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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler aus Anlass des Jubiläums "1000 Jahre Mainzer Dom"

Bundespräsident Horst Köhler spricht von einem Rednerpult. Im Hintergrund sind bunte Kirchenglasfenster zu sehen, der rote Stein des Mainzer Doms und ein christliches Kreuz. Mainz, 11. Oktober 2009 Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

"Hier ist Geschichte greifbar"

In Mainz versteht man zu feiern. Ob Fasnacht, ob Bundesliga-Aufstieg oder ob bei einem Fest wie heute, wenn wir auf 1000 Jahre Mainzer Willigis-Dom blicken.
Meine Frau und ich feiern heute gerne mit.

Ein Jahrtausend Mainzer Dom: Ein solches Jubiläum lässt sich nicht an einem einzigen Tag würdigen. Deshalb steht das ganze Jahr im Zeichen dieses Jubiläums. Es gab Konzerte, wissenschaftliche Vorträge oder Festtage für Kinder. Es bedeutet etwas, dass so viele dabei mitmachen: aus der Stadt, aus dem Bistum, von überallher.
Eintausend Jahre - das ist eine sehr lange Zeit, in der hier in Mainz wichtige Kapitel der deutschen Geschichte und der Kirchengeschichte geschrieben wurden.

Ein wahrhaft historischer Ort. Denken wir zunächst an seinen Erbauer: Erzbischof Willigis, der den Dom als Krönungskirche für Könige errichten ließ. Als Erzkanzler war der Mainzer Erzbischof eine der einflussreichsten Personen im Reich, nach dem Kaiser der zweite Mann und einer der Kurfürsten, die den Kaiser wählten. Eine so enge Verbindung von Kirche und Staat ist für uns heute unvorstellbar geworden. Es hat beiden, der Kirche und dem Staat, gut getan, dass sie nach unserer Rechtsordnung voneinander getrennt sind und eigenständig ihren je eigenen Aufgaben nachgehen.

Die Gesellschaft kann immer wieder etwas gewinnen von den Kirchen und den Gläubigen. In diesen Zeiten, in denen so viele ängstlich in die Zukunft schauen, in denen sie sich anklammern an das Gegenwärtige und Gewohnte - gerade in solchen Zeiten ist es so wichtig, dass die Kirchen Zuversicht ausstrahlen und Mut - Zuversicht und Mut, die aus Gottvertrauen kommen. So kann man Neues wagen und unverzagt nach vorn gehen.

Ein anderes Beispiel für den Dienst der Kirchen an der Gesellschaft verkörpert einer der ganz großen Mainzer Bischöfe: Wilhelm Emmanuel Freiherr von Ketteler, der hier im Dom begraben liegt. Er war Bischof und Abgeordneter im Paulskirchenparlament und Mitbegründer der Katholischen Arbeiterbewegung und sogar der Zentrumspartei. Vor allem sein Einsatz für die Rechte der Arbeiter in der großen Sozialen Frage des 19. Jahrhunderts ist bis heute richtungsweisend für die Soziallehre der katholischen Kirche. Davon hat auch der moderne Sozialstaat profitiert: Solidarität, Subsidiarität und der Einsatz für das Gemeinwohl sind der Werkstoff, aus dem in einer Gesellschaft Zusammenhalt entsteht.

Das Beispiel Bischof Kettelers zeigt: Christen treten immer für die ein, die sich nicht selber helfen können, und sie sind Anwälte derer, die keine Stimme haben. Sie helfen dabei nicht nur individuell und punktuell - sondern sie organisieren auch Hilfe, sie schaffen Institutionen der gelebten Solidarität.

