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Das neue Afrika erkennen - Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler beim Festakt anlässlich des 30jährigen Bestehens der Deutschen Afrika-Stiftung

Bundespräsident Horst Köhler am Rednerpult Berlin, 4. Dezember 2008 Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

Schauen wir anlässlich des heutigen Doppeljubiläums der Deutschen Afrika Stiftung und der Afrika Post einmal auf unseren Nachbarkontinent im Jahre 1978, dem Gründungsjahr der Stiftung, zurück: Wir sehen einen Kontinent, in dem einige Länder - wie Angola, Mosambik und Dschibuti - gerade erst unabhängig geworden sind. Wir sehen einen Kontinent, der - insbesondere in den Frontstaaten des Südens - stark vom Widerstand gegen die Vorherrschaft der Weißen in Südafrika, Simbabwe und Namibia geprägt ist. Und wir sehen einen Kontinent, in dem größtenteils politische Führer an der Macht sind, die ihre Legitimation im Kampf gegen die Kolonialmächte erworben haben. Sie führten die afrikanischen Staaten aus kolonialer Abhängigkeit in die Freiheit. Dies ist eine historische Leistung, die unseren Respekt verdient.

Nach Erringung der Unabhängigkeit stellte sich aber leider oft heraus, dass diese Generation politischer Führer ihre Länder genau so regierten, wie sie die Unabhängigkeit erkämpft hatten. Im Kampf gegen den äußeren Gegner hatten sie unbedingte Geschlossenheit verlangt und nur wenig Raum für Diskussionen gelassen. Nun, nachdem der Kampf gewonnen war, waren sie zu selten bereit, Kritik zu dulden und ihren Bürgern demokratische Freiheiten zu gewähren. Sie schieden entweder durch Tod oder Putsch aus dem Amt, aber nicht durch demokratische Wahlen. Mir scheint, Afrika weicht einer eigenen Auseinandersetzung mit solchen Erscheinungen - nicht nur in Simbabwe - noch zu oft aus. Ein verharrendes Afrika wird aber den Hoffnungen seiner Menschen nicht gerecht.

Mehr und mehr entsteht aber auch ein neues Afrika. Ein Afrika, in dem demokratische Machtwechsel die Regel sind und nicht die Ausnahme. Ein Afrika, in dem nicht nur durch hohe Rohstoffpreise, sondern auch durch eine bessere Wirtschaftspolitik in den letzten zehn Jahren konstant Wachstumsraten von 4 bis 6 Prozent erreicht wurden. Und ein Afrika, dessen Eliten Selbstbewusstsein gewinnen, das sich auch in eigenen politischen Konzepten wie der Afrikanischen Union, der Neuen Partnerschaft für Afrikas Entwicklung (NEPAD) und dem African Peer Review Mechanismus niederschlägt.

Wie stark die Kolonialzeit und das Gefühl der Ungerechtigkeit aber immer noch präsent sind, kann man an der Begeisterung sehen, die die Wahl von Barack Obama zum neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika in Afrika ausgelöst hat. Für viele Afrikaner ist Obama gefühlsmäßig einer der ihren. Einer, der es aus einfachen Verhältnissen bis ganz nach oben geschafft hat. Ich denke, dass dieser Funke das neue Afrika weiter bestärkt.

Diesen Wandel Afrikas hat kaum eine andere Institution in Deutschland so intensiv begleitet wie die Deutsche Afrika-Stiftung. Sie hat unzählige Afrikaner und Deutsche aus Politik, Wirtschaft und Kultur zusammengebracht. Sie zeichnet seit 1993 mit dem wichtigen Deutschen Afrika-Preis Afrikaner aus, die sich oft unter hohem persönlichem Risiko für Frieden, Demokratie, Menschenrechte und nachhaltige Entwicklung - kurz, für das neue Afrika - einsetzen. Ebenso fördert sie alle zwei Jahre Wissenschaftler, die sich mit afrikanischen Themen beschäftigen. Heute ist es Herr Dr. Bruchhausen, der den deutschen Afrika-Förderpreis für seine Untersuchung über das Verhältnis traditioneller und westlicher Medizin in Afrika erhalten hat. Ich beglückwünsche Sie dazu.

