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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler zur Eröffnung der