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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler bei der Festveranstaltung '125 Jahre Deutscher Sparkassen- und Giroverband200 Jahre Sparkassen'

Bundespräsident Horst Köhler am Rednerpult Berlin, 16. Juni 2009 Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

"Ein Anker in der Globalisierung"

Herzlichen Glückwunsch! Rund 200 Jahre Sparkassen und 125 Jahre Deutscher Sparkassen- und Giroverband - das ist eine Geschichte, auf die Sie alle, die Sie in der Organisation Verantwortung und Arbeit tragen, stolz sein dürfen. Es ist die Geschichte einer großen Idee. Sie lautet: Jeder und jede soll die Chance bekommen, sich etwas aufzubauen. Diese Idee hat ungezählte Menschen und unser Land als ganzes vorangebracht.

Die erste "Ersparungsclasse" haben Bürger von Hamburg gegründet, am Ende des 18. Jahrhunderts, damit eben auch arme Leute - an einem verlässlichen Ort - Ersparnisse bilden und ihr Fleiß und ihre Sparsamkeit Zinsen tragen konnten. Das half ihnen, für Krankheit und Alter vorzusorgen, und es war zugleich Ausdruck des Vertrauens in die Leistungskraft und in die wirtschaftliche Vernunft der so genannten "einfachen Stände".

Breiten Bevölkerungsschichten beim Aufbau einer finanziellen Vorsorge zu helfen und sie so zu ermutigen, sich Ziele zu setzen, das eigene Leben zu planen, an morgen und übermorgen zu denken - all das verstand man schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts auch als eine öffentliche Aufgabe. So entstanden die Sparkassen in kommunaler Trägerschaft. Noch heute haben die Sparkassen den wichtigen öffentlichen Auftrag, das Sparen zu fördern als Grundvoraussetzung für Investitionen, für Wohlstand und Innovation. Sie tragen das ja sogar als Auftrag in ihrem Namen. Noch heute gehört es zum Selbstverständnis der Sparkassen, dass sie für jeden da sind. Jeder soll ein Konto haben - diesen Grundsatz haben die Sparkassen vorangetrieben, bevor sich alle deutschen Banken dazu verpflichtet haben. Kurz, die Sparkassen stehen für eine unschätzbare Tradition: Sie stehen für Werte. Werte, die heute so aktuell sind wie vor 200 Jahren.

Für diese Werte muss man aber jeden Tag arbeiten - und wie uns die Situation heute wieder zeigt, notfalls auch kämpfen. Diese Überzeugung hat mich übrigens 1993 selbst zum "Sparkässler" gemacht, wie es im Süddeutschen heißt. Natürlich haben mich damals viele gefragt, warum ich als Staatssekretär im Bundesfinanzministerium ausgerechnet zum DSGV wechselte. Die Antwort ist einfach: weil ich von der Sparkassenidee überzeugt war. Und das bin ich bis heute. Warum? Weil es dafür bleibend gute Gründe gibt:

Erstens: Den Sparsinn und die Vermögensbildung breiter Bevölkerungskreise zu fördern, das ist in dieser Krise, die in der nächsten Phase - wenn wir nicht aufpassen - auch noch eine Schuldenkrise werden kann, zugleich eine ganz besondere Zukunftsaufgabe. Sparen ermöglicht eben Stabilität und Nachhaltigkeit. Die Sparkassen leisten hier einen ganz wesentlichen Beitrag. Und was die Kinder zum Beispiel am Weltspartag lernen, begleitet sie hoffentlich ein Leben lang. Auch das ist Bildung, Zukunftsbildung.

Zweitens: Sparkassen sind ihrer Idee nach auch ein Anker in der Globalisierung. Ich bin damals auch zur Sparkassenorganisation gegangen, weil mir klar geworden war als Staatssekretär, der in der ganzen Welt herumreisen musste, dass die Globalisierung ein Gegenlager braucht, dass sie Verankerung braucht. In der Region, in der Heimat. Und Sparkassen sind ihrer Idee nach eben ein ganz wichtiger Anker in der Globalisierung. Denn sie sind überall nah am Bürger, sei er nun Privatkunde oder Mittelständler. Sparkassen unterstützen dezentrale Problemlösungskompetenz. Das Regionalprinzip der Sparkassenorganisation ist eben nicht überholt. In der Zukunft wird es eher mehr darauf ankommen, wieder gerade die kleinen Lebenskreise - Familien, Kommunen, Bürgerinitiativen - zu stärken. Und da können die Sparkassen kräftig helfen.

