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Laudatio von Bundespräsident Horst Köhler aus Anlass des 95. Geburtstages von Professor Dr. h.c. mult. Berthold Beitz

Gruppenbild: der Bundespräsident und die Gäste Bonn, 16. Dezember 2008 Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

Herzlich willkommen in der Villa Hammerschmidt. Ich freue mich sehr darüber, dass wir heute mit Berthold Beitz seinen 95. Geburtstag nachfeiern. Der liegt nun zwar schon ein paar Tage zurück, aber wir alle - lieber Herr Beitz - gratulieren Ihnen von Herzen. Es ist sehr schade, dass Ihre liebe Frau heute nicht bei uns sein kann. Bitte grüßen Sie sie herzlich von uns. Wir wünschen ihr alles Gute.

Ich will nun keine lange Rede halten, denn es haben unseren Jubilar schon so einige Bundespräsidenten gewürdigt, und in dieser Runde von Verwandten und Freunden und Weggefährten bedarf es auch keiner dokumentarischen Nacherzählung von Leben und Werk. Gerade weil ich die objektiven Tatsachen als bekannt voraussetzen darf, möchte ich ein wenig subjektiv sein und vor allem über meine Eindrücke und mein Bild von Berthold Beitz sprechen.

Lieber Herr Beitz, wir sind uns in den letzten Jahren immer wieder auch persönlich begegnet. So denke ich beispielsweise gern zurück an meinen Besuch in der Villa Hügel und an die wunderbare Ausstellung tibetanischer Kunstschätze, die dort gezeigt wurde. Bei solchen Gelegenheiten bewundere ich immer wieder Ihre freundliche Zugewandtheit, Ihre kundige Anteilnahme an Themen und Schicksalen, Ihre serene Gelassenheit.

Berthold Beitz begegnet mir aber auch oft durch Hörensagen, durch den Abglanz seiner Taten gewissermaßen. Auf meinen Reisen - ein Bundespräsident braucht für sein Amt ja eigentlich einen Reisegewerbeschein - auf meinen Reisen höre ich an vielen Orten: "Das hat Berthold Beitz für uns erreicht." "Das geht auf seine Initiative zurück." "Das wäre ohne ihn nicht möglich gewesen." "Berthold Beitz war unser rettender Engel." Sätze wie diese höre ich oft, sei es in Greifswald, in Halle an der Saale und natürlich an Rhein und Ruhr. Und alle diese Erzählungen, lieber Herr Beitz, künden von Ihrem klaren Blick für das, was kulturell, wissenschaftlich und politisch wünschenswert und erreichbar ist, und von Ihrer Stärke bei der Verwirklichung dessen, was Sie als richtig erkannt haben.

Zugleich künden diese Berichte oft von Ihrer Beharrlichkeit und von Ihrer Überzeugung, dass Vernunft und Wohlwollen selbst unter widrigen Umständen sehr viel Gutes ausrichten können. Ihr Engagement für Greifswald, für die Leopoldina zu Halle an der Saale und für die Menschen in Ostdeutschland zum Beispiel begann lange vor 1989. Für dieses Engagement sind Sie schon zu DDR-Zeiten von der Universität Greifswald und der Leopoldina ausgezeichnet worden - was übrigens ein schönes Beispiel dafür ist, dass es dort selbst damals gewisse Freiräume für unabhängige Entscheidungen gab. Und Ihr Engagement für Kultur und Wissenschaft in Ostdeutschland war nicht etwa die verzierende Dreingabe zu Ihrem beruflichen Einsatz für den Ost-West-Handel - dieser Einsatz bedurfte solcher Verzierungen gar nicht, er war selber ein wichtiger Beitrag zur Entspannungspolitik. Nein, diese Anteilnahme an den alten Universitäten und Städten in der DDR zeugt von der Heimatliebe des "pommerschen Dickschädels" Berthold Beitz, für den auch das geteilte Deutschland die eine Kulturnation blieb. Zugleich war dies Engagement in der DDR Ausdruck seines Sinnes für historische Gerechtigkeit, deren letztes Wort so lange nicht gesprochen war, wie ein Teil der Deutschen weiter in Unfreiheit und auch mit materiellen Nachteilen für die Verbrechen geradestand, die ganz Deutschland zu verantworten hat.

Lieber Herr Beitz, Sie haben nach dem Krieg wesentlich dazu beigetragen, dass aus dieser historischen Verantwortung in der Bundesrepublik die richtigen Konsequenzen gezogen worden sind. Ihr unternehmerischer Beitrag zum Wiederaufbau und später zum wirtschaftlichen Strukturwandel, zum Ausgleich zwischen Kapital und Arbeit und zur Aussöhnung, ja zur Freundschaft mit dem Staat Israel und mit Polen ist einzigartig und hat Bestand. Sie haben mit Ihrer Persönlichkeit, Ihrem Vorbild und Ihrem unermüdlichen Einsatz unserem Land wieder neu Vertrauen erworben. Das ist eine Leistung, der wir nur dadurch gerecht werden, dass wir dieses Vertrauen nie mehr aufs Spiel setzen.

Im Zweiten Weltkrieg, als Deutschland wegen der furchtbaren Verbrechen der Nationalsozialisten jeden moralischen Kredit verspielt hatte, da setzten Sie ein Zeichen der Menschlichkeit. Als kaum 30-Jähriger retteten Sie damals im besetzten Galizien unter Einsatz Ihres Lebens gemeinsam mit Ihrer Frau hunderte von Juden vor der Ermordung. Später wurden Sie beide von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem als "Gerechte unter den Völkern" geehrt. Sie selbst haben nach dem Krieg nur wenig über Ihr mutiges Handeln gesprochen. Ein Held wollten Sie nicht sein. Mit Ihren eigenen Worten: "Es ging doch nur darum, das zu tun, was man tun muss als Mensch."

Tun, was man als Mensch tun muss - und ich füge hinzu: alles tun, was man tun kann - das blieb auch nach 1945 bestimmend für Ihr Handeln. Was hat Sie angetrieben zu diesem Tun - zum Widerstand im Dritten Reich und später zu Ihrer beharrlichen Sisyphusarbeit auf so vielen Gebieten des Wiederaufbaus und des moralisch-politischen Neuanfangs?

Mir fallen zwei Antworten auf diese Frage ein: Berthold Beitz ist ein Mensch und Patriot, für den es selbstverständlich war, verfolgten Mitmenschen in Not und Bedrängnis zu helfen und den guten Namen seines Vaterlandes von Schmach und Schande zu befreien. Und: Berthold Beitz ist ein Mann, der bis heute Freude daran hat, gebraucht zu werden, helfen zu können und tätig zu sein, und der darum bis heute, mit seinen 95 Jahren, Tag für Tag zur Arbeit geht wie irgendein anderer zwischen 25 und 65.

Liebe Gäste, ich sprach eben von der Sisyphusarbeit, der sich Berthold Beitz vor über einem halben Jahrhundert gestellt hat. Viel davon hat er auf gute Wege gebracht. Darum erinnere ich gern an Albert Camus und wandele seinen letzten Satz aus dem "Mythos von Sisyphus" dem Anlass entsprechend ab: "Wir dürfen uns Berthold Beitz als glücklichen Menschen vorstellen."

Bitte erheben Sie mit mir das Glas auf einen großen Menschen, auf Berthold Beitz!