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Laudatio von Bundespräsident Horst Köhler auf Jutta Limbach aus Anlass ihres 75. Geburtstages

Der Bundespräsident, Frau Limbach, Frau Köhler und Herr Limbach betreten nacheinander den Saal Berlin, 21. April 2009 Foto: Sandra Steins, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Sandra Steins, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

"Mitdenken: kritisch wie loyal"

Willkommen in Schloss Bellevue. Ihr Geburtstag, liebe Frau Limbach, liegt schon ein paar Tage zurück. Umso mehr freue ich mich, Ihnen heute persönlich gratulieren zu können: Herzlichen Glückwunsch! Es freut mich, dass so viele der Damen und Herren gekommen sind, die in all den Jahren Ihren Weg begleitet haben - und dass ich Ihnen in diesem vertrauten Kreise "danke" sagen kann für alles, was Sie für unser Land getan haben.

Über die Qualitäten des so genannten "Einheitsjuristen" gibt es einen schönen Spruch, der lautet: "Der preußische Assessor kann alles, sogar ein Kriegsschiff kommandieren." Zugegeben - ganz zeitgemäß ist der Satz nicht mehr. Aber sinngemäß trifft er Sie und Ihre Karriere bestens, liebe Frau Limbach. Ob als Hochschullehrerin, Senatorin, Richterin oder als Präsidentin einer bedeutenden Kulturinstitution - immer haben Sie Ihre Aufgaben mit großem Geschick und vor allem mit viel Klugheit gemeistert.

Als Hochschullehrerin konnten Sie zunächst über viele Jahre Ihre akademische und auch Ihre Alltags-Klugheit beweisen. Ihr besonderes Augenmerk galt der Verbindung zwischen Rechtswissenschaft und Wirklichkeit. Sie haben Ihren Studentinnen und Studenten beigebracht, dass juristische "Argumentations-Ballons" nicht allzu weit vom Boden der Realität abheben dürfen. Im Gegenzug haben Sie so aus manchen juristisch kaum haltbaren soziologischen Gedankengebäuden ein wenig Luft abgelassen. So ist es Ihnen auch gelungen, Verständigungsbarrieren zwischen Juristen und Nicht-Juristen zu überwinden.

Später wurde dann die Gleichberechtigung von Frauen und Männern Ihr großes Thema. Auch in diesem schwierigen, häufig so emotionsgeladenen Bereich haben Sie es geschafft, mit Ihrer ebenso direkten wie humorvollen Art Gräben zu überbrücken und Debatten zu versachlichen, ohne Konflikte schönzureden. Von der in der Geschlechterdiskussion häufig anzutreffenden schrillen Auseinandersetzung haben Sie sich deutlich abgehoben, haben klar und mit rationalen Argumenten für die Sache geworben. So klar, dass auch wir Männer aus "unserer Wirklichkeitssicht" ohne weiteres folgen konnten.

Als dann der Ruf aus der Politik kam, konnten Sie all Ihre politische Klugheit entfalten. Ich vermute, da kam das familiäre Erbe hervor, vor allem das Ihrer Großmutter. Jedenfalls fallen dem Laudator lauter Attribute ein wie Ausgewogenheit, Tapferkeit, Kompromissfähigkeit und Hartnäckigkeit. Sehr nützliche Eigenschaften, wenn man die Senatsverwaltung für Justiz zu führen hat, was einem Rodeo ähneln kann. Sie haben sich auf dem Pferd gehalten - obwohl es in dieser Zeit gerne und viel bockte. Es war egal, ob es um überzählige Sofaknöpfe ging oder um Terroristen im Hungerstreik oder um widerspenstige Generalstaatsanwälte - am Ende haben Sie sich durchgesetzt. Bei der Überwindung des behördlichen "geht nicht" - was, wie wir ja alle wissen, nur allzu häufig ein "will nicht" ist - soll Ihnen unter anderem Ihr Mann mit seiner großen bundesministeriellen Verwaltungserfahrung behilflich gewesen sein.

Besonders verdienstvoll finde ich, dass Sie Ihre Position genutzt haben, um konsequent umzusetzen, wofür Sie immer geworben hatten: Viele Spitzenpositionen der Berliner Justiz wurden erstmalig mit Frauen besetzt und damit das "Klima" in der Berliner Justiz nachhaltig und dauerhaft verändert. Doch bei aller Sympathie für eine gezielte Förderung Ihres eigenen Geschlechts haben Sie eines immer wieder deutlich gemacht: Wer vorankommen will als Frau, braucht auch eine gute Portion Selbstbehauptungswillen.

Ihr eigener Selbstbehauptungswille führte Sie - als erste Frau - an die Spitze des Bundesverfassungsgerichts - und gleich mitten in eine ernste Gerichtskrise. In den Debatten um das Kruzifix und das Tucholsky-Zitat kam die Kritik auf einmal nicht mehr nur von Seiten der Politik, sondern auch aus der Bevölkerung.