Drittens: Leider haben manche Akteure in der internationalen Finanzwelt vergessen, dass Freiheit sich in Verantwortung binden muss, wenn sich ihre volle Kraft im Guten entfalten soll. Schrankenlose Freiheit ist auch zerstörerisch. Und die Konsequenzen dieses Vergessens müssen jetzt alle ausbaden. Das Geschäftsmodell für Sparkassen verlangt Ergebnisorientierung. Aber eben ohne den Blick für das gesellschaftliche Umfeld zu verlieren.

Deshalb will ich noch einmal ausdrücklich feststellen: Die Sparkassenidee ist modern. Und die Sparkassen haben sich - zusammen mit den Volks- und Raiffeisenbanken - in der aktuellen Krise ja insgesamt auch als stabilisierender Faktor erwiesen, wie der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung einmal mehr festgestellt hat. Auch deshalb hält sich die Kreditklemme für den Mittelstand in Deutschland noch in Grenzen.

Meine Damen und Herren, Sie alle wissen besser als ich: Die Nähe zu ihren Kunden ist das Erfolgsgeheimnis der Sparkassen: Die Mitarbeiter der Sparkassen kennen die Leute und Projekte vor Ort. Sie wissen, wer gut ist und fleißig und zuverlässig, und wem man etwas zutrauen kann. Ihre Risikoabwägung ist deshalb zumeist gut ausbalanciert. Manch einer, der anderswo routiniert - häufig aufgrund eines schematischen Prüfungsverfahrens - abgewiesen wird, bekommt hier bei den Sparkassen Kredit, weil die Mitarbeiter in den Sparkassen wissen: Der hat Potenzial und nicht nur Rosinen im Kopf. Das ist Wissen vor Ort. Und umgekehrt kennen die Kunden ihre Berater, und die Berater wissen: Dem Kunden, dem ich heute etwas verkaufe, muss ich auch morgen auf dem Wochenmarkt, am Samstag auf dem Sportplatz oder am Sonntag beim Kirchgang in die Augen schauen können. So etwas schafft Vertrauen. Und das alles hat die Sparkassen dann eben auch zu den Partnern unserer berühmten "hidden champions", also unserer mittelständischen Weltmarktführer, gemacht.

Sparkassen sind aber auch für unsere Gesellschaft ein stabilisierender Faktor. Sie tragen mit ihrem Einsatz für Kultur und Sport in den Regionen und mit ihrem sozialen Engagement auch zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei. Das ist Teil ihres Selbstverständnisses. Es ist der Ausdruck des Wissens, dass wirtschaftlicher Gewinn - zumal wenn er nur kurzfristig definiert wird - nicht alles ist und dass die Wirtschaft langfristig dort am besten gedeiht, wo sie einen Beitrag für ein intaktes soziales Umfeld leistet. Wirtschaft findet nun einmal nicht im luftleeren Raum statt. Sie ist Teil der Gesellschaft.

Wer gesellschaftlichen Zusammenhalt fördert, fördert auch Lebensqualität für Menschen und stützt unsere freiheitliche Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Ich bin überzeugt: Die Zukunftsfähigkeit der westlichen Demokratien wird sich wesentlich an der Frage entscheiden, ob sie und wie sie in der Lage sind, Individualismus und Gemeinschaftsbindung immer wieder in die richtige Balance zu bringen. Und jetzt geht es einmal mehr darum, die Gemeinschaftsbindung wieder in Erinnerung zu holen.

Deutschland hat mit seinem auf Subsidiarität gegründeten Wirtschafts- und Gesellschaftssystem auch eine gute Ausgangslage, den notwendigen Brückenschlag zwischen Weltoffenheit und Heimatverbundenheit erfolgreich zu schaffen. Unser föderaler Staatsaufbau, die kommunale Selbstverwaltung und die mittelständisch geprägte Wirtschaft mit ihrem starken regionalen Bezug schaffen eben Überschaubarkeit, schaffen Identität, und sie bieten damit ganz konkrete Ansatzpunkte für jeden zum Mitmachen und Mitgestalten. Das brauchen wir.

In diesen Strukturen können sich die Kraft und die Fähigkeit der Sozialen Marktwirtschaft zur Problemlösung auf ungezählten Wegen entfalten. Und Sparkassen spielen eine sehr produktive Rolle in diesem Prozess. Das ist empirisch nachgewiesen. Anlass für Selbstgerechtigkeit im Sparkassenlager bietet all das aber nicht. Dagegen spricht nicht nur die schwierige Lage der Landesbanken.

