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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler anlässlich der Verleihung des deutschen Theaterpreises "Der Faust"

Bundespräsident Horst Köhler am Rednerpult Stuttgart, 29. November 2008 Foto: Maks Richter, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Maks Richter, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

"Theater: Spielraum des Lebens"

"Was für ein Theater!" sagt man, wenn es irgendwo nicht ganz regelgerecht oder durcheinander zugeht. "Macht bitte nicht so ein Theater!" sagen Eltern zu Kindern, die sich allzu albern benehmen. Und wenn Politiker in nachrichtenarmer Zeit mit ungewöhnlichen Vorschlägen in die Medien drängen, spricht man gerne vom "Sommertheater". Und es ist auch kein besonderes Lob, wenn bestimmte politische Auseinandersetzungen oder Vorkommnisse als "Provinztheater" bezeichnet werden.

Es ist sonderbar: Eine der wunderbarsten menschlichen Erfindungen, eine der ältesten Kulturleistungen der Menschheit, das Theater, wird im alltäglichen Sprachgebrauch nicht selten zu einem Begriff, der zum Ausdruck bringt, dass man etwas nicht so ganz ernst nehmen kann.

Was sagt dieser Sprachgebrauch über das richtige Theater, das Theater auf unseren Bühnen, das wir heute, beim Deutschen Theaterpreis, dem "Faust", an diesem hochfestlichen Abend doch ganz ernst nehmen?

Wahrscheinlich sagt er, dass das Theater etwas anderes ist als der normale Alltag, das normale Leben. Das Theater eröffnet einen anderen Raum, einen anderen Blick, eine andere Welt. Das Theater ist nicht unernst. Aber in ihm ist ein anderer Ernst gegenwärtig, der Ernst des Spiels - übrigens auch dann, wenn ein heiteres Stück gegeben wird.

Gerade deswegen kann uns das Theater etwas über uns erzählen. Wenn das Theater unser Leben nur eins zu eins abbilden würde, wäre es uninteressant. Erst wenn das Theater für uns ein Spiel eröffnet, in dem es andere Möglichkeiten gibt, andere Ausgänge, überraschende Entwicklungen, erst wenn der Ernst des Lebens mit dem Ernst des Spiels konfrontiert wird, packt uns, was auf der Bühne geschieht.

Deswegen lieben wir das Theater. Das Theater ist ein Ort der Freiheit und der Möglichkeiten. Das Theater ist der Spielraum des Lebens. In diesem Spielraum sehen wir, was ist, weil wir sehen, was sein könnte. Wir sehen unsere eigene Geschichte, weil wir andere Geschichten sehen und verstehen. Wir begreifen unser eigenes Handeln neu, weil wir fremdes Handeln sehen und begreifen. Und wir entdecken unseren Schmerz wieder, unsere Leidenschaft, unsere Wut oder unsere Liebe, weil wir von Schmerz, Leidenschaft, Wut und Liebe der Figuren auf der Bühne angerührt werden. Die deutsche Kulturnation bildet sich nicht zuletzt in ihrer Theaterlandschaft ab. Ich wünschte, noch sehr viel mehr Menschen würden diese Landschaft entdecken. Sie würden staunen über die große Vielfalt, den Einfallsreichtum der Regisseure, die Kunst der Schauspieler, der Tänzer, Sänger und Musiker.

Wie kaum ein anderer Ort ist das Theater ein Ort der Vergegenwärtigung. Wir vergewissern uns unserer Geschichte und unserer kulturellen Vergangenheit, indem wir alte Stücke aufführen, und wir vergewissern uns gleichzeitig der Haltbarkeit, der Tragfähigkeit dieses Erbes, indem wir es immer neu der Luft der Gegenwart aussetzen. Auf der anderen Seite setzen wir auch unsere Gegenwart einer Probe aus: Hat die Art, wie wir leben, wie wir miteinander umgehen, wie wir Konflikte lösen, Bestand vor den großen Entwürfen, die andere vor uns gedacht haben? Können wir vielleicht wachsen an den alten Meistern? Das gelingt natürlich nur, wenn wir sie nicht auf unser gelegentlich sehr kleines Maß reduzieren.

