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Tischrede von Bundespräsident Horst Köhler zu Ehren von Frau Ingeborg Schäuble

Gruppenbild - Ehepaare Köhler und Schäuble Berlin, 9. Januar 2009 Foto: Sandra Steins, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Sandra Steins, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

"Hilfe verändert auch die Helfer"

Herzlich willkommen in Schloss Bellevue. Ich freue mich, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind. Wir wollen heute gemeinsam Ingeborg Schäuble "danke" sagen.

Nach zwölf Jahren scheiden Sie, liebe Frau Schäuble, aus dem Amt der Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Welthungerhilfe.

Zwölf Jahre, in denen diese - übrigens auf Initiative von Bundespräsident Heinrich Lübke gegründete - Organisation sich mit ihrer Arbeit einen weltweiten Spitzenplatz unter allen Hilfsorganisationen erarbeitet hat - auch und gerade in Bezug auf die so wichtigen Kriterien Transparenz und Effizienz. Die Deutsche Welthungerhilfe hat sehr früh das Prinzip "Hilfe zur Selbsthilfe" zur Leitlinie ihrer Arbeit gemacht. Sie setzt auf einheimische Partner und verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz zur ländlichen Entwicklung. Wie wichtig das für die Menschen vor Ort ist, sehe ich bei meinen Auslandsreisen - gerade in Afrika - immer wieder. So war ich vor etwa einem Jahr bei einem Besuch einer ländlichen Region in Ruanda vom ganzheitlichen Vorgehen der Welthungerhilfe sehr beeindruckt. Dort wurde nicht nur beim Bau einer Schule geholfen. Gemeinsam mit ruandischen Partnern wurden im Dorfverbund auch moderne Konzepte für terrassenförmigen Reisanbau umgesetzt. Und es wurde eine Straße gebaut, um es den Bauern zu erleichtern, ihre Produkte auf den Markt zu bringen.

Liebe Frau Schäuble, der ausgezeichnete Ruf, den die Welthungerhilfe heute überall auf der Welt genießt, ist ganz wesentlich auch Ihr Verdienst. Sie übergeben an Ihre Nachfolgerin, Frau Dieckmann, ein wohlgeordnetes Haus. Mit der erfolgreichen Neustrukturierung der Organisation ist die Deutsche Welthungerhilfe gut gerüstet, um ihre wichtigen Aufgaben auch in Zukunft vorbildlich erfüllen zu können.

Sie haben Ihr Amt eher leise und zurückhaltend ausgeübt, bescheiden und unaufgeregt. Große Auftritte in grellem Licht waren Ihre Sache nicht. Stattdessen bewiesen Sie Ausdauer und Hartnäckigkeit bei der Entwicklung und Umsetzung von Konzepten und Ideen. Zu Beginn Ihrer Zeit als Vorsitzende haben Sie einmal gesagt, dass es lediglich darum gehe, "ein paar Termine im Jahr wahrzunehmen."

Das war damals sympathisches Understatement, aber wie tief das gestapelt war, das lässt sich erst jetzt ermessen, erst im Rückblick auf die Intensität Ihres Engagements. Sie haben sich wirklich mit nimmermüdem Einsatz an die Arbeit gemacht. Während Ihrer Zeit an der Spitze der Deutschen Welthungerhilfe hatten Sie für jeden ein Ohr und absolvierten ungezählte Projektbesuche. Dabei scheuten Sie keine Strapaze und nahmen auch Gefahren in Kauf, um sich in Krisengebieten und nach Katastrophen persönlich ein Bild von der Lage der betroffenen Menschen zu machen. Auf Ihren Reisen haben Sie die ganze Vielfalt und Zerrissenheit unserer Welt gesehen: unermessliche Not - aber auch große Solidarität; Gleichgültigkeit und Zynismus - aber auch die Hilfsbereitschaft von Menschen, die oft selber nur das Nötigste zum Leben hatten.

Sie haben erlebt und erfahren, dass humanitäre Hilfe - so nötig sie ist - ein Tropfen auf den heißen Stein bleibt, wenn es nicht gelingt, sie in langfristige Aufbauarbeit einheimischer Partner zu überführen. Sie haben für die Erkenntnis geworben: Um den Hunger wirksam zu bekämpfen, ist es unabdingbar, die Armut auf unserer Erde zu überwinden. Und damit die Welthungerhilfe einen wirksamen Beitrag dazu leistet, haben Sie sich mit Ihrer zupackenden Art unermüdlich für die Finanzierung entsprechender Projekte eingesetzt.

Liebe Frau Schäuble, ich habe recht bald, nachdem Sie den Vorsitz der Welthungerhilfe übernommen hatten, ein Interview mit Ihnen gelesen, in dem Sie von ersten Erfahrungen in dem neuen Amt berichteten. Sie schilderten, wie Sie durch Ihre Tätigkeit gedanklich freier geworden seien und bei den Projektbesuchen gelernt hätten, dass Fröhlichkeit und Glück "erstaunlich wenig vom Wohlstand" abhängen.

Mir ist das sehr im Gedächtnis geblieben, und ich kann Ihre Erfahrung nur bestätigen, denn genau das erlebe auch ich, vor allem bei meinen Reisen nach Afrika. Lebensfreude und Herzlichkeit, Hilfsbereitschaft, Gemeinsinn und Sorge füreinander - die Dinge, die für den Zusammenhalt einer Gesellschaft unendlich wichtig sind, haben nur wenig mit materiellem Besitz zu tun. Es geht deshalb nicht nur darum, den Armen in der Welt etwas von unserem Wohlstand abzugeben und ihnen dabei zu helfen, sich aus ihrer Armut herauszuarbeiten. Es geht auch um die Einsicht, dass wir manches von ihnen lernen können: über den sorgsamen Umgang mit der Natur zum Beispiel, über die Pflege der Gemeinschaft und die Achtung vor dem Alter. Erfolgreiche Entwicklungshilfe verändert nicht nur die Hilfsbedürftigen, sondern auch die Helfer.

Liebe Frau Schäuble, Sie haben Ihr Amt nach zwölf ereignisreichen, lehrreichen und erfolgreichen Jahren zurückgegeben, um wieder mehr Zeit für Privates, für Ihre Familie und Freunde zu haben. Ich bin gewiss, dass die kommenden Jahre anders, aber nicht weniger erfüllt sein werden. Und wir alle danken Ihnen für Ihren Einsatz, der so viel Gutes bewirkt hat.