Mein Eindruck ist: Der Zeitgeist hat auch vor den Sparkassen nicht halt gemacht. Auch manche Sparkassenvorstände haben Bodenhaftung verloren, auch zwischen Sparkassen und Politik hat es zu viele Interessenverflechtungen gegeben, und auch im Alltagsgeschäft von Sparkassen ging es zunehmend um Vertrieb statt um vernünftige Kundenbetreuung und Kundenbindung. Die Lage der Landesbanken ist also nicht das einzige Problem, das den Sparkassen Kopfzerbrechen bereiten muss.

Die Wahrheit ist darüber hinaus: Was wir jetzt erleben, ist eine Krise des gesamten Bankenwesens, aber auch der Bankenpolitik und der Bankenaufsicht. Darum helfen nun weder Besitzstandsdenken noch Schadenfreude. Ich finde das gut, Herr Haasis, dass Sie deutlich gemacht haben: Hier ist keine Häme im Spiel. Also weder Besitzstandsdenken noch Schadenfreude noch die Parole "Rette sich, wer kann!" ist jetzt das Richtige. Stattdessen ist überall auch Selbstprüfung angesagt. Bei der Aufsicht über die Institute und die Märkte muss jetzt entschlossen und gründlich angepackt werden. Dazu gehört zwingend auch die Neuordnung der Landesbanken. Es ist die letzte Chance dafür.

Das heißt also: Die Sparkassen sollten sich rigoros auf ihre eigentlichen Stärken und Tugenden zurückbesinnen. Konzentrieren Sie sich vor allem auf Ihre Kunden und deren vernünftige Interessen. Suchen Sie das Gespräch mit denen, die sich in der Vergangenheit schlecht beraten fühlten, die gibt es nämlich auch unter den Sparkassenkunden. Haben Sie die Größe, Fehler zuzugeben, wo es sie gegeben hat. Und lernen Sie aus diesen Fehlern bitte. Damit schaffen Sie wieder Vertrauen, denn das Vertrauen, das ist doch gerade Ihr Pfund, mit dem Sie wuchern können.

Und schließlich: Helfen Sie nun nach Kräften den Unternehmen, die gegenwärtige Durststrecke gut zu bestehen. Münzen Sie Ihre Kundennähe aus in eine vernünftige Risikoprognose und handeln Sie danach. Ich erwarte übrigens, dass dabei auch die Aufsicht mitzieht. Bestrafen Sie nicht für Ihre eigenen riskanten Geschäfte von gestern ausgerechnet diejenigen, die heute Ihr Vertrauen verdient haben. Ich bin zuversichtlich: Auf dieser Linie arbeiten Sie.

Meine Damen und Herren, ich will Sie hier eigentlich gar nicht belehren oder wie ein Prediger reden. Sie merken an meinen Äußerungen, dass ich mich tatsächlich immer noch mit den Sparkassen sehr verbunden fühle, weil ich wirklich tief in meinem Inneren weiß, es ist gut, was Sie repräsentieren, und es ist gut, was Sie auch noch für die Zukunft unseres Landes an Aufgaben zu erledigen haben. Besinnen Sie sich auf Ihre Ideale und vertreten Sie sie offensiv - nach innen und nach außen. Sorgen Sie dafür, dass die Grundsätze, die die Sparkassen im Lauf ihrer Geschichte stark gemacht haben, auch heute wieder in den Vordergrund treten.

