenden Grenze mitten durch unsere Heimat gelebt; da waren die Erwartungen an eine Friedensdividende naturgemäß groß. Tatsächlich geben wir heute real sehr viel weniger Geld für unsere Sicherheit und Verteidigung aus als vor 1989. Ist das heute, angesichts neuer Bedrohungen noch angemessen? Der Einsatzalltag in der Heimat und draußen wirft da Fragen auf, die Sie als Experten alle besser kennen als ich, und denen wir nicht ausweichen sollten.

Die Neuorientierung der Bundeswehr von der Territorialverteidigung zur Armee im Einsatz war notwendig und ist insgesamt gelungen. Aber die Deutschen halten diese Transformation ganz gern vor sich selbst geheim. Darum besteht die Gefahr, dass der Bundeswehr möglicherweise allmählich größere Lasten aufgebürdet werden, als es der gebotenen Solidarität der Bürger mit ihren Landsleuten in Uniform entspricht.

Aber da ist noch eine weitere Dimension zu beachten: keine Armee der Welt will sich bei ihrem Einsatz nur auf moderne Waffen und Gerät stützen, sie will auch begleitet sein von Unterstützung durch die Mitbürger, von Anteilnahme an ihrem gefährlichen Dienst. Bei "freundlichem Desinteresse" für die Bundeswehr darf es nicht bleiben Die Bundeswehr leistet einen vitalen Beitrag für die gute Zukunft unseres Landes.

Bündnistreue ist ein hohes Gut. Wir Deutsche verdanken ihr unsere Freiheit und Einheit. Aber Bündnistreue allein reicht als Argument noch nicht, wo die Bürgerinnen und Bürger mit Recht überzeugende Gründe für schwierigste militärische Interventionen verlangen. Solche Gründe zu benennen, kann die Einsicht in interessenpolitische Notwendigkeiten stärken. Aber das setzt voraus, dass wir unsere Interessen überzeugend definieren, für sie werben und sie dann entschieden verfolgen. Das wiederum setzt ein gesundes Maß an Selbstpräferenz (Peter Sloterdijk) voraus. Auch hier steht uns eine Normalisierung gut an. Es sollte uns zum Beispiel nicht passieren, dass wir Soldaten in einen Einsatz schicken, für den es kein klares oder ein falsches, weil zu hochgestecktes Ziel gibt, denn dann haben wir auch keinen zutreffenden Begriff für Erfolg und Scheitern und am Ende womöglich nicht einmal eine klare Vorstellung davon, wann und wie die Intervention beendet werden soll.

Es sollte uns auch nicht passieren, dass wir gute Ziele mit unzureichenden Mitteln verfolgen. Das würde auch unserer internationalen Glaubwürdigkeit schaden. Insgesamt gilt: Was nötig ist, das muss politisch überzeugend vermittelt und durchgesetzt werden, auch und zuerst bei der heimischen Bevölkerung, denn mit deren Akzeptanz steht und fällt in Demokratien militärisches Engagement im Ausland.

3. Aufgaben:Das setzt - und damit beginnt mein dritter Punkt - politische Bildung voraus, damit die Bürger den Wert der Institutionen, Bündnisse und vor allem der Menschen noch besser schätzen lernen, die Freiheit und Recht schützen und durchsetzen. Dafür können wir alle etwas tun, jede und jeder im eigenen Wirkungskreis. Was wir brauchen, ist Aufmerksamkeit, Solidarität und Dankbarkeit für unsere Soldatinnen und Soldaten. Und wir sollten die in Ehren halten, die im Kampf gegen Terror und Gewalt fallen und die ihr Leben und ihre Gesundheit aufs Spiel setzen für die Gemeinschaft der Deutschen und eine bessere Welt und sichere Welt.

Die internationale Finanzkrise zeigt einmal mehr, dass eine Lösung der globalen Menschheitsaufgaben nur im Rahmen einer kooperativen Weltordnung möglich ist. Dies ist auch eine große Chance. Ich bin überzeugt, dass der NATO hier eine wichtige Rolle zukommen kann. Gegebenenfalls muss die NATO die dafür notwendige Kultur von gegenseitigem Zuhören und von dem Willen zur Kooperation noch weiter entwickeln.