Die Stiftung hat über die Jahre hinweg ein dichtes Netz von Kontakten in alle Bereiche der Politik, Wirtschaft und der Zivilgesellschaft aufgebaut. Sie zeigt die notwendige Geduld und Kontinuität im Verhältnis mit unserem Nachbarkontinent. Besonders möchte ich hervorheben, dass die Stiftung parteiübergreifend arbeitet. Afrika ist danach auch kein Modethema, das je nach deutschen innenpolitischen Trends behandelt werden sollte. Für diese Ausrichtung danke ich insbesondere Ihnen, Herr Professor Hornhues.

Die Deutsche Afrika Stiftung arbeitet sehr eng mit Abgeordneten zusammen. Das finde ich besonders gut. Der Parlamentarismus festigt sich in Afrika. Er ist aber noch jung und auch anfällig. Deshalb ist es wichtig, dass der Bedeutung frei gewählter Vertretungen in Afrika in der entwicklungspolitischen Zusammenarbeit alle Aufmerksamkeit gegeben wird. Die Regierungen müssen zuallererst gegenüber den eigenen Parlamenten verantwortlich und rechenschaftspflichtig sein. Manchmal habe ich den Eindruck, dies wird von Nichtregierungsorganisationen und Geberländern zu schnell vergessen. Dabei bringen sich immer mehr afrikanische Abgeordnete ernsthaft bei der Erstellung nationaler Entwicklungspläne ein und schauen den Regierungen ihrer Länder genau auf die Finger.

Auf meinen Reisen in Afrika suche ich, wenn immer möglich, das Gespräch mit afrikanischen Abgeordneten. Die Deutsche Afrika-Stiftung bietet allen Mitgliedern des deutschen Bundestags einen ausgezeichneten Rahmen für Kontakte mit afrikanischen Abgeordneten. Ich würde mir wünschen, dass sich noch mehr und insbesondere auch jüngere deutsche Abgeordnete für unseren Nachbarkontinent interessieren. Meine Beobachtung ist: Gerade direkte Gespräche zwischen Abgeordneten sind von unschätzbarem Wert für den Aufbau einer parlamentarischen Kultur in Afrika. Sie helfen dem Ansehen der afrikanischen Parlamente und damit deren Arbeit.

Sie sind aber zugleich auch eine große Chance für eine informierte Afrikapolitik bei uns. Denn eins ist auch klar: Wir brauchen in Deutschland mehr fundierte Kenntnisse über Afrika. In einer global vernetzten Welt können wir nur gemeinsam mit Afrika Antworten auf globale Herausforderungen wie Sicherheit, Armutsbekämpfung, Migration, Rohstoffsicherheit und Klimawandel finden. Afrika sollte nicht nur die Domäne derjenigen sein, die sich mit Entwicklungspolitik beschäftigen, sondern auch ein Feld für beispielsweise Wirtschafts- und Umweltpolitiker. Wir sollten gemeinsam daran arbeiten, einen kohärenten Gesamtansatz in die deutsche Afrika-Politik zu bringen. Dabei spielt - und ich sage das im Haus der deutschen Wirtschaft besonders gerne - auch die deutsche Wirtschaft eine wichtige Rolle: Außenwirtschaftsförderung, berufliche Bildung und Entwicklungszusammenarbeit sollten ineinander greifen. Ich freue mich, dass sich der Deutsche Industrie- und Handelskammertag mit einem eigenen Positionspapier zu Afrika an der Diskussion hierüber beteiligt.

