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Laudatio von Bundespräsident Horst Köhler auf Bundespräsident a. D. Walter Scheel anlässlich seines 90. Geburtstages

Der Bundespräsident und Walter Scheel stehen nebeneinander Berlin, 15. Juli 2009 Foto: Thomas Köhler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Thomas Köhler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

"Immer wieder seiner Zeit voraus"

Lieber Walter Scheel, es ist eine besondere Freude, heute in dieser Runde Ihren 90. Geburtstag zu feiern. Das hat zwei Gründe: Erstens ist es ein stattlicher Geburtstag, den Sie vergangene Woche feierten - wir alle gratulieren von Herzen. Und zweitens: Sie sind wohlauf nach schwieriger Zeit, und es gibt Grund zu Dankbarkeit.

"Mr. Bundesrepublik" - so hat Arnulf Baring Sie genannt, und er gesteht Ihnen zu, gemeinsam mit Willy Brandt eine Ära geprägt zu haben.

Das war Ihnen nicht in die Wiege gelegt.

Geboren wurden Sie in den sprichwörtlichen "einfachen Verhältnissen" einer Handwerkerfamilie. Daraus lassen sich wohl einige Ihrer hervorstechenden Eigenschaften erklären. Ihre Eigenständigkeit und Ihr Leistungswille beispielsweise; Sie waren dankbar dafür, dass Sie auf die weiterführende Schulen gehen durften und Abitur machen konnten. Und Sie haben die Gabe, auf Menschen zugehen zu können.

Dann war da Ihr Onkel Richard als prägende Figur Ihrer jungen Jahre; Onkel Richard aus Daaden, der Ortsvorsteher war und früh Ihr Interesse für Politik weckte.
In allen Ihren späteren Ämtern war der Maßstab Ihres Denkens und Handelns immer der einzelne Mensch mit seinem Streben nach Freiheit und Glück - aber auch mit seiner Begrenztheit und Fehlbarkeit. Ideologien blieben Ihnen fremd. Noch heute lohnt die Lektüre der von Ihnen mitverfassten "Freiburger Thesen". Was hier zur Balance von Freiheit und Gleichheit gedacht wurde, hat Bestand.

Lieber Herr Scheel, Sie haben alle Stufen der parlamentarischen Arbeit durchlaufen, vom Stadtverordneten bis zum Europaabgeordneten. Im Europaparlament waren Sie Vorsitzender des Ausschusses für die Zusammenarbeit mit den Entwicklungsländern. Da war es wohl auch kein Zufall, dass Sie am 14. November 1961 zum ersten Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit ernannt wurden.

So betraten Sie Neuland. Sie hatten erkannt, dass es auch in unserem wohlverstandenen Eigeninteresse liegt, den Entwicklungsländern zu helfen, und warben früher als andere für das Bewusstsein, dass wir alle in Einer Welt leben.

"Entwicklungspolitik ist eine Art Sozialpolitik im weltweiten Ausmaß. Es geht darum, die Kluft zwischen reichen und armen Völkern zu beseitigen. Wenn uns das nicht gelingt, dann werden wir eines Tages möglicherweise eine Katastrophe erleben, dann wird es, wie Salvador de Madariaga einmal gesagt hat, zu einem sozialen Welt-Bürgerkrieg kommen müssen. [...] Wir treiben also Entwicklungspolitik nicht allein um der Menschen Willen, die in Not und Elend leben, sondern auch, um für uns und unsere Kinder Sicherheit zu schaffen."

Diese Definition von Entwicklungspolitik ist 46 Jahre alt - sie stammt von Walter Scheel und ist heute noch so aktuell wie damals.

Schnell herrschte auch im BMZ der für Walter Scheel typische Gründergeist. Sie initiierten den Deutschen Entwicklungsdienst nach dem Vorbild des amerikanischen Peace-Corps. Die Idee dahinter ist noch immer aktuell. Ich halte es für ein Versäumnis, dass wir es bis heute nicht geschafft haben, allen interessierten jungen Menschen die Möglichkeit zu geben zu einem Freiwilligenjahr für die Gemeinschaft, sei es bei uns oder im Ausland.

Neuland betraten Sie auch für Ihre Partei: Sie waren maßgeblich daran beteiligt, der FDP neue Koalitionsmöglichkeiten zu erschließen. Was Mitte der Fünfziger Jahre in Nordrhein-Westfalen auf Landesebene begann, mündete Ende der Sechziger in die erste sozialliberale Koalition auf Bundesebene - mit Walter Scheel als Vizekanzler und Außenminister.

Die Neue Ostpolitik war auch Ihnen ein persönliches Anliegen. Als Außenminister haben Sie damals viele Türen geöffnet. Sie waren ein brillanter Verhandler. Dabei haben Sie das deutsche Interesse immer fest im Blick behalten. Davon kündet beispielhaft der Brief zur Deutschen Einheit, den Sie 1970 im Zusammenhang mit dem Moskauer Vertrag an den sowjetischen Außenminister Andrej Gromyko gesandt haben. Dort heißt es: "Die Bundesregierung stellt fest, dass der zu unterzeichnende Vertrag nicht im Widerspruch steht zur politischen Absicht der Bundesrepublik Deutschland, auf einen Zustand des Friedens in Europa hinzuwirken, in dem das deutsche Volk in freier Selbstbestimmung seine Einheit wiedererlangt." Auch diesem Brief verdanken wir, dass wir seit fast 20 Jahren in Einigkeit und Recht und Freiheit leben.