In 1000 Jahren haben der Dom und die Stadt das Auf und Ab der Zeitläufe erlebt. Der Dom ist siebenmal abgebrannt, wurde von den französischen Besatzern Ende des 18. Jahrhunderts als Lazarett und Kaserne und sogar als Viehstall benutzt. Die Mainzer haben sich aber nie entmutigen lassen und den Dom immer wieder als Gotteshaus zurückerobert. Und als im Zweiten Weltkrieg die Bomben auf die Stadt fielen, fanden viele Mainzer Schutz in den Mauern des Domes. Gerade von Mainz weiß ich: Der Dom ist ein Stück Heimat; die Freude daran ist bis heute lebendig.

Ich will, bei all der Schönheit und Ehrwürdigkeit des Gebäudes, das Wichtigste nicht vergessen: In diesem Dom wird seit eintausend Jahren gebetet und Gottesdienst gefeiert. Hierher bringen die Menschen ihre Sorgen mit und ihre Freude. Hier werden Kinder getauft, Hochzeiten gefeiert und Totenmessen gelesen. Das ganze Leben, alles, was die Menschen bewegt, tragen sie hier vor Gott hin. Sie werden getröstet, gestärkt und ermutigt. Ob das auch in tausend Jahren noch so sein wird? Ich wünsche mir - und ich habe es auf der evangelischen Zukunftswerkstatt vor kurzem genau so gesagt - dass die Kirchen sich immer wieder auf ihr Eigentliches besinnen, auf die letzten Fragen, die unser Leben bestimmen, die Fragen nach dem Woher und Wohin unseres Menschseins, die Fragen nach dem Sinn unseres Lebens, die Fragen nach dem Grund unserer Hoffnung. Dass diese Fragen nicht aus unserer Welt verschwinden, dafür stehen die christlichen Kirchen - und ihre Dome!

Ich freue mich, dass in Mainz viele Menschen zusammenstehen, um den Dom im Jubiläumsjahr leuchten zu lassen und ihn auch in Zukunft zu erhalten. Es gab und gibt viele Ideen und viele Menschen, die anpacken, die sich einsetzen und helfen. Ihnen allen möchte ich danken. Und wenn einer fragt, ob es sich lohnt, viel Geld und Kraft in ein so altes Bauwerk zu investieren, dann können wir antworten: Wer nicht in die Erinnerung investiert, der spart an der Zukunft. Wir aber wollen Zukunft, eine Zukunft, die Orientierung auch aus der Herkunft gewinnt.

In diesem und den kommenden Jahren blicken wir auf weitere Jubiläen bedeutender Dome und Kirchen: 800 Jahre Magdeburger Dom, 1000 Jahre St. Michael in Hildesheim, 950 Jahre Kaiserdom in Speyer. Diese Jahrestage betreffen nicht nur die Kirchen und ihre Mitglieder. Denn wir feiern und erhalten ein unschätzbares Gut, das uns allen gehört, unserer Kulturnation Deutschland. Darauf können wir stolz sein.

Wenn wir uns vor Augen führen, wie lange Zeit es gebraucht hat, um ein solches Gotteshaus zu bauen, wenn wir uns klarmachen, dass die Generation, die die Pläne machte oder den Grundstein legte, in der Regel die Fertigstellung nicht mehr erlebte, dann erkennen wir, was langer Atem ist. Wir brauchen auch heute den Sinn und den Mut, über uns selbst und unsere Gegenwart hinaus an eine Zukunft zu denken, die den folgenden Generationen gehört!

Es geht beim Bewahren des kulturellen Erbes nicht nur um das Bewahren von Steinen. Es geht auch darum, dass der Geist und die Haltung, aus dem die alten Werke entstanden, lebendig bleiben. Der Mainzer Dom ist Zeichen für die Tatkraft und Solidarität der Bürgerinnen und Bürger. Und er ist ein Symbol für ein Denken und Handeln über den Tag hinaus. Hier ist Geschichte greifbar. Hier wird Geschichte lebendig. Und hier wird an einer guten Zukunft gebaut. Gott segne unser Tun, damit wir weiter bauen an dieser guten Zukunft in einer besseren Welt.