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Kraft schöpfen für den Wandel - Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler bei der Eröffnung des 32. Deutschen Evangelischen Kirchentages

Bundespräsident Horst Köhler steht auf der Bühne im Freien, davor tausende von Menschen Bremen, 20. Mai 2009 Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

"Mensch, wo bist Du?", fragt der Kirchentag.

Und wir können fröhlich und selbstbewusst antworten: "Wir sind hier!" Wir sind alle nach Bremen gekommen, um einander zuzuhören. Um voneinander zu lernen. Um Orientierung zu finden. Um Kraft zu schöpfen im Glauben.

Dafür wollen wir dankbar sein. Auch meine Frau und ich sind gern gekommen. Wir haben uns auf den Kirchentag gefreut, wir fühlen uns hier zu Hause. Gemeinsam feiern wir ein Fest des Glaubens.

Wir brauchen die Kraft, die davon ausgeht. Wir leben in einer Zeit des tief reichenden Wandels, und es liegt an uns, was wir daraus machen, wie wir diesen Wandel gestalten. Krise, das ist immer auch die Versuchung, sich auf eigene Faust herauszuschlagen. Aber "Jeder für sich", das kann nicht unsere Antwort sein. "Jeder für sich", das hat uns im Grunde erst in die Klemme geführt, in der wir jetzt stecken.

"Mensch, wo bist Du?": Ich wünsche mir, wir verstehen das als Aufruf. Als Aufruf zum Zusammenstehen. Als Aufruf, aus unseren Fehlern zu lernen. Als Aufruf, Menschenwerk zum Guten zu verrichten. Als Aufruf, uns die großen Aufgaben zuzutrauen, die vor uns liegen.

Ja: Wir wollen Veränderung. Wir brauchen Veränderung. Wir wollen, dass mehr Gerechtigkeit in die Welt kommt. Wir wollen, dass jeder in Deutschland spürt: Er wird gebraucht. Wir wollen gemeinsam eintreten in den Kampf gegen Armut und Klimawandel. Wir wollen aufhören, auf Kosten anderer zu leben. Wir wollen einsehen, dass wir gemeinsam Verantwortung dafür tragen, was mit unserem Planeten passiert. Es geht um die Schöpfung. Danach wollen wir uns richten. Danach wollen wir handeln.

Es gibt viele, die damit schon lange angefangen haben. Immer wieder treffe ich in unserem Land Menschen, die Mut machen. Sie erzählen von ihren Ideen, von ihren Initiativen, von ihren Projekten und vom guten Miteinander. Sie kümmern sich umeinander. Sie sind füreinander da. Sie zeigen Gesicht und geben Stimme für das, was ihnen wichtig ist. Sie leben uns vor: Gemeinsam können wir es schaffen. Und sie zeigen uns: Jeder kann seinen Beitrag leisten, die Welt ein bisschen besser zu machen.

Deutschland hat Geburtstag. Unser Land wurde vor 60 Jahren wiedergeboren. Dass so vieles gelungen ist in den vergangenen Jahrzehnten - und es ist uns vieles gelungen -, das hat auch viel mit unseren christlichen Wurzeln zu tun, mit dem jüdisch-christlichen Erbe unseres Kontinents. Dass immer noch so vieles unvollkommen ist, das ruft uns Christen auf zur Tat. Wir werden niemals fertig sein mit unserer Arbeit. Aber das soll uns nicht aufhalten: "Auch wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen." Ich finde: Der das gesagt hat, der hatte Recht.

Wir denken auch dankbar an die friedliche Revolution in der DDR vor zwanzig Jahren. Es waren viele Christen unter denen, die die Mauer zu Fall gebracht haben. Sie wagten den Aufbruch bei den Montagsgebeten, und bald wurden daraus die Montagsdemonstrationen. Und am Ende das Geschenk der Einheit und der Freiheit.

Denken wir heute auch an die, die uns das geschenkt haben. Sie zeigen uns, was Menschen schaffen können. Wir wollen sie uns zum Vorbild machen.

Schöpfen wir aus unseren Begegnungen hier in Bremen Kraft und Mut. Wo Christen gemeinsam ihren Glauben leben, liebe Schwestern und Brüder, da sind wir stark. Es ist ein gutes Zeichen, dass gleich Bischof Franz-Josef Bode aus Osnabrück für die katholischen Christen ein Grußwort sprechen wird. Ich freue mich auch schon auf den Ökumenischen Kirchentag im kommenden Jahr in München. Auch hier in Bremen sind wieder Menschen unterschiedlicher Konfessionen und Religionen zusammen, um miteinander zu reden, um anzupacken und mitzumachen. Das alles macht Mut für den weiteren Weg.

Wir haben uns hier in Bremen und "umzu" versammelt als Menschen, die einstehen für das, woran sie glauben. "Mensch, wo bist du?", ist die Frage aus der Bibel. Und unsere Antwort lautet: "Wir sind hier". Das ist gut, das tut gut. Dafür danke ich Ihnen, und dazu wünsche ich uns allen Gottes Segen!

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