Wir haben in Deutschland mit der Sozialen Marktwirtschaft eine Wirtschaftsordnung, auf die wir stolz sein können und die wir auch durchaus als Exportprodukt anbieten können. Ohne Überheblichkeit, aber mit dem Selbstbewusstsein der erwiesenen Leistungen. Überall auf der Welt wird jetzt ernsthaft über neue vernünftige Regeln für die Weltwirtschaft und die internationalen Finanzmärkte diskutiert. Es ist wichtig, dass die 20 großen Wirtschaftsnationen, die G 20, hier bei ihrem Treffen im September zu guten Ergebnissen kommen. Und gute Ergebnisse sind für mich nicht viel Text, nicht viel Papier. Es wird schon viel zu viel Papier produziert. Gute Ergebnisse sind jetzt gute Politik. Vor allem zwei Maßstäbe können und müssen meines Erachtens für gute Ergebnisse einer neuen Bank- und Finanzaufsicht Orientierung geben. Erstens müssen die Beschlüsse der G 20 auf die zentralen Ursachen der Krise zielen, und die lauten: Überkomplexität der Finanzprodukte und Zersplitterung der Aufsicht. Die Produkte versteht niemand, auch nicht die Finanzaufsicht. Und die Aufsichtsbehörden sind zersplittert. Übrigens: Es gibt fast keine größere zersplitterte Aufsicht als die in den Vereinigten Staaten von Amerika. Darum halte ich für die großen, grenzüberschreitend tätigen Institutionen in der Europäischen Union eine zentrale Finanzaufsicht und eine eigenständige staatliche Rating-Agentur für Ecksteine einer nachhaltigen Lösung. Ich hoffe, darum kämpft man. Und zweitens sollten die G 20 darauf hinwirken, dass die Finanzbranche auch ihrerseits nachhaltige Lehren aus der Krise zieht. Die Marktwirtschaft lebt, wie ein freiheitlicher Staat, von Tugenden und Verantwortungsbereitschaft, die sie nicht selber garantieren kann. Die Finanzbranche braucht also eine Kultur, die Freiheit immer auch mit Verantwortung für die Gemeinschaft verbindet. Wenn diese beiden Maßstäbe, Überkomplexität reduzieren und die Zersplitterung der Aufsicht beenden, beachtet werden und wenn es eine neue Kultur in der Finanzbranche gibt, Freiheit mit Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft zu verbinden, dann muss sich einerseits niemand vor Überregulierung fürchten (wobei manche mit der Warnung vor Überregulierung bloß neue, wirksame Regeln verwässern wollen). Und dann kann andererseits niemand klammheimlich darauf hoffen, die heutige Neuordnung der Finanzmärkte verlaufe am Ende doch im Sande und dann gehe alles weiter wie bisher. Das wäre der Eintritt zu einer noch größeren Krise in einigen Jahren. Der Markt braucht einfache, wirksame und robuste Regeln, deren Einhaltung dann auch klar und zuverlässig beaufsichtigt und durchgesetzt werden kann. Dafür müssen die Staaten sorgen, innerstaatlich und weltweit. Nur dann - das ist meine Einschätzung - sichern sie Freiheit, fairen Wettbewerb und nicht zuletzt auch den notwendigen Verbraucherschutz. Es geht in der Sozialen Marktwirtschaft darum, die Kräfte jedes Einzelnen zur Entfaltung zu bringen, nützliche Arbeit anzuerkennen und damit die Gesellschaft insgesamt leistungsstark zu machen. Denn nur eine wirtschaftlich starke Gesellschaft ist auch in der Lage, soziale Sicherheit verlässlich zu gewähren.

Das liegt, wie Sie wissen, ja auch der Sparkassenidee zugrunde: Jeder und jede soll die Chance bekommen, sich etwas aufzubauen. Jeder soll ermutigt sein Schicksal selbst in die Hand nehmen. Es geht darum, zusammen wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Es geht um Gewinn und Gemeinschaft. Es geht um nachhaltigen Wohlstand, das ist die neue Zukunft. Nachhaltigen Wohlstand für alle.

Der Schriftsteller Burkhard Spinnen hat neulich in der Wochenzeitung DIE ZEIT berichtet: Sparkassen-Kunde zu sein, das sei für ihn eine der Selbstverständlichkeiten seines Lebens. Zur Geburt schon habe er ein Sparbuch mit fünf Mark bekommen und dann als Kind Jahr für Jahr am Weltspartag seine Spardose zur Sparkassenfiliale getragen und den Inhalt stolz eingezahlt. In den vergangenen Jahren habe er sich mitunter "geschämt", sagt er, in Zeiten der Globalisierung sein Geld immer noch zur Sparkasse zu bringen, aber einen Wechsel habe er einfach nicht geschafft. Er habe sich gar nicht wirklich für die Sparkasse entschieden, sie sei ihm einfach angeboren.
Ich bin sicher: Ganz vielen Menschen in unserem Land geht es so. Meine Damen und Herren, für ein solches Maß an Kundenbindung und Vertrauen würden andere sehr viel geben. Sie können daraus zum Nutzen für uns alle viel Gutes machen: Gerade jetzt! Ich wiederhole den alten Satz: Sparkassen sind gut für Deutschland.

Ich danke Ihnen.