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Laudatio von Bundespräsident Horst Köhler auf Bundeskanzler a. D. Helmut Schmidt aus Anlass seines 90. Geburtstages

Der Bundespräsident steht an der Festtafel und spricht; Helmut Schmidt sitzt gegenüber Berlin, 11. März 2009 Foto: Steffen Kugler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Steffen Kugler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

"Politik mit Klarheit und Moral"

Jupp Darchinger, der große Fotojournalist, hat vor wenigen Monaten einen Bildband über Helmut Schmidt veröffentlicht. Die Bilder beginnen mit den 50er Jahren, und sie verraten uns viel über den Menschen, der da gezeigt wird. Helmut Schmidt ist meist ernsthaft zu sehen, auf die Sache, auf das Gegenüber konzentriert - selbst in heiteren Momenten.

Richtig gelöst wirkt er eigentlich nur, wenn Loki bei ihm ist. Und deshalb möchte ich heute Abend mit dem Ehepaar Schmidt anfangen.

Liebe Loki Schmidt, lieber Helmut Schmidt, genau zehn Wochen liegen zwischen Ihren Geburtstagen. Wir alle gratulieren Ihnen noch einmal von Herzen - und sind dankbar und froh, dass wir heute mit Ihnen gemeinsam hier zusammen sein können. Sie beide haben die meiste Zeit Ihres Lebens Seite an Seite verbracht. "Und das soll mal einer nachmachen" - hat Ihre Tochter Susanne vor einigen Wochen in einem wunderbaren Beitrag zum Geburtstag ihres Vaters voller Stolz gesagt.
Dabei ist die lange Zeit bloß das eine. Das andere ist die Wertschätzung füreinander, das Verständnis, die Sorge umeinander, der Umgang miteinander, die Freude aneinander. Und die Dankbarkeit dafür. Die wirkt ansteckend - auch auf Außenstehende. Und wir freuen uns mit Ihnen.

Jeder von Ihnen steht für sich mit seinen eigenen Aufgaben, Interessen und Botschaften. Sie verstehen es, dem anderen Raum für Eigenes zu geben. Das ist bei Loki Schmidt vor allem das Engagement für den Naturschutz, das sie rund um den Globus geführt hat, und mit dem sie sich weltweit Ansehen erworben hat. Zuletzt hat ihre gemeinsame Heimatstadt Hamburg ihr eine ganz besondere Ehre zuteil werden lassen: Wie ihr Mann wurde nun auch Loki Schmidt Ehrenbürgerin der Freien und Hansestadt - womit die beiden das erste Ehrenbürger-Ehepaar sind, das getrennt für jeweils eigene Verdienste ausgezeichnet wurde. Das ist charakteristisch für die beiden - eigenständig und doch zu zweit.

Die Lebensläufe von Loki und Helmut Schmidt spiegeln die Geschichte unseres Landes im 20. Jahrhundert wider. Beide haben das Scheitern der Weimarer Republik, die Nazi-Diktatur und den Zweiten Weltkrieg erlebt. Helmut Schmidt hat den ganzen Krieg als Soldat mitgemacht.

Er gehört damit zu einer Generation von Politikern, die die Gegenwelt zur freiheitlich demokratischen Ordnung unseres Grundgesetzes erfahren und erlitten haben. Er ist ein Davongekommener. Er hat im Krieg in Abgründe geblickt und erlebt, wie sich die Geister schieden; was Anstand selbst in Todesnot ausmacht. Das hat ihn geprägt. Solche Abgründe für die Zukunft zu verhindern, sein Land in guter Ordnung zu halten, dafür wollte Helmut Schmidt alles machen - alles, nur nicht große Worte. Und er hat Wort gehalten.

Helmut Schmidt hat die Befreiung der Deutschen vom Nationalsozialismus als Auftrag verstanden. Schnell fand er seinen Weg in die Sozialdemokratie und in die Politik. Er ließ sich in die Verantwortung nehmen.

Neugier und Lernbereitschaft, gepaart mit Urteilsfähigkeit, Entschlusskraft und Pragmatismus: das hat Helmut Schmidt immer ausgezeichnet. Tempo kann er auch. Sein Urteil ist unabhängig, es wird gespeist aus langer Erfahrung und harter Arbeit, aus dem Rat sorgsam ausgewählter Freunde und aus einem Intellekt, der gewichtet, analysiert, zusammenführt. Hinzu kommt die Gabe, präzise zu formulieren.

Das klappt bis heute. So wächst Autorität. Aus Wissen. Aus Können. Aus Glaubwürdigkeit. Welches Vertrauen gerade junge Menschen Ihnen, lieber Helmut Schmidt, entgegenbringen, das haben uns zuletzt die Reaktionen auf Ihre Rede beim öffentlichen Gelöbnis der Bundeswehr-Rekruten am 20. Juli des vergangenen Jahres vor dem Reichstag gezeigt.

