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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler bei der Ordensverleihung anlässlich des Tages der Deutschen Einheit

Gruppenbild mit allen Ordensträgern Berlin, 5. Oktober 2009 Foto: Steffen Kugler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Steffen Kugler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

"Die Welt ein bisschen besser machen"

In wenigen Tagen ist es 20 Jahre her, und doch berühren uns die Bilder genauso wie damals: die Bilder von Menschen, die auf der Mauer tanzen, von Trabis, die hupend über die Grenze fahren, von Fremden, die einander in die Arme fallen - die Bilder von Menschen, die gemeinsam die Freiheit gewonnen haben. Das mutige Eintreten für diese Freiheit war Voraussetzung für die Einheit, die wir vorgestern, am 3. Oktober, gefeiert haben und die uns heute hier zusammenführt.

Bleiben wir noch einen Moment bei der Vergangenheit. Um diese Zeit vor 20 Jahren beobachteten wir mit Spannung die Montagsdemonstrationen in Leipzig und das Schicksal der Flüchtlinge etwa in der Prager Botschaft. Genau heute vor 20 Jahren demonstrierten 800 Menschen in Magdeburg. 250 von ihnen wurden festgenommen.
Wir erinnern uns, wie viel Mut, wie viel Einsatz und wie viel Gemeinsinn ungezählte Menschen im Osten unseres Landes aufgebracht haben. Erst waren es wenige, die entschieden waren, nicht länger alles hinzunehmen. Es wurden immer mehr. Sie entschlossen sich, die Verhältnisse in ihrer Stadt, in ihrer Region zu ändern, für Freiheit, Menschenrechte und echte Demokratie zu kämpfen. Sie brachten die Mauer zu Fall.

Diese friedliche Revolution war ein beispielloser Akt von Zivilcourage und Bürgersinn. Es ist gut, immer wieder daran zu erinnern. Und es ist gut, an den Bürgersinn zu erinnern, den es auch heute in unserem Land gibt. Unser freiheitliches Gemeinwesen ist darauf angewiesen. Mit den bekannten Worten von Ernst-Wolfgang Böckenförde: "Der freiheitliche Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann." Und ich füge hinzu: Auch die Marktwirtschaft lebt von Voraussetzungen, die sie selbst nicht garantieren kann.

Es ist mittlerweile die schöne Tradition gewachsen, dass jedes Jahr um den Tag der Deutschen Einheit der Bundespräsident Bürgerinnen und Bürger für vorbildliches bürgerschaftliches Engagement auszeichnet. Und heute sind Sie es, die ich gerne auszeichnen möchte.

Viele von Ihnen überwinden immer noch Mauern - jeden Tag: Mauern zwischen Völkern und Volksgruppen, zwischen Menschen mit und Menschen ohne Migrationsgeschichte, zwischen Menschen mit und ohne Behinderung, zwischen Männern und Frauen. Zwischen Menschen verschiedener Kulturen und Religionen, zwischen Nachbarländern, zwischen Ost und West, zwischen Unternehmensführung und Mitarbeitern, zwischen alter und neuer Architektur, zwischen modernster Wissenschaft und prähistorischen Funden, zwischen Forschung und nutzbaren Produkten.

Wieder andere spannen Netze aus Hilfsbereitschaft und persönlicher Zuwendung - für Kinder und bedürftige Familien, für schwerkranke Menschen, für Menschen mit Behinderung und ihre Familien, für Menschen, die von den staatlichen Sicherungssystemen nicht getragen werden, und für notleidende Kinder in Deutschland oder auch in fernen Ländern, wie zum Beispiel in Indien.

Wir haben Vorkämpfer in Sachen Naturschutz unter uns, Menschen, die viel Arbeit und Energie aufgebracht haben, um dazu beizutragen, dass auch noch unsere Kinder und Enkelkinder in einer gesunden Umwelt aufwachsen können.

Die nach uns kommen, sind vor allem auf Bildung und Wissen entscheidend angewiesen, nicht zuletzt auf Orientierungswissen und auch auf historische Bildung. Ich bin froh, heute auch Pädagogen auszeichnen zu können, die Schülern helfen, die Geschichte des Holocaust und der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft in ihrer eigenen Stadt zu entdecken und daraus zu lernen.

Und ich freue mich, Professoren begrüßen zu können, die sich um die Förderung der Wissenschaft und die Modernisierung der deutschen Hochschulen verdient gemacht haben.