Ich freue mich sehr, dass heute mit Egon Bahr ein weiterer Architekt und Vordenker der Neuen Ostpolitik unter uns ist.

In der Tat: Zusammen mit Willy Brandt und Egon Bahr gestalteten Sie, lieber Herr Scheel, "eine Entwicklungsperiode in unserem Land, die Denken und Handeln veränderte" (Walter Scheel in einem sehr persönlichen Brief an Willy Brandt).

Wohl kein Vizekanzler und kein Bundeskanzler haben je in einem so engen, vertrauensvollen, ja freundschaftlichen Verhältnis zueinander gestanden wie Walter Scheel und Willy Brandt.

Mehr als sonst üblich haben sich diese beiden Koalitionäre aufeinander verlassen - und konnten das auch.

Wir lernen daraus: Vertrauen ist unabdingbar, wenn Führungspersönlichkeiten notwendige Veränderungen in einer Gesellschaft bewirken wollen.

Und wehe, das gemeinsame Werk geriet in Gefahr - in solchen Momenten erwachte in Walter Scheel der glänzende Rhetoriker und leidenschaftliche Parlamentarier, für den Politik niemals "schäbiges Spiel" oder mit dem "Makel des Wortbruchs" behaftet sein durfte.

Doch bei aller Schärfe der politischen Kontroverse - für Sie, lieber Walter Scheel, hat es immer dazugehört, Brücken auch über Parteigrenzen hinweg zu bauen. Thomas Dehler hat einmal gesagt, Sie verfügten über die "Gabe, die Wahrheit so zu sagen, dass sie nicht verletzt, aber dennoch gesagt wird." Ehrlichkeit, die gehört eben auch dazu.

Bei aller ungebrochenen Verbundenheit mit Ihrer FDP - wo Ihr kluger Rat, Ihr reicher Erfahrungsschatz bis heute gefragt sind -, genießen Sie in allen politischen Lagern und bei den Menschen großes Vertrauen. "Miteinander, nicht gegeneinander" - so lauteten Titel und Kernaussage Ihrer Antrittsrede als Bundespräsident.

Und auch dieses höchste Staatsamt hat Walter Scheel geprägt: mit Weltläufigkeit, mit liebenswürdiger Gelassenheit, mit Menschenkenntnis, Optimismus und Humor - und mit Pflichtbewusstsein und Nachdenklichkeit. In den schweren Wochen des deutschen Herbstes gab er den Deutschen Mut und Orientierung. Er verteidigte die freiheitliche Grundordnung gegen ihre Verächter und machte zugleich deutlich, dass auch diese Feinde der Verfassung nicht rechtlos gestellt werden dürfen.

Den "maßvollen, rücksichtvollen Geist der Freiheit - zuversichtlich strahlt dieser Bundespräsident ihn aus" - so charakterisierte Dolf Sternberger Walter Scheel.
Wir verdanken seiner Präsidentschaft viele bis heute wirksame Impulse. Immer wieder war er seiner Zeit voraus. Sozialer Ausgleich, Mitbestimmung, die Bedeutung des geeinten Europas für den Erhalt von Frieden und Demokratie, Umwelt - das waren Fragen, die ihn auch im höchsten Staatsamt bewegten.

Hinzu kommt seine lebhafte Anteilnahme an Kunst und Kultur. Es ist schon die große Bandbreite an Themen, die beeindruckt. Mich selber hat er mit charmanter Beharrlichkeit davon überzeugt, seine Nachfolge als Ehrenpräsident des Deutschen Künstlerbundes anzutreten - eine Aufgabe, die Walter Scheel fast drei Jahrzehnte lang wahrgenommen hat.

Neben der Kunst gibt es ein Anliegen, das Walter Scheel auch nach dem Ausscheiden aus allen Ämtern stets bewegt hat - und in dem ich mich besonders verbunden fühle mit ihm: die Stärkung der Bürgergesellschaft, ohne die ein freiheitliches Gemeinwesen nicht existieren kann.

Lieber Walter Scheel, Sie sind sich immer treu geblieben. In Ihrer Zeit als Außenminister gab Ihnen ein Public-Relations-Berater - so nannte man das schon damals - die Empfehlung, dass Sie weniger lächeln sollten, weil die Leute Sie sonst nicht ernst nähmen. Sie haben diesen Rat (mit Recht) ignoriert. Als zweites riet Ihnen der Mann aber, Sie sollten ansonsten bitte so bleiben, wie Sie sind.

Das ist ein Wunsch, dem wir uns alle nur anschließen können. Wir wünschen Ihnen von Herzen alles Gute - vor allem, dass Sie wieder vollständig zu Kräften kommen.

Noch müssen Sie sich aber ein wenig schonen. Darum wird auf Ihren Wunsch auch gleich Ihre liebe Frau in Ihrem Namen sprechen. Wir freuen uns darauf.

Walter Scheel, danke für alles. Sie haben sich um Deutschland verdient gemacht. Trinken wir auf Sie, auf weitere Jahre und alles Gute!