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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler anlässlich eines Adventskonzerts in Schloss Bellevue

Bundespräsident Horst Köhler am Rednerpult, daneben der Chor Berlin, 7. Dezember 2008 Foto: Jürgen Gebhardt, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Jürgen Gebhardt, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

Meine Frau und ich freuen uns, dass Sie alle heute Abend zu uns ins Schloss Bellevue gekommen sind. Es gehört zu den guten Traditionen dieses Hauses, dass es in jeder Adventszeit ein Adventskonzert des Bundespräsidenten gibt.

Das hat mehrere Gründe. Zum einen gehört weniges so sehr zur deutschen Kultur wie die Musik in der Advents- und Weihnachtszeit. Advents- und Weihnachtslieder aus Deutschland sind in der ganzen Welt bekannt - manche stehen stellvertretend für den Teil der deutschen Kultur, der von besonderer Innigkeit, von Gefühl und Romantik geprägt ist. Und wenn in vielen Häusern und Familien in unserem Land in dieser Zeit musiziert und sogar zusammen gesungen wird, dann sollte das auch im ersten Haus des Staates der Fall sein.

Zum anderen erinnert die Advents- und Weihnachtszeit daran, dass unser Land und seine Kultur zutiefst vom Christentum und von christlichen Traditionen geprägt sind. Wir wollen das ruhig deutlich machen. Die Lieder, die hier erklingen, sind von der adventlichen Botschaft geprägt; die Chöre, die hier im Schloss für uns singen, sind in aller Regel Dom- oder Kathedralchöre. Keiner wird mir missionarische Absichten unterstellen. Ich glaube aber, dass ein tolerantes Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlicher Traditionen und Kulturen nur dann gelingt, wenn alle sich zu ihren Wurzeln und zu ihrer Herkunft bekennen. Nur wer weiß, wer er selber ist, kann den anderen als anderen anerkennen und respektieren. Achtung für andere und Selbstachtung gehören zusammen.

Die Weihnachtszeit mit ihren tiefmenschlichen Symbolen von Licht und Dunkelheit, von Unterwegssein unter der Führung eines Sternes, von der Geburt eines Kindes im Stall kann jeden Menschen ansprechen; sie spricht auch zu denen, denen die christliche Botschaft sonst fremd ist. In dieser Zeit kann wohl jeder ein wenig Besinnung halten über sein eigenes Leben, über seinen eigenen Lebensweg, über das, was ihm Licht und Wärme gibt. Vielleicht kann auch diese abendliche Stunde mit ihren Liedern und Texten dazu ein wenig beitragen.

Tief verankert in unserer Tradition ist das Weihnachtsfest als ein Fest des Dankes und, damit verbunden, ein Fest der Geschenke. Wie alles, was schön ist, kann auch das Weihnachtsfest verdreht und pervertiert werden zu einem reinen Konsumereignis, hinter dem sein ursprünglicher Sinn verlorengeht. Aber ich denke, es liegt an jedem von uns, wie er damit umgeht und ob etwa die Geschenke für die Angehörigen und Freunde aus echter Zuneigung und Dankbarkeit kommen. Und solche Geschenke bemessen sich nicht nach der Höhe des Kaufpreises.

Dieses Konzert ist auf jeden Fall auch ein Zeichen, mit dem meine Frau und ich, liebe Gäste, unsere Dankbarkeit zum Ausdruck bringen wollen. Viele von Ihnen haben im vergangenen Jahr - oder in den vergangenen Jahren - durch Rat und Tat und vielfältige Unterstützung mir als Bundespräsident und meiner Frau geholfen, das Amt - so gut es geht - zu führen und die Aufgaben für unser Land zu erfüllen. Haben Sie alle ganz herzlichen Dank dafür und nehmen Sie unser Konzert als kleines Geschenk dafür entgegen.

Besonders begrüße ich heute Abend diejenigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die das Jahr über freiwillig unseren Besucherdienst leisten und so den vielen interessierten Bürgerinnen und Bürgern das Schloss Bellevue und das Bundespräsidialamt zeigen und ihnen die Arbeit des Bundespräsidenten und seiner Mitarbeiter erläutern. Auch für Sie soll dieses Konzert heute Abend ein Dankeschön sein.

Ich freue mich darüber, dass in jedem Jahr ein Spitzenchor aus unserem Land uns dabei hilft, eine würdige und schöne Feier zu gestalten. In diesem Jahr ist es die Mädchenkantorei des Rottenburger Domes unter der Leitung von Domkapellmeister Frank Leenen. Es ist das erste Mal, dass ein reiner Mädchenchor das Adventskonzert in Schloss Bellevue bestreitet, und wir sind sehr gespannt. Das Programm, das Sie uns vorgeschlagen haben, enthält viele internationale Adventsgesänge. Weihnachten ist zwar, wie ich vorhin gesagt habe, bei uns in Deutschland ein ganz besonderes Fest - aber es wird selbstverständlich auch anderswo gefeiert und auch anderswo gibt es wunderschöne Lieder zu Weihnacht und Advent.

Es ist Tradition geworden, dass bei unserem Adventskonzert zwischen den Liedern Gedichte gelesen werden. Sie stellen einen gewissen Kontrapunkt dar und machen es möglich, dass die geistlichen Lieder und Gesänge mit moderner Lebenserfahrung konfrontiert werden und sich da und dort ein überraschender Bezug oder ein neuer Sinn ergibt. Auch bei den Texten gibt es in diesem Jahr eine Neuigkeit. Nicht alle sind modern, wir beginnen vielmehr mit einem Gedicht von Hölderlin, als kleine Reverenz an die schwäbische Herkunft des Chores. Hölderlin hat zwar nicht in Rottenburg gelebt, aber den Tübinger Hölderlinturm kennt man auch einige Kilometer weiter neckaraufwärts.

Sein Gedicht "Die Heimat" gibt auch das Thema der weiteren Gedichte vor, die sich heute Abend in dieser oder jener Weise um die "Sehnsucht" drehen. Sehnsüchtig auf etwas zu warten, sehnsüchtig nach etwas Ausschau halten oder sich zu erträumen - das ist auch ein Thema, das sehr gut zum Advent, also zu dieser Zeit der Erwartung passt.

Gelesen werden die Gedichte diesmal von Heinrich Schafmeister, den viele von Ihnen vom Theater oder von Film und Fernsehen kennen. Ich freue mich sehr, dass Sie heute Abend direkt von Ihrem Engagement am Kudamm hierher gekommen sind, herzlich Willkommen.

Meine Damen und Herren, liebe Gäste. Unser Adventskonzert versucht, eine Einheit aus Musik und Texten zu bilden. Ich schlage deshalb vor, dass wir mit unserem Applaus bis ganz zum Schluss warten. Dann aber wird er bestimmt sehr kräftig sein.

Ich wünsche uns allen eine gute Stunde der Besinnung und der adventlichen Freude.