So ist das Theater einer der letzten Orte der gemeinsamen Selbstvergewisserung der Gesellschaft. Es ist ein Ort, wo sich eine Haltung bilden kann. Beispielhaft dafür steht etwa das Theater in Halberstadt - aber auch an anderen Orten - wo sich eine bürgerschaftliche Bewegung gegen rechtsradikale Bedrohung des Gemeinwesens gebildet hat.

Immer wieder erlebe ich, wie die Bürgerinnen und Bürger einer Stadt das Theater als ihre Sache begreifen oder wiederentdecken. Erst vor kurzem konnte ich das sehr eindrucksvoll in Cottbus erleben, wo unter sehr großer und vor allem sehr herzlicher Anteilnahme der Stadt das Theater seinen hundertsten Geburtstag gefeiert hat. Man konnte regelrecht spüren, wie sehr das Theater zur kulturellen Identität der Stadt gehört, ohne das die Stadt nicht wäre, was sie ist.

Das Theater gehört nicht sich selbst. Es gehört den Bürgern, den Städten, den Regionen. Ich finde es eine sehr gute Sache, dass der deutsche Theaterpreis durch die Bundesländer wandert und so die regionale und urbane Verwurzelung des Theaters deutlich macht. Es gibt kein Bundeszentraltheater. Und die einzelnen Theater sollen auch nicht austauschbar sein. Wenn Theater zur kulturellen Identität einer Stadt oder einer Region gehört, dann hat es auch selber eine unterscheidbare Identität. Das ist wichtig. Die zunehmend globalisierte Welt bietet viele Vorteile - aber es gibt eben auch Risiken und Nebenwirkungen. Ich rede jetzt ausdrücklich einmal nicht von den ökonomischen Verflechtungen, über deren Risiken und Schattenseiten wir in den letzten Wochen viel gehört haben. Ich rede von der Gefahr der Gleichmacherei. Wir wollen aber nicht einen globalen, glatt polierten kulturellen Mainstream, der das sperrige Spezifikum abschleift, den Eigensinn und die lokale oder regionale Identität. Unsere Theater sind auch Gegengewichte gegen weltweite Einheitskultur. Deswegen finden wir uns im Theater ein, und deswegen finden wir uns dort wieder.

Die unvergleichliche deutsche Theaterlandschaft ist nicht nur etwas für gute Zeiten. Gerade unruhige, gerade schwere und ungemütlichere Zeiten brauchen das Theater. Gerade dann brauchen wir die Zumutungen und die Kritik, aber auch den Zuspruch und den Trost, den es bieten kann. Deswegen kann ich nur sehr davor warnen, in wirtschaftlich prekären Zeiten den Rotstift, wie es leider allzu oft geschieht, zuerst bei der Kultur, zuerst beim Theater anzusetzen.

Ich hatte vom kulturellen Erbe gesprochen, das im Theater immer wieder lebendig wird. Wir haben dieses Erbe übernommen, wir müssen es auch an die nächsten Generationen weitergeben. Deswegen ist die ästhetische Bildung von Kindern und Jugendlichen so wichtig, auch die Theaterpädagogik. Wichtig ist auch eine ästhetische Bildung, die die Tatsache in Rechnung stellt, dass unsere Gesellschaft von Vielfalt und Zuwanderung geprägt ist. Unser Erbe speist sich aus vielen Strömen. Schöpfen wir aus ihnen!

Gemeinsam Theater machen und gemeinsam Theater schauen - das kann ein wunderbarer Weg zur Integration sein.

Meine Damen und Herren, ich weiß: Der Abend des "Faust", der Abend des deutschen Theaterpreises, ist kein Abend für große Reden. Aber wenn ich als Bundespräsident schon einmal hier bin, dann wollte ich Ihnen wenigstens kurz einige Dinge sagen, die mir am Herzen liegen. Ich fasse zusammen: Macht weiter schön Theater!

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