Und damit ist die Fülle verdienstvoller Leistungen in unserer Runde noch immer nicht ausgeschöpft. Wir haben in unserer Mitte große Musiker, die sich um den musikalischen Nachwuchs kümmern. Unter uns sind herausragende Schriftsteller und Lyriker und Museumsdirektoren und Kuratoren, die den Menschen Kunst und Kultur nahe bringen. Und ich sehe voller Hochachtung, wie eine in unserer Runde sich aufopferungsvoll für Künstler einsetzt, die es mit ihren Werken nicht oder vielleicht auch nur noch nicht zu Berühmtheit und entsprechendem Wohlstand gebracht haben.

Last but not least: der Sport. Gerade noch habe ich beim EM-Finale in Helsinki mitgefiebert, als die deutschen Fußball-Frauen Europameisterinnen wurden. Sie haben damit weiter an einer Erfolgsgeschichte geschrieben, die schon viele Kapitel hat. Und wir ehren heute eine Frau, die sozusagen das Vorwort und die ersten Kapitel des Buches vom deutschen Frauenfußball mitverfasst hat.

Es ist also eine bunte Gesellschaft, die hier versammelt ist. Sie zeigt, wie reich unser Land ist, reich an Menschen, die sich für andere einsetzen, die ihre Begabungen nicht nur nutzen, um selbst voranzukommen - das ist normal und richtig - sondern auch, um Andere voranzubringen, um andere Menschen zu bereichern. Dieser Reichtum ist größer und nachhaltiger als jeder finanzielle Reichtum. Vielleicht sollten wir uns gerade in Zeiten der Finanz- und Wirtschaftskrise vor Augen halten, was unsere Gesellschaft ausmacht, und was uns zusammenhält. Es sind Menschen wie Sie.

Das heißt nicht, dass Bürgerengagement alle Probleme löst und der Staat sich auf den Lorbeeren seiner Bürger ausruhen sollte. Das Ehrenamt ist kein Ersatz für gute Sozialpolitik. Aber ohne ihren aktiven Einsatz wäre unser Land ärmer.

Einige von Ihnen engagieren sich im Rahmen ihres Berufs und leisten dort Überragendes. Andere investieren einen beträchtlichen Teil ihrer Freizeit. Ich weiß, dass viele von Ihnen dabei an den Rand ihrer Kräfte und Möglichkeiten gehen. Denen sage ich: Übertreiben Sie es bitte nicht; aber: Bitte bleiben Sie, wie Sie sind.

Und noch jemandem möchte ich danken: Ihren Familien. Zeit, die Sie fremden Menschen schenken, ist in der Regel auch Zeit, in der Ihre Familie Sie entbehren muss. Das ist nicht einfach und auch das hat unseren Respekt und unseren Dank verdient.

Sehr geehrte Damen und Herren, Ihr Einsatz lohnt sich. Auch für Sie selber, weil Sie etwas dafür zurückbekommen. Das höre ich jedenfalls immer wieder, wenn ich mit Bürgerinnen und Bürgern spreche, die sich ehrenamtlich engagieren. Was Sie zurückbekommen sind Dankbarkeit, Gemeinsamkeit und die Gewissheit, gebraucht zu werden. All das gibt Glück und Erfüllung.

Und heute soll es noch etwas anderes sein. Sicher wurde dem einen oder anderen von Ihnen schon mal gesagt: "Dafür hätten Sie einen Orden verdient." Heute ist es soweit: Sie haben mit Ihrem Engagement einen Orden verdient: den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland. Er ist die höchste Auszeichnung, die unser Land für Verdienste um das Gemeinwohl vergibt.

Meine Damen und Herren, vorgestern habe ich diesen Orden nur noch posthum überreichen können, an die Eltern von Dominik Brunner, der auf einem S-Bahnsteig in München getötet wurde, weil er wehrlosen Kindern helfen wollte. Ich bin selber hingefahren. Es war ein bewegendes Gespräch. Die Eltern haben mir gesagt, dass ihr Sohn seinem Charakter nach gar nicht anders konnte, als hilflosen Kindern beizuspringen. Welche Tragödie für einen herzensguten Menschen. Wir müssen alles Menschenmögliche tun, damit sich ein solches Ereignis nicht wiederholt. Und um solche Finsternisse zu verhüten, brauchen wir viel Licht.

Sie, liebe Gäste, spenden solches Licht, Sie haben sich vorbildlich um das Gemeinwohl verdient gemacht. Und ich bin froh, dass ich Ihnen dafür mit dieser Auszeichnung persönlich von Herzen Danke sagen kann. Tragen Sie den Orden mit Stolz. Er zeigt allen, dass Sie Außergewöhnliches geleistet haben. Er zeigt, dass Sie ein Vorbild sind.

Ein afrikanisches Sprichwort besagt: "Es ist besser, Brücken zu bauen statt Mauern". Ich sehe hier viele Brückenbauer. Danke dafür!

(Zu den Ordensträgern)