Mit der Einrichtung einer Pressestelle und intensivem persönlichem Werben für unsere Verfassung, ihre Werte und ihre institutionalisierten Hüter haben Sie nicht nur das Ansehen des Bundesverfassungsgerichts in der Bevölkerung wieder gefestigt. Sie haben auch selbst eine Popularität erreicht wie kaum ein Präsident des Bundesverfassungsgerichts vor Ihnen. Ihr kürzlich verstorbener Amtsvorgänger Ernst Benda soll im Scherz sogar einmal befürchtet haben, wenn das so weitergehe, werde der Rhein irgendwann noch in "Lim - Bach" um-benannt. Scherz beiseite: Man spürte bei Ihnen eben, dass Sie mit der Kraft Ihrer ganzen Persönlichkeit für unseren Rechtsstaat und für unsere freiheitliche Verfassung eintreten. Und dafür sind wir Ihnen sehr dankbar.

Nun, liebe Frau Limbach, wie war das noch mit dem preußischen Assessor, der alles kann? Sie übernahmen, als Sie verdientermaßen in den Ruhestand hätten treten können, kein Kriegsschiff. Sie wurden Kapitän des kulturellen Flagschiffes der Bundesrepublik Deutschland im Ausland - des Goethe-Instituts. Sie haben dessen Leitung einmal das "schönste Ehrenamt der Republik" genannt. Und ich selber habe bei unseren persönlichen Begegnungen immer wieder festgestellt, dass es Ihnen ein Herzensanliegen war, für die deutsche Sprache zu werben, Interesse an unserer Kultur zu wecken und zur Auseinandersetzung mit anderen Menschen, Kulturen und Weltsichten einzuladen. Aber es war auch harte Arbeit: Reformen standen an, straffere Strukturen mussten geschaffen werden. Dank Ihres Verhandlungsgeschicks und Ihres Durchsetzungsvermögens haben Sie auch hier alle Schwierigkeiten gemeistert. Und mit Ihrer Liebe zu Deutschland und Ihrer Weltoffenheit haben Sie zugleich einen wichtigen Beitrag zum Dialog der Kulturen und zum Ansehen unseres Landes in der Welt geleistet. Auch dafür vielen Dank!

Bei alldem hatten Sie eine ganz wichtige Quelle der Kraft: Ihre Familie - und insbesondere Ihren Mann, den Sie als engsten Vertrauten und wichtigen Berater beschreiben. Lieber Herr Limbach, liebe Frau Limbach, in der Sprache der Soziologie könnte man Ihre Beziehung vielleicht "invers moderat rollenverteilte Ehe" nennen. Rollenverteilt deswegen, weil ein Ehepartner sich intensiver mit Haushaltsfragen und Kindererziehung beschäftigt hat als der andere. Moderat, weil dieser Ehepartner auch voll berufstätig war, aber nicht ganz so große Karriere gemacht hat. Invers schließlich, weil der überwiegende Teil der Kindererziehung und Haushaltsführung vom männlichen Ehepartner geschultert wurde.

Wie so häufig führt aber auch hier spitzfindige Begriffsbildung nicht weiter. Ich nehme daher eine Anleihe aus der Fußballsprache: "Das Team ist der Star!". Und dieses Team hat wahrlich viel erreicht - nicht allein beruflich, sondern auch privat: die Erziehung von drei Kindern, das Erdulden ungezählter Arbeitswochenenden und das Management etlicher Zweitwohnsitze - all das übrigens ohne Auto und Fernseher. Dafür kann man Sie beide nur bewundern!

Liebe Frau Limbach, ich bezweifle allerdings, dass Ihr Mann und Sie sich nun ständig sehen: Ehrenämter in Hochschulräten oder in der Kommission zur Rückführung jüdischer Kunstwerke, schriftstellerische Tätigkeit, Vorträge - das alles klingt nicht wirklich nach Ruhestand. Und seien wir ehrlich: Wir alle können darüber froh sein. Denn was ich etwa zuletzt in Ihrer Weimarer Rede zur Zukunft unserer Demokratie gelesen habe, spricht mir aus dem Herzen: Etwa dass wir, wenn das Grundgesetz zukunftsfähig bleiben soll, über eine verstärkte Teilhabe der Bürger am politischen Geschehen jenseits der periodisch wiederkehrenden Wahlen nachdenken müssen. In solchen Reden erleben wir immer wieder aufs Neue, was wir an Ihnen haben: Eine politisch hochwache, geistesgegenwärtige und leidenschaftliche Verfechterin der Demokratie, die "gleichermaßen kritisch wie loyal mitdenkt und die Politik mit konkreten Fragen herausfordert" (wie Sie es selbst sich von allen Bürgern wünschen). Und damit ein wunderbares, ein notwendiges Vorbild. Denn das ist klar: Demokratie und Rechtsstaatlichkeit müssen jeden Tag von Neuem gelebt und verteidigt werden. Noch einmal: Danke für Ihren unermüdlichen Einsatz für unser Land.