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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler anlässlich des Schlossabends für Freie Theater

Bundespräsident Horst Köhler auf der Bühne, im Vordergrund das Publikum Berlin, 20. Januar 2009 Foto: Bernd Kühler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Bernd Kühler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

"Theater als Spielraum des Lebens"

Meine Damen und Herren, ich heiße Sie herzlich willkommen zu einem Abend, der künstlerisch Besonderes erwarten lässt, und der zugleich eine Premiere ist.

Schon häufig waren Gäste in Schloss Bellevue Zeugen interessanter Theateraufführungen und Darbietungen des zeitgenössischen Tanzes. Aber ein Schlossabend, der ausschließlich von Freien Theatern in Deutschland gestaltet wird, den gab es noch nicht. Angesichts der Bedeutung, die den Freien Theatern in Deutschland zukommt, ist er längst überfällig, und so freue ich mich, dass wir ihn heute erleben können.

Weil die Freien Theater ein wichtiger Teil unserer so reichhaltigen Theaterlandschaft sind und ihre Zahl weit größer ist als die der Stadt- und Staatstheater, haben sie herausragende Bedeutung für das kulturelle Leben in unserem Land. Das hat auch seinen Niederschlag im Abschlussbericht der Enquête-Kommission des Deutschen Bundestages zur "Kultur in Deutschland" gefunden. Ich habe die Arbeit dieser Kommission aufmerksam verfolgt. Darin werden die Leistungen der Freien Theater auch besonders deshalb gewürdigt, weil sie junge Menschen an das Theater heranführen. Die Freien Theater sind nämlich im Bereich der Kinder- und Jugendtheater "Marktführer". Flexibilität, Experimentierfreude und die Nähe zu ihrem jungen Publikum, das sind alles Pfunde, mit denen die Freien Theater wuchern können.

Sie sind wirklich "frei", wie wir es mit einem Ausrufezeichen ganz knapp auf die Einladungskarte zu diesem Abend gedruckt haben: auf vielfältige Weise, und ohne dabei ins Beliebige oder Willkürliche abzugleiten. Vielfach werden die Zuschauer mit in das Geschehen einbezogen, und die Darsteller auf der Bühne bleiben nicht die einzigen Akteure. Hier lösen sich alte Muster auf, werden aus der Starre gebracht, weiter entwickelt und frei improvisiert. Diese künstlerische Freiheit tut uns gut.

Die Faszination von Theater entsteht aus der Unmittelbarkeit des Handelns und Geschehens auf der Bühne und des Erlebens im Zuschauerraum. Jede Aufführung ist unwiederholbar, auch wenn am nächsten Tag das gleiche Stück oder die gleiche Performance aufgeführt wird. Abend für Abend entsteht Einzigartiges. Die Vielfalt der Darstellungsmöglichkeiten und Ausdrucksformen ist dabei ein besonderes Kennzeichen der Freien Theater. Wir werden es gleich erleben.

Ich freue mich auch über die zunehmende internationale Vernetzung und den Ausbau von Kontakten mit der internationalen Freien Szene. Durch diesen Austausch sind Produktionen in Deutschland zu sehen, die sonst ihren Weg hierher nicht gefunden hätten.

Nicht wenige Freie Theater entfalten kulturellen Glanz weit über die eigene Stadt oder die Region hinaus. Wir verdanken der Freien Szene mit ihrem Mut zum Wagnis auch spannende Neugründungen. Und nicht zuletzt gibt es eine lange Liste von bekannten Regisseuren und Darstellern, die ihre künstlerischen Wurzeln in der Freien Theaterszene haben. Viele renommierte Stadttheater profitieren heute von ihnen.

Aber Flexibilität und größtmögliche künstlerische Freiheit haben ihren Preis. Der mitunter tägliche Kampf darum, wie das nächste Projekt, das nächste Engagement, der nächste Auftritt finanziert werden, kostet Kraft. Und er verlangt neben Kreativität auch eine gehörige Portion Robustheit. Das gilt umso mehr, da die Arbeit der Freien Theater bislang nicht so wahrgenommen, anerkannt und honoriert wird, wie ihnen das für ihre Leistung zusteht. Das hält auch der Bericht der Enquête-Kommission kritisch fest. Wenn dieser Abend dazu beiträgt, dass sich das bessert, dann freue ich mich.

Sie sehen: Ich setze auf das Theater als "Spielraum des Lebens". Dabei bin ich mir der vielfältigen medialen Konkurrenz durchaus bewusst. Ja: Sie bestärkt mich noch in dem Vertrauen, das ich in das Theater setze.

Das historische Vorbild, der "Raum zum Schauen", hat sich in den verschiedenen Epochen verändert bis hin zu den Versuchen, das Theater neu zu erfinden. Doch bei allem Wandel: Die besondere Stärke und Faszination des Theaters liegt darin, was der verstorbene Schauspieler Ulrich Mühe einmal mit dem Ausdruck "Leben zu erkunden" bezeichnet hat.

In der Souveränität des Spiels, des ernsten und des ernstgemeinten heiteren Spiels, gibt es die immerwährende Möglichkeit, nicht B zu sagen, nur weil schon A gesagt wurde. Man kann auch frei nach Brecht erkennen, dass A falsch war - und anders handeln. Auch darin liegt Freiheit.

Die verschiedensten Formen von Theater zeigen uns, dass man Dinge mit anderen Augen zu sehen beginnt, wenn man sie in ihrer ganzen Vielfalt und Vielgestalt wahrnimmt.

Ich hoffe: Was wir heute Abend hier erleben und sehen, berührt und bewegt uns und eröffnet uns diesen anderen, freieren Blick. Und ich wünsche mir, dass die Wirkung dieses Programms nicht mit dem Schlussapplaus verebbt: Möge unser Abend neue Kontakte knüpfen helfen, und mögen die Freien Theater neue Freunde und Förderer gewinnen.

Ich danke allen, die diesen Abend ermöglicht haben und zu seinem Gelingen beitragen. Und ich danke Ihnen, liebe Gäste, dass Sie an diesem besonderen Tag hier in das Schloss gekommen sind, wo auch in Amerika schon viel von Freiheit die Rede war.

Herzlichen Dank für Ihr Interesse und Ihre Neugier darauf, was Freiheit vermag - auch im Theater!