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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler anlässlich der Informationsreise des Diplomatischen Korps

Bundespräsident Horst Köhler am Rednerpult Essen, 30. September 2009 Foto: Steffen Kugler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Steffen Kugler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

"Das Ruhrgebiet erfindet sich neu"

Schön, dass Sie heute meine Gäste sind hier im Colosseum in Essen, der künftigen Europäischen Kulturhauptstadt 2010. Ich freue mich, dass die Stadt diesen stolzen Titel in drei Monaten stellvertretend für die über 50 Städte des Ruhrgebiets - neben Pécs und Istanbul - führen wird. Und, lieber Herr Dr. Pleitgen, ich finde, es trifft die richtigen, denn das Ruhrgebiet, einst Europas größte Industrieregion, steht für dynamischen Wandel in der globalisierten Welt - für den Wandel einer durch Bergbau und Montanindustrie geprägten Region in ein modernes Zentrum für Hochtechnologie und Dienstleistungen.

Heute Morgen haben wir gesehen: Die Hochöfen und Maschinenhallen, die Fördergerüste und Zechenanlagen, die Gasometer und Kokereien prägen zwar noch immer das Bild des Ruhrgebiets, aber wir haben auch gesehen, das Ruhrgebiet ist mehr. Und manches Industriedenkmal dient heute einem neuen Zweck. Nehmen Sie zum Beispiel dieses Theater, das einst eine Guss- und Lokomotiven-Schmiede und das Tor zur sogenannten "Kruppstadt" war, in der mehr als 12.000 Menschen lebten und arbeiteten.

Deutschland verdankt dem Ruhrgebiet und vor allem seinen Menschen viel. Zwischen Fördertürmen und Fabrikschloten wurden hier in harter, entbehrungsreicher Arbeit entscheidende Grundlagen für den Wohlstand unseres Landes gelegt. Daran waren maßgeblich auch polnische Einwanderer, später auch Bergleute aus der Türkei beteiligt. Wie groß ihr Beitrag ist, lässt sich daran ermessen, dass türkische Mitbürger heute die größte ausländische Bevölkerungsgruppe sind und dass im Schmelztiegel Ruhrgebiet etwa ein Drittel der Einwohner polnische Wurzeln hat. Und jeder Fußballfan weiß, dass der Erfolg von Schalke 04 ohne seine polnischstämmigen Spieler undenkbar wäre.

Das Ruhrgebiet hatte aber auch mit den Folgen der Industrialisierung zu kämpfen: mit hoher Arbeitslosigkeit nach dem Niedergang des Bergbaus und der Montanindustrie, mit Abgaswolken und vergifteten Gewässern, den Zeichen einer beschädigten Umwelt und einer zersiedelten Landschaft. Anfang der 60er Jahre versprach Willy Brandt den Menschen im Ruhrgebiet einen blauen Himmel. Damals noch eine gewagte Versprechung, denn schließlich war die Luft über Ruhr und Emscher so voller Smog, dass dadurch bisweilen dichter Nebel auf den Straßen des Reviers herrschte.

Das Ruhrgebiet hat aus diesen Erfahrungen gelernt und die richtigen Schlussfolgerungen gezogen. "Das Ruhrgebiet atmet nicht mehr Staub, sondern Zukunft". So sagt es der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg. Und ich finde: Da hat er Recht. Mehr und mehr bestimmen Zukunftsbranchen und -technologien das Bild des Reviers. Auf dem Gelände ehemaliger Hüttenwerke wurde der größte Binnenhafen der Welt in Duisburg zu einem modernen internationalen Logistikzentrum ausgebaut.

Auch das Energieunternehmen, das wir gleich nach dem Mittagessen besuchen werden, stellt sich den globalen Zukunftsfragen. Als einer der größten Stromerzeuger setzt RWE zunehmend auf erneuerbare Energien und den effizienten und klimaschonenden Energieeinsatz. Dieses Unternehmen ist einer der aktivsten Teilnehmer am EU-Emissionshandelssystem und wirkt am Aufbau eines Netzes für Elektroautos mit.

Im ganzen Ruhrgebiet wurden stillgelegte Produktionsstätten renaturiert, so dass jetzt mehr als die Hälfte des Reviers aus Grünflächen besteht. In der Ruhr kann man wieder schwimmen, und überall sind Orte kultureller Begegnung entstanden.

Eine von der Industriegeschichte geprägte Region erfindet ihre wirtschaftliche wie auch kulturelle Basis neu: Das ist ein gewiss schmerzhafter und noch nicht abgeschlossener Prozess, aber ein unumgänglicher und einer, der sich in vielen Regionen der Welt abspielt. Zumal uns allen der globale Transformationsprozess zur Beherrschung des Klimawandels noch bevorsteht. In gut zwei Monaten beginnt in Kopenhagen die Weltklimakonferenz. Dort stehen wir als Staatengemeinschaft in der Verantwortung, uns für eine Zukunft einzusetzen, die Wohlstand und Entwicklungschancen für alle Menschen gewährleistet, ohne die Tragfähigkeit unseres Planeten zu überfordern.

Denn der Klimawandel macht uns vor, wie sehr wir aufeinander angewiesen sind, um die großen globalen Herausforderungen zu meistern. Wenn wir den weltweiten Temperaturanstieg nicht in den Griff bekommen, drohen uns weltweit Verwerfungen: Hurrikane, steigende Meeresspiegel, Abschmelzen der Gletscher und lang anhaltende Dürreperioden kennen keine Grenzen - Menschen auf der Suche nach einem Ort zum Überleben werden sie zu überwinden wissen. Herausforderungen dieser Größenordnung kann kein Staat mehr in nationalen Alleingängen bewältigen. Aber ich bin überzeugt, dass wir durch gemeinsames Handeln eine gute Zukunft für alle Menschen unserer Einen Welt sichern und die globale ökologische Frage lösen können.

Die Industrieländer tragen dabei ausnahmslos eine ganz besondere Verantwortung, ihren CO2-Ausstoß zu reduzieren. Der Hauptteil der seit der Industrialisierung vom Menschen verursachten Treibhausgase geht auf ihr Konto. Noch weisen sie besonders hohe Pro-Kopf-Emissionen auf. Die Industrieländer sind deshalb gefordert, in Vorleistung zu treten und zu zeigen, dass CO2-armes Wachstum möglich ist. Die Europäische Union hat sich bereits dazu verpflichtet, ihre Emissionen bis 2020 um 20 Prozent gegenüber 1990 zu reduzieren. Sie ist auch zu einer Minderung um 30 Prozent bereit, sofern auch andere Industriestaaten vergleichbare Anstrengungen unternehmen.

Wir wissen, das allein wird nicht reichen. Wir brauchen auch die Schwellen- und Entwicklungsländer. Dabei wissen wir, dass diese Länder im Kampf gegen die Armut auf wirtschaftliches Wachstum angewiesen sind. Ich finde, unsere gemeinsame Aufgabe besteht darin, gemeinsam dafür zu sorgen, dass Wirtschaftswachstum vom Energie- und Ressourcenverbrauch entkoppelt wird. Deutschland und die EU stehen dabei zu ihrer Zusage, die Schwellen- und Entwicklungsländer bei einer klimaverträglichen, nachhaltigen Entwicklung finanziell und technologisch zu unterstützen.

Den Kampf gegen die Armut und den Kampf gegen den Klimawandel müssen wir daher als wichtigste Ziele für eine Entwicklungspolitik für den ganzen Planeten begreifen. Und alle, die Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländer, müssen das ihre dazu beitragen. Wir wollen daher in Kopenhagen ein faires und konkretes Abkommen schließen. Sie, meine Damen und Herren Botschafter, bitte ich um Ihre Unterstützung dafür. Es geht um nichts Geringeres als die Zukunft unserer Einen Welt. Mein Land, da bin ich sicher, wird sich dieser Aufgabe stellen: stabil und verlässlich, auch in der neuen Legislaturperiode.

Meine Damen und Herren Botschafter, erlauben Sie mir zum Schluss noch einige ganz persönliche Bemerkungen. Heute ist der letzte Arbeitstag von Staatssekretär Dr. Haller, dem Chef des Bundespräsidialamtes. Wir sind durch lange Jahre gemeinsamer Zusammenarbeit, die weit vor meine Zeit als Bundespräsident zurückreicht, eng verbunden. Ich danke ihm als meinem Staatssekretär für Rat, Unterstützung, Loyalität und ganz persönlich für seine Freundschaft. Ich wünsche Dir, Gert, für den neuen Lebensabschnitt Freude, Kraft, Gesundheit und Gottes Segen. Und Deinem Nachfolger, den einige von Ihnen bereits als Leiter der Inlandsabteilung des Bundespräsidialamtes kennengelernt haben, Herrn Dr. Wolff, wünsche ich viel Erfolg und eine glückliche Hand bei der Führung seiner neuen Amtsgeschäfte.

Sie, meine Damen und Herren Botschafter, möchte ich ermutigen, sich in Deutschland umzuschauen. Reisen Sie und lernen Sie die Vielfalt meines Landes sowie Tatkraft, Erfindergeist und Gastfreundschaft meiner Landsleute kennen. Berichten Sie darüber, damit Ihre Regierungen sich ein umfassendes Bild von Deutschland machen können. Sagen Sie uns, was Ihnen gefällt, aber sagen Sie uns auch, was Sie von uns erwarten, was sich bei uns ändern sollte. Offenheit ist die Voraussetzung einer guten Kooperation. Und nur im offenen, partnerschaftlichen Umgang miteinander können wir dem Ziel einer guten Zukunft für alle Menschen unserer Einen Welt näher kommen. Darauf möchte ich Sie, meine Damen und Herren, bitten, Ihr Glas mit mir zu erheben.

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