Für fundierte Kenntnisse über Afrika benötigen wir zuverlässige Informationen über unseren Nachbarkontinent. Informationen, die über Berichte von Krisen, Krieg und Katastrophen hinausgehen und den Erdteil in seinem ganzen Potential und seiner gesamten Vielfalt zeigen. Oft genug ist zu hören, dass sich afrikanische Themen einfach nicht gut genug verkaufen. Doch das sehe ich anders.

Der zweite Jubilar von heute - die Afrika-Post - zeigt, wie eine ausführliche und differenzierte Berichterstattung über Afrika aussehen kann. Aus dem ehemaligen Kolonialblatt ist nach einer wechselhaften Geschichte, über die wir hier gleich mehr erfahren werden, ein anspruchsvolles Magazin über das Afrika geworden, wie es heute ist. Sie beleuchtet mit unterschiedlichen Schwerpunktthemen die Zusammenhänge hinter den Nachrichten. Und sie berichtet regelmäßig über moderne afrikanische Kultur - einen Bereich, über den man sonst in Deutschland relativ wenig erfährt. Damit leistet die Afrika-Post einen wichtigen Beitrag zu einer intensiveren Beschäftigung mit unserem Nachbarkontinent. Mein Glückwunsch und meine Anerkennung dafür gilt Ihnen, Herr Hess, als dem Verleger der Afrika-Post, und Ihrem Team.

Ich freue mich über das wachsende Interesse an Afrika in Deutschland, in Europa und in der ganzen Welt. Ich denke auch, Deutschland hat in Afrika einen guten Ruf. Viel dazu beigetragen hat vor allem auch die beharrliche und immer wieder lernbereite Arbeit des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit, aber auch langjährige Kooperationen wie z.B. die Partnerschaft des Landes Rheinland-Pfalz mit Ruanda oder die vielen zivilgesellschaftlichen und kirchlichen Projekte. Hier wurde Vertrauen geschaffen, auf dem sich auch für die Zukunft aufbauen lässt.

Insgesamt wird in der Welt immer mehr begriffen, dass man den afrikanischen Anspruch auf eine gleichberechtigte Partnerschaft ernst nehmen muss. Umgekehrt wächst in Afrika das Bewusstsein, dass sich der Kontinent seiner Verantwortung stellen und seine Menschen vor Gewalt schützen muss - auch über Landesgrenzen hinweg. Und es bedeutet für uns, nur um ein Beispiel zu nennen, dass endlich der Markt für illegalen Rohstoffhandel geschlossen werden muss, dessen Gewinne so viele Konflikte befeuert haben und es immer noch tun. Die gegenwärtigen Grausamkeiten im Ost-Kongo haben nicht zuletzt auch damit zu tun.

Ich bin zuversichtlich: Gemeinsam mit dem neuen Afrika können wir trotz aller Unterschiede und Asymmetrien zu einer echten Partnerschaft kommen. Vor einem Monat fand in Nigeria das vierte Afrika-Forum meiner gemeinsam mit der Zeit-Stiftung begonnenen Initiative "Partnerschaft mit Afrika" statt. Während des Forums haben gerade die afrikanischen Teilnehmer betont, dass die grundlegenden Konzepte wie die Neue Partnerschaft für Afrikas Entwicklung und der African Peer Review Mechanismus mit der Wertebasis der Europäischen Union übereinstimmen. Das wird viel zu oft vergessen. Europäer und Afrikaner brauchen also nicht immer Neues zu erfinden, sondern sie brauchen Lernfähigkeit, Geduld und Beharrlichkeit, um das als richtig Erkannte umzusetzen. Das ist nicht immer einfach, aber es ist möglich. Dafür bedarf es vor allem Vertrauen und Respekt im Umgang miteinander.

Darauf zielt die Arbeit der Deutschen Afrika-Stiftung, von Herrn Langen und seinem Team, ebenso wie die der Afrika Post. Sie - meine Damen und Herren - sehen sich schon lange einer echten Partnerschaft mit Afrika verpflichtet. Dafür danke ich Ihnen und wünsche Ihnen auch für die Zukunft allen Erfolg in Ihrer Arbeit.