Navigation und Service

Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler anlässlich der Festveranstaltung "1989Ungarn öffnet die Grenze"

Bundespräsident Horst Köhler am Rednerpult, im Hintergrund das Zigeunerorchester Berlin, 9. September 2009 Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

"Die Vielfalt der Kulturen eint uns"

Meine Frau und ich freuen uns sehr, dass Sie heute nach Berlin gekommen sind, um mit uns den 20. Jahrestag der Öffnung der ungarischen Grenze zu feiern.
Am 27. Juni habe ich im ungarischen Parlament in Budapest an der Feier zur Erinnerung an den Abbau des Eisernen Vorhangs zwischen Österreich und Ungarn teilgenommen. Zahlreiche europäische Staats- und Regierungschefs und Beteiligte der Ereignisse von 1989 waren Ihrer Einladung, Herr Präsident, gefolgt. Wir haben uns in einer bewegenden Stunde daran erinnert, dass damals die erste Bresche in die Mauer geschlagen wurde, die Europa für viele Jahrzehnte zwischen Freiheit und Unterdrückung geteilt hatte.

Nach meinem Eindruck empfanden wir alle dort zweierlei: Dankbarkeit und Verpflichtung. Dankbarkeit für das Geschenk der Freiheit und die Verpflichtung, Europa zu einigen und dafür zu arbeiten, dass die Freiheit allen Menschen zugute kommt.

Heute erinnern wir uns hier in Berlin an einen weiteren Meilenstein auf diesem Weg hin zur Freiheit Europas, die offizielle Öffnung der Grenzen Ungarns im September 1989.

Rufen wir uns die Bilder aus jener Zeit ins Gedächtnis zurück: glückliche Menschen, froh, erleichtert und auch fast ein wenig ungläubig, dass die schier endlosen Tage und Monate des Wartens ein Ende hatten und sie endlich ausreisen konnten. Und Menschen, die am Straßenrand standen und sich mit ihnen freuten.

Ungarn hatte den Stein endgültig ins Rollen gebracht. Das hat unseren ostdeutschen Landsleuten die Freiheit gebracht. Das hat Europa und die Welt verändert.
Herr Präsident, es ist schön, dass Sie uns Deutschen heute die Gelegenheit geben, gerade auch hier in Berlin, in der Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschland, Danke zu sagen. Ich freue mich, dass ich dies auch in Anwesenheit des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin tun kann.

Danke, Herr Präsident Sólyom, Ihnen und Ihren Landsleuten.

Herr Präsident, Sie haben, wie ich dem Programm entnehme, das "100-köpfige Zigeunerorchester" ausgewählt, um mit uns zu feiern. Sie bringen uns ein Stück Ihrer Heimat mit und lassen uns teilhaben an ungarischer Kultur und Lebensfreude.

Das ist Europa: die Vielfalt der Kulturen, die uns nicht trennt, sondern eint. Aus ihr können die Europäer Kraft schöpfen, um das große Werk der europäischen Einigung zu vollenden.

Ungarn baut seit jenen historischen Tagen vom Sommer 1989 mit am gemeinsamen europäischen Haus. Zusammen haben wir schon unendlich viel erreicht. Manches ist uns selbstverständlich geworden, zu selbstverständlich? Schätzen wir das Erreichte genug?

Wir müssen dem europäischen Projekt wieder neuen Schwung geben. Dabei sollte gelten, dass nur die Angelegenheiten, die sich auf europäischer Ebene besser regeln lassen, gemeinschaftlich gelöst werden. Wir wissen alle: Das "Europa der Bürger" verlangt vor allem mehr Bürgernähe.

Europa hat Lehren aus Jahrhunderten der Irrungen und Wirrungen gezogen. Wir können heute mit Selbstvertrauen auf das Erreichte blicken. Wir können mit Selbstbewusstsein weltweit für unser europäisches Modell werben, das Zusammenarbeit und Versöhnung nach Kriegen geschafft hat und das die Freiheit des Marktes mit individueller Verantwortung und sozialem Ausgleich verbindet.

Jetzt geht es für uns Europäer darum, dieses Modell auch unter den geänderten Bedingungen des 21. Jahrhunderts zu festigen und attraktiv zu erhalten. Europa hat alle Voraussetzungen dafür, ein Zentrum der Innovation, der Investition und der wirtschaftlichen Dynamik zu sein. Lassen Sie uns, Ungarn und Deutsche, gemeinsam daran arbeiten, dies zu verwirklichen.

Wir stehen vor großen Aufgaben: die Folgen des Klimawandels, Unterentwicklung und Armut werden wir nur wirksam bekämpfen können, wenn wir uns einig sind und unsere Kräfte bündeln.

Es liegt an uns, dass unsere Welt gerechter und friedvoller wird, dass Sicherheit und Wohlstand für alle erreichbar werden.

Deutsche und Ungarn, wir alle in Europa sind aufgerufen, uns dafür anzustrengen: Eine bessere Welt ist möglich. Erinnern wir uns an den 10. September 1989.