Die Lebensstationen des Politikers Helmut Schmidt lesen sich in weiten Teilen wie ein Geschichtsbuch der Bundesrepublik: Wiederbewaffnung; das "Godesberger Programm" der SPD, die Flutkatastrophe in Hamburg 1962, die erste Große Koalition; die Jahre um "Achtundsechzig". Dann Bundesminister der Verteidigung.

Das ist eines der schwierigsten öffentlichen Ämter in Deutschland. Helmut Schmidt hat gerade auch hier Lehren aus der deutschen Geschichte gezogen: Er gründete die Bundeswehr-Universitäten, weil er wusste, dass das solide Fundament des "Staatsbürgers in Uniform" vor allem seine gute Bildung ist. Vor kurzem hat Helmut Schmidt der Bundeswehr voller Anerkennung bescheinigt, sie sei "unter dem Maßstab der Verfassungstreue die beste Armee, die es bisher in Deutschland gegeben hat". Das stimmt wohl. Und es ist nicht zuletzt sein Verdienst.

Nach der Bundestagswahl 1972 war Helmut Schmidt kurzfristig Superminister für Wirtschaft und Finanzen, dann Finanzminister. 1974 wurde er Bundeskanzler.

Damals gingen die Jahre des ungebrochenen Wachstums und der Vollbeschäftigung zu Ende. Früher als viele andere erkannte Helmut Schmidt nach dem ersten Ölpreisschock und dem Zusammenbruch des Systems von Bretton Woods die Zeichen einer Zeitenwende - ein Begriff, den wir heute wieder gebrauchen. Er sprach jetzt davon, dass die "Weltwirtschaft [...] unser Schicksal" ist - während Walther Rathenau noch davon gesprochen hatte, dass die Wirtschaft unser Schicksal sei - und dass dies eine neue Politik verlangte. Und er handelte danach. Sie suchten, lieber Herr Schmidt, zusammen mit Ihrem Freund, dem französischen Staatspräsidenten Valéry Giscard d'Estaing - den ich herzlich begrüße -, nach Partnern für diese neue Politik.

Lieber Valéry Giscard d'Estaing, lieber Helmut Schmidt, Sie haben in Ihrer Zeit wichtige Weichenstellungen erreicht - für Europa und auch in der Welt. Nicht zuletzt mit der guten Idee der Kamingespräche der Staats- und Regierungschefs der größten Wirtschaftsnationen - und es waren damals wirklich noch Kamingespräche - und der Einrichtung des Europäischen Währungssystems, dem Wegbereiter des EURO.

Der europäische Binnenmarkt, der EURO und das europäische Projekt insgesamt sind heute Chance und Schutz in der Krise. Und wir müssen etwas draus machen. Die Zeiten zeigen: Wir leben heute wieder mitten in einem Prozess der Veränderung, ja des Paradigmenwechsels. Und ich hoffe, immer mehr erkennen: Wir brauchen heute eine Entwicklungspolitik für den ganzen Planeten. Wir brauchen eine neue, kooperative Weltpolitik und Weltordnung.

Helmut Schmidt sagte in seiner ersten Regierungserklärung als Bundeskanzler, dass keine Regierung Wunder vollbringen könne, das Mögliche aber mit aller Kraft verwirklichen müsse. Ich denke, Frau Bundeskanzlerin, diesen Satz werden Sie heute auch unterschreiben. Der Staat kann keine Wunder vollbringen. Aber er hat Aufgaben, und die müssen bestmöglich erfüllt werden. Wir sollten diesen Satz alle unterschreiben. Weil er ehrlich ist. Weil er uns zum gemeinsamen Handeln ermutigt.
In der Zeit des RAF-Terrors mussten Sie, lieber Helmut Schmidt, wieder in Abgründe blicken. Es waren schwerste Entscheidungen, die Ihnen aufgegeben wurden. Sie haben sich dieser Verantwortung nicht entzogen. Dabei mussten Sie an die Grenze menschlicher Verantwortbarkeit gehen. Sie haben damals großes Unheil von unserem Land abgewendet. Ihre Entscheidungen zeichneten sich durch Würde und Demut aus. Damit haben Sie bei Ihren Mitbürgerinnen und Mitbürgern tiefen Respekt gewonnen, Dankbarkeit und liebevolles Mitgefühl. Ich könnte auch sagen: Liebe - aber die Deutschen haben so ein gespaltenes Verhältnis zu dem Begriff. Und dieses Gefühl bringen Ihnen die Menschen bis heute entgegen.

Leitlinie Ihres Denkens und Handelns war Ihnen stets das öffentliche Wohl, und Sie werden nicht müde, darauf hinzuweisen, dass diesem am besten mit praktischer Vernunft gedient ist. Und Sie mahnen von Politikerinnen und Politikern immer wieder die Verantwortung vor dem eigenen Gewissen an. In Ihrer eigenen Zeit der hohen Verantwortung haben Sie diesen Anspruch der Verantwortung vor dem eigenen Gewissen dabei nie verengt.