Ich würde mir wünschen, dass die Allianz sich wieder mehr als Wertegemeinschaft und als ein politisches Bündnis versteht. Und damit auch als zentraler Ort für strategische Konsultationen im transatlantischen Verhältnis. Ich hoffe, dass von dem NATO-Gipfel im nächsten Jahr in Straßburg und Kehl ein starkes Signal für eine neue, internationale Sicherheitsarchitektur ausgeht. Stärker als bisher muss dabei Sicherheit nicht nur mit Blick auf militärische und terroristische Bedrohungen, sondern auch auf die Bedrohung unserer Werte und Freiheit durch Armut und Klimawandel verstanden werden. Ich sehe die Chance, dass sich die NATO zu einem zentralen Pfeiler einer vernetzten Sicherheitsarchitektur, in enger Kooperation mit den Vereinten Nationen - das ist mir ganz wichtig -, aber auch der Europäischen Union entwickeln kann. Diese Herausforderung mit konzeptioneller Kraft zu gestalten, würde ihr auch für die nächsten 60 Jahre ihres Bestehens eine wichtige, glaubwürdige Rolle für die gute Entwicklung ihrer Mitgliedsstaaten und der Welt insgesamt sichern.

Ein konkreter Bereich, in dem meiner Ansicht nach schon in Straßburg und Kehl Veränderungen eingeleitet werden sollten, ist die Abrüstung. Ich glaube nicht, dass wir Frieden und Sicherheit in der multipolaren Welt von heute über mehr Rüstung erreichen werden. Ich denke Komma Hans-Dietrich Genscher hat eine besondere Gefahr auf den Punkt gebracht Komma und ich zitiere: "Die Gefahr der Ausbreitung von Atomwaffen wird größer, auch wegen der vertragswidrigen, ungezügelten Entwicklung der Atompotenziale der großen Atommächte. Der Ausstieg aus schon getroffenen Vereinbarungen bedeutet einen Rückfall in altes Denken. Wer könnte den Mahnruf von Henry Kissinger, von George Shultz, von Sam Nunn und William Perry nach vollständiger atomarer Abrüstung überhören?"

Ich teile die Auffassung von Hans-Dietrich Genscher. Ich finde, dieser Frage müssen wir dringend die nötige intellektuelle und politische Aufmerksamkeit geben.

Und wir werden auch nicht darum herumkommen, uns mit der Frage zu konfrontieren, wie sehr sich die sogenannten "neuen Kriege" in den armen Ländern der Welt von allem unterscheiden, wofür unsere Armeen aufgestellt wurden.

Wir haben es heute nämlich auch mit Kriegen zu tun, die in entlegenen Teilen der Welt teils jahrzehntelang schwelen und immer wieder heftig ausbrechen, weil sie ökonomisch lukrativ sind. Diese Kriege werden geführt, weil Milizenführer und Warlords sich angekoppelt haben an die Weltmärkte für Drogen und für illegal erbeutete Rohstoffe. Diese Konflikte werden angeheizt von der Flut billiger Handfeuerwaffen, vom Zerfall staatlicher Ordnungen und vom Mangel an Chancen für Generationen junger Leute.

Diese Konflikte stellen uns vor die Frage: was sind uns unsere Werte wert? Und, in der praktischen Ableitung: Was ist zu tun, damit wir unsere Werte wirksam schützen und auch unseren eigenen jungen Menschen glaubwürdig vermitteln können?

Trotz mancher ungelöster Aufgabe: Deutschland und die Deutschen haben außen-, sicherheits- und entwicklungspolitisch insgesamt einiges ganz ordentlich gemacht. Wir können verlangen, dass man unsere guten Erfahrungen damit ernst nimmt. Wir gestehen aber zu, dass wir auch Defizite haben. Wir Deutsche gelten allgemein als konzeptionelle Köpfe, aber die auswärtigen Bedingungen für unsere Freiheit und unseren Wohlstand im 21. Jahrhundert haben wir uns noch nicht ausreichend bewusst gemacht. Und darum tun wir noch nicht genug dafür, diese Faktoren zu benennen, zu diskutieren, zu stabilisieren und zu pflegen. Viele Nationen schauen auf uns und hoffen auf unseren Beitrag. Es werden uns Opfer abverlangt werden. Dieser Tatsache ins Auge zu blicken und die damit verbundenen Schmerzen aushalten zu können, da werden wir noch lernen müssen.

Sicherheitspolitik ist ein schwieriges und vor allem auch komplexes Terrain. Sie verlangt Einsicht und Willenskraft. Die wollen erarbeitet sein in unserer freiheitlichen Demokratie. Dafür, meine Damen und Herren, kommt es entscheidend auch auf Ihre Vermittlung an, auf Ihren Einsatz, auf Ihre Überzeugungskraft. Ich wünsche Ihren heutigen Beratungen und Ihrem weiteren Engagement viel Erfolg und die verdiente öffentliche Aufmerksamkeit.