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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler bei der Abschlusskundgebung der Zukunftswerkstatt der Evangelischen Kirche in Deutschland

Bundespräsident Horst Köhler am Rednerpult Kassel, 26. September 2009 Foto: Steffen Kugler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Steffen Kugler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

"Ermutigung zur Reformation"

Wir sind gemeinsam zu Fuß hier in Kassel unterwegs.

Heute findet Kirche auf der Straße statt. Das zeigt: Sie ist Teil des Lebens. Sie gehört mit ihren Themen auf die Straßen und Plätze, und sie hat den Menschen etwas zu sagen. Ich komme deshalb gerne mit Ihnen mit. Der Stationenweg zeigt: Die Kirche ist im Aufbruch. Das ist gut. Leben heißt Bewegung, Leben heißt Veränderung.

Wenn wir gemeinsam auf das Reformationsjubiläum 2017 zugehen, dann ist das Erinnerung und Ermutigung: Erinnerung daran, aus welchem Impuls und aus welchem Ursprung die Kirchen der Reformation leben - und Ermutigung dazu, sich immer wieder selber zu prüfen, sich immer wieder zu reformieren, wo es notwendig ist.

Viele gehen diesen Weg mit. Ich freue mich auf die Feier der evangelischen Kirche im Jahr 2017 - und hoffe zugleich auch auf einen neuen Schub für die Ökumene.

Unsere Fragen müssen die Fragen der Menschen sein: Dann sind die Kirchen auch für die attraktiv, die ihnen fernstehen oder die noch auf der Suche sind.

Ich bin dankbar, dass die evangelische Kirche wie auch die katholische Kirche die Zukunftsthemen nicht scheuen. Es ist gut und unverzichtbar, dass die Kirchen aus ihrer Glaubensgewissheit heraus Fragen stellen und auch nach Antworten suchen: zur Wirtschaftskrise, zur Arbeitslosigkeit, zum Klimawandel, zum Lebensschutz und zum Frieden in sozialer Gerechtigkeit. Gerade auch als Bundespräsident sage ich: Unsere Gesellschaft ist angewiesen auf das besondere Profil christlicher Weltdeutung, auf die vom Glauben geprägte Sicht auf die Welt und den Menschen.

Im vielstimmigen Chor der Gegenwart haben die Kirchen eine besondere Chance, gehört zu werden, wenn sie eine überzeugende, von Hoffnung geprägte Botschaft in die heutige Zeit übersetzen. Die Botschaft "Nächstenliebe" ist aktueller denn je. Das Streben nach immer mehr materiellem Gewinn ist gerade an Grenzen gestoßen.

Ich finde es richtig und wichtig, dass Sie sich Gedanken über gute Gottesdienste und eine gute innere Ordnung machen. Zugleich bin ich mir sicher: Die Kirche der Zukunft, die Kirche der Freiheit, wird nie das Eigentliche aus dem Blick verlieren: den Menschen und sein Heil, die Verantwortung für die Schöpfung und besonders die Sorge um die, die sich nicht selber helfen können.

Deshalb danke ich heute auch all den Seelsorgerinnen und Seelsorgern, die diesem Auftrag der Kirche Stimme und Gesicht geben - mit hohem persönlichem Einsatz.
Die zentrale Botschaft der Kirche ist die Unterscheidung von letzten und vorletzten Fragen. Die Fragen nach dem Woher und Wohin unseres Menschseins, die Fragen nach dem Sinn unseres Lebens, die Fragen nach dem Grund unserer Hoffnung: das sind solche letzten Fragen. Sie müssen immer wieder gestellt werden, um Antworten darauf müssen wir immer wieder ringen.

Und schließlich gehört zum Eigentlichen der Kirchen die Botschaft, dass wir in unseren Ängsten und Nöten nicht allein, dass wir in Gottes Händen sind. Das ist ein Anker, der uns Sicherheit gibt - und der uns frei macht. Frei auch dafür, nicht bloß für uns selber zu leben.

Viele Gemeinden suchen neue Wege, diese Botschaft lebendig zu halten, viele einzelne und viele Gruppen haben längst neue Ideen in die Tat umgesetzt.

Ein Beispiel: Im vorigen Jahr war ich in Müncheberg in Brandenburg. Die dortige Stadtkirche als Mittelpunkt des Dorfes gäbe es nicht mehr, wenn sich nicht Menschen dieser Ruine angenommen hätten, wenn sie nicht Wege gefunden hätten, diese Kirche gleichzeitig sakral und weltlich zu nutzen. Ich habe erfahren: Die Kirche öffnet sich der Gesellschaft - und kommt dadurch selber zu neuer Lebendigkeit.

Wir sind immer wieder herausgefordert, auf die Frage zu antworten, die uns der Evangelische Kirchentag in Bremen dieses Jahr gestellt hat: "Mensch, wo bist du?". Natürlich muss zuerst und zuletzt jeder persönlich seinen Standort bestimmen - und sein Ziel. Aber dabei hilft es sicher, wenn wir gemeinsam suchen, wenn wir uns gegenseitig befragen - und uns gegenseitig bei unserem Suchen unterstützen.

So können wir zuversichtlich gemeinsam einen neuen Aufbruch wagen. Sie haben schon damit begonnen. Haben Sie Zuversicht, gehen Sie weiter - und nehmen Sie andere mit. Ich danke Ihnen allen für Ihren Einsatz, für Ihr gutes Beispiel und für Ihren Mut zur Veränderung. Ihnen und uns allen wünsche ich dazu Gottes Segen.