Einen Beleg dafür, meine Damen und Herren kann man in Helmut Schmidts Portrait als Ehrenbürger Berlins im Berliner Abgeordnetenhaus finden: Im Hintergrund des Bildes erkennt der Betrachter einen Text, den Helmut Schmidt redigiert hat - es geht um Pflichtbewusstsein, Grundwerte, Nationalgefühl. Manches ist gestrichen und einiges handschriftlich ergänzt. Klare, ordnende Textarbeit eben. Und die Passage endet mit dem Satz: "Mein Grundsatz war immer und bleibt: Wer Verantwortung trägt, der muss sowohl für die beabsichtigten wie die unbeabsichtigten Folgen aufkommen." Ich sage dazu: Gute Politik geht nicht ohne Moral.

Schon lange vor Ausbruch der heutigen Wirtschaftskrise hat Helmut Schmidt vor einem "Raubtierkapitalismus" gewarnt. Und wir haben in den zurückliegenden Jahren immer wieder über das Thema gesprochen. Er hat in der praktischen Politik dafür wenig Gehör gefunden. Noch wissen wir nicht, wie lang und wie tief die Krise ausfallen wird.

Erst vor wenigen Wochen haben Sie, lieber Helmut Schmidt, erneut konkrete Vorschläge gemacht, wie die außer Kontrolle geratenen Finanzmärkte in die Schranken verwiesen werden können. Ich halte Ihre Vorschläge für wegweisend. Und ich werde selber darauf achten, dass das Versprechen der politischen Führungen der großen Wirtschaftsnationen, eine neue, bessere Regulierung zu schaffen, nicht wieder vergessen wird, sobald sich der erste Silberstreif am internationalen Konjunkturhimmel zeigt. Das sind wir den Menschen schuldig, die die Folgen der Krise ohne eigenes Verschulden jetzt mit ausbaden müssen. Das sind wir aber auch unserem Respekt für Helmut Schmidt schuldig.

"Schmidt Schnauze", "Macher", "der richtige Mann in der falschen Partei", "Weltökonom" - das sind einige der Etikettierungen, die Helmut Schmidt von Freunden und Gegnern, von Begleitern aus Politik und Gesellschaft und auch von Journalisten zuteil geworden sind.

Alle diese Bezeichnungen haben eines gemeinsam: Es spricht hoher Respekt aus ihnen. Aus den verschiedensten Ecken - und das sagt schon was. Und zugleich greifen diese Etikettierungen doch zu kurz, denn sie geben immer nur einen Wesenszug oder sogar nur ein Klischee wieder. Ich denke, Loki Schmidts Antwort in einem Interview vor kurzem kommt der Sache viel, viel näher: Sie kann wenig anfangen mit der Einsortierung ihres Mannes als "Macher", weil diese Sichtweise verdeckt, dass Helmut Schmidt eben auch - und ebenso wichtig - ein künstlerischer, sensibler Mensch ist, mit einer Nachdenklichkeit, wie sie bloße "Macher" meist vermissen lassen.

Gewiss: Helmut Schmidt hat es selbst seinen Weggefährten nicht immer leicht gemacht, Zugang zu ihm zu finden. "Emotionen sind sowieso nie meine starke Seite gewesen", hat er einmal gesagt. Aber man weiß bei ihm, woran man ist. Und er verfügt über die Gabe, auch über Parteigrenzen hinweg Freundschaften schließen zu können.

Klarheit prägt sein ganzes Denken. Ich selbst habe das erstmals 1990 erfahren - oder erfahren dürfen-, als ich ihn, damals als frischgebackener Staatssekretär, um ein Gespräch bat über Fragen der Wiedervereinigung und der Auswirkungen des Endes des Kalten Krieges. Wir trafen uns in Hamburg für eine Stunde und es wurde ein fast doppelt so langes Gespräch daraus. Wir hatten seitdem immer wieder und bis heute gute Gespräche - ob in Hamburg, London, Washington, Bonn oder Berlin. Lieber Helmut Schmidt - danke dafür!

Es gibt keinen Komponisten, den der musische Mensch Helmut Schmidt so verehrt wie Johann Sebastian Bach. Vor über 250 Jahren schrieb der Musiktheoretiker Johann Friedrich Daube über Bach: "Wer ihn nicht gehört, hat sehr vieles nicht gehört." Ich möchte das auf den politischen Menschen Helmut Schmidt übertragen - wer ihn nicht hört, dem entgeht vieles. Hören wir ihm also weiter gut zu.

Liebe Gäste, bitte erheben Sie mit mir das Glas auf Loki und Helmut Schmidt. Sie haben sich beide um unser Land verdient gemacht. Danke Loki Schmidt, Danke, Helmut Schmidt.

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