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Internationalität mit Bodenhaftung - Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler bei der Eröffnungspremiere der Ruhrfestspiele Recklinghausen

Bundespräsident Horst Köhler steht an einem Rednerpult. Recklinghausen, 3. Mai 2009 Foto: Thomas Imo, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Thomas Imo, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

Meine Damen und Herren, liebe Festspielgäste, meine Frau und ich, wir freuen uns sehr, heute hier bei Ihnen in Recklinghausen zu sein! Ich habe Ihre Einladung, lieber Herr Sommer, gern angenommen.

Ich finde, die Premiere von Anton Tschechows "Kirschgarten" war ein gelungener Auftakt der diesjährigen Ruhrfestspiele. Mich hat diese Aufführung in englischer Sprache an unsere Jahre in England und Amerika erinnert. Heute brauchte es nur eine Reise von Berlin nach Recklinghausen, um diese exzellente amerikanische Inszenierung eines "Oscar"-gekrönten britischen Regisseurs zu sehen. Und das "Bridge Project" zeigt: Die Globalisierung hat viele Seiten - gute gerade auch im Bereich der Kultur.

Schön und wichtig ist dabei, dass wir in Deutschland Kultur - in Theatern, Bibliotheken, Museen, Konzertsälen und Opernhäusern - nicht nur in den Hauptstädten haben. Gerade auch die regionale Vielfalt ist ein kultureller Schatz, auf den wir stolz sein können und den wir pflegen sollten. Sie in Recklinghausen tun das seit vielen Jahrzehnten.

Die Ruhrfestspiele sind etwas Besonderes, ihrer künstlerischen Klasse wegen, aber auch wegen ihrer Historie. Sie zählen zu den ältesten Theaterfestivals Europas. Der Ursprung liegt bekanntlich in einem Akt der Solidarität, als Bergleute der Zeche Ludwig 4/5 im Winter 1946/47 Kohle für die Hamburger Theater an der Besatzungsmacht vorbei schleusten. Als Dank revanchierten sich die Hamburger Bühnen im folgenden Sommer mit Theaterdarbietungen. "Ich kann mir eine andere und neue Art der Festspiele vorstellen. Festspiele nicht nur für Literaten und Auserwählte, sondern Festspiele inmitten der Stätten harter Arbeit", so der Hamburger Bürgermeister Max Brauer 1947 anlässlich der ersten Festspiele.

Ich erzähle diese Geschichte noch einmal, weil sie zeigt, dass Solidarität nicht nur wichtig ist - das wird uns gerade in diesen Tagen wieder bewusst -, sondern die Menschen auch auf verschiedenen Wegen erreichen kann. Und besonders beeindruckt mich natürlich, dass es gelungen ist, diesem Akt der Solidarität der unmittelbaren Nachkriegszeit eine solche Zukunft zu verleihen. Der Stadt Recklinghausen und dem Deutschen Gewerkschaftsbund möchte ich für ihr Engagement danken und Ihnen meinen Respekt für diese Leistung aussprechen. Qualität für alle, Internationalität und Bodenhaftung zugleich - und das seit 60 Jahren. Da kann ich nur sagen: Hut ab!

Kohle und Kunst sind nicht nur die Geburtshelfer der Ruhrfestspiele Recklinghausen. Sie stehen auch für zwei existentielle Dimensionen des Menschen. Ohne die Nutzbarmachung von Energie ist die menschliche Zivilisation nicht vorstellbar, ohne die geistige Dimension der Kunst auch nicht. Die ältesten Musikinstrumente und Höhlenmalereien sind schließlich mehr als 30.000 Jahre alt.

Kunst entspringt einem grundlegenden Bedürfnis des Menschen, sich auch mit den Dingen zu befassen, die sich gerade nicht mit dem Maßstab des direkt Nutzbringenden messen lassen, sondern die er einfach als schön und wertvoll empfindet. Man muss kein Hellseher sein, um vorherzusehen, dass wir Menschen auch künftig stets einen Bedarf an Kunst haben werden. In diesem Sinne wünsche ich den Ruhrfestspielen Recklinghausen eine gute und erfolgreiche Zukunft. Glück auf!