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Ein fester Platz für musikalische Bildung - Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler beim 20. Musikschulkongress des Verbandes deutscher Musikschulen

Der Bundespräsident am Rednerpult Berlin, 14. Mai 2009 Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

"Please don't stop the music!" Das ist der Refrain in einem aktuellen Hit von Rihanna, und im Video tanzen Konzertbesucher begeistert dazu und singen mit.

Komisch eigentlich. Wenn ich richtig sehe und höre, dann denkt kein Mensch daran, die Musik abzustellen. Im Gegenteil: Wohl nie in der Geschichte sind die Menschen so von Musik umgeben gewesen wie wir es heute sind. Musik ist überall: im Fahrstuhl, in U-Bahn-Stationen, in Kaufhäusern, bei der Warteschleife am Telefon, beim Handyklingeln, beim Autofahren im Radio, beim Joggen im i-Pod. Viele Radiosender unterlegen auch ihre Nachrichtensendungen mit Musik und Rhythmus, so dass man fast versucht ist zu sagen: Musik kann auch nerven - "please, stop the music!"

Solche Zustände hat Friedrich Nietzsche bestimmt nicht gemeint, als er seinen berühmten Satz formulierte, dass ein Leben ohne Musik ein Irrtum ist. In unserer Welt können wir es uns nicht mehr aussuchen: Ein Leben ohne Musik ist nicht mehr vorstellbar. Und, liebe Musikschul-Lehrerinnen und -Lehrer, die Kinder und Jugendlichen, die zu Ihnen kommen, sind zutiefst mitgeprägt von der heutigen Welt, in der die Musik niemals aufhört.

Aber Ihnen geht es um etwas ganz anderes als um passive Dauer-Berieselung:

Ihnen geht es darum, jungen Leuten das aktive Musizieren beizubringen. Keine leichte Aufgabe. Denn wer heute anfängt, ein Instrument zu spielen oder seine Stimme zu bilden, der muss sozusagen gegen den Strom schwimmen: Inmitten einer Welt, in der, spätestens durch das Internet, buchstäblich alles, auch jede Art von Musik, auf Knopfdruck zu haben ist, muss er lernen, dass Musik und Musizieren mit Anstrengung, Ausdauer, Konzentration und Hingabe zu tun haben.

Diese Erfahrung, die man in der Musikschule und beim täglichen Üben macht, steht quer zu einer herrschenden Mentalität, die glaubt, ohne jede Anstrengung und ohne eigene Leistung alles bekommen zu können - und zwar sofort, unverzüglich und wenn nötig auf Pump - übrigens eine Mentalität, die vielleicht auch Mitursache der Krise ist, in der wir uns befinden.

Ich stelle Ihre Arbeit, meine Damen und Herren, ganz bewusst in diesen größeren Zusammenhang, weil ich damit etwas zum Ausdruck bringen will, was mir wichtig ist: Wenn Sie Kindern und Jugendlichen Freude an der Musik vermitteln, wenn Sie Ihnen helfen, durchzuhalten beim Erlernen eines Instrumentes, beim Solo- oder Ensemblespiel, dann tun Sie weit mehr, als Kindern zu einem schönen Hobby verhelfen. Sie leisten eine eminent wichtige gesellschaftliche Arbeit. Sie vermitteln die Erfahrung, dass es schön ist, sich für etwas anzustrengen, dass es befriedigend ist, etwas zu können, dass aus der Übung - allein aus der Übung - der Meister wird.

Ich kann mir vorstellen, dass die Aufgabe heute nicht leichter geworden ist als früher. Ich kann mir vorstellen, dass viele Kinder und Jugendliche erst einmal lernen müssen, sich zu konzentrieren, zuzuhören, bei der Sache zu bleiben. Aber dann machen sie, wenn es gut geht und der Unterricht erfolgreich ist, die unersetzliche Erfahrung, etwas gelernt zu haben und zu können, was ihnen niemand mehr nehmen kann. Und ich glaube, dass es gerade in unserer Zeit wichtig ist, unverlierbare Schätze zu haben. Musizieren oder Singen können - das sind solche unverlierbaren Schätze.

Musik hilft dabei, eine eigenständige Persönlichkeit zu werden, eine Persönlichkeit, die ihrer selbst sicherer ist, weil sie die Erfahrung kennt, aus eigenen Anlagen und eigenen Fähigkeiten etwas zu machen.

Aber auf der anderen Seite hilft Musik auch dabei, einen Sinn für Gemeinsamkeit zu entwickeln. Im Chor - dort habe ich eigene Erfahrungen gemacht und bin dafür immer wieder dankbar -, im Chor und im Ensemblespiel lernt man, auf den anderen zu hören und sich selber in ein Ganzes einzubringen. Das eigene Tempo mit dem der anderen zu harmonisieren, die eigene Lautstärke mit der der anderen in Übereinstimmung zu bringen, in einen gemeinsamen Takt einzuschwingen und dieselbe Pause einzuhalten: All das sind Tugenden, die man am besten spielerisch lernt, am allerbesten im gemeinsamen Musizieren.

Gemeinsames Musizieren führt die unterschiedlichsten Menschen zusammen. Menschen, die vielleicht sonst gar nicht zusammenkämen. Was trägt besser als Musik zur Integration bei? Hier kommen Alt und Jung zusammen, Menschen mit und ohne Behinderung, Einheimische und Zugewanderte; hier entstehen Gemeinschaften aus einem gemeinsamen Interesse und mit einem gemeinsamen Ziel. Die musikalischen Beiträge heute morgen und die Gruppen, die hier auftreten, zeigen das ganz besonders deutlich.

Natürlich - niemand macht Musik, um ein besserer Mensch oder ein nützliches Glied der Gesellschaft zu werden. Musik macht man, weil man Freude daran hat oder weil andere einen mit ihrer Freude daran angesteckt haben. Kunst und Musik sind zu allererst um ihrer selbst willen da. Es ist das freie und nicht von Zwecken bestimmte Spiel, das - nach Schiller - den Menschen ganz Mensch sein lässt.

Aber wenn ich heute als Bundespräsident zu Ihnen spreche, dann will ich ganz bewusst auch auf den gesellschaftlichen Wert aufmerksam machen, den das Musizieren für uns alle bedeutet. Ohne musikalische Bildung wäre unsere Gesellschaft nicht nur ärmer - sie wäre in vieler Hinsicht einfach schlecht dran. Wir brauchen musikalische Bildung, und wir brauchen Musikschulen nicht nur für die persönliche Entwicklung der einzelnen Schüler. Wir brauchen musikalische Bildung und Musikschulen auch, damit es unserer Gesellschaft und unserem Land gut geht. Deshalb braucht musikalische Bildung einen festen Platz in der Bildungspolitik - und darum sollten wir sie uns auch etwas kosten lassen. Das ist eine notwendige Investition in die Zukunft. Ich bin mir sicher: Sie wird sich auszahlen - auch wenn das in Geld dann nicht direkt messbar ist.

Ich habe vorhin von Integration gesprochen. Ein Beispiel für eine Integration ganz besonderer Art ist mir beim Vorbereiten dieses Besuchs bei Ihnen aufgefallen. Die Deutsche Streicherphilharmonie, also das Orchester, in dem die besten Jugendlichen aus allen Musikschulen unter hervorragenden Dirigenten spielen dürfen - das ist eine Idee und eine Einrichtung, die aus der DDR kommt. 1973 wurde dort das Auswahl-Streichorchester der Musikschulen gegründet, ein Beispiel für die besondere ostdeutsche Musikpflege. Nach der Vereinigung wurde es, mit Unterstützung der Bundesregierung, unter die Trägerschaft Ihres Verbandes gestellt.

Ich freue mich sehr über diese Kontinuität in der Pflege musikalischer Bildung und wollte das im zwanzigsten Jahr der Vereinigung heute besonders erwähnen.

Beim Durchblättern der Kongresszeitung ist mir vor allem zweierlei klargeworden: wie vielfältig das Angebot ist, das die Musikschulen machen - von der frühkindlichen Musikerziehung im "Musikgarten für Babys" über die Aktion JEKISS, "Jedem Kind seine Stimme", bis hin zur Musik für und mit alten und pflegebedürftigen Menschen; vom Erlernen der klassischen Instrumente über arabische Musik bis hin zur Ausbildung von Jazz- und Rockstimmen. Das ist ein Spiegel der reichen Musikkultur unseres Landes.

Und zweitens ist mir aufgefallen, dass hinter all den Angeboten äußerst engagierte Lehrerinnen und Lehrer stecken, die sich immer neu weiterbilden und mit immer neuen Ideen eine musikalische Bildung für die heutige Zeit vermitteln wollen. Ich sage Ihnen allen, liebe Musikschul-Lehrerinnen und -Lehrer dafür meinen ganz herzlichen Dank. Machen Sie weiter so. Please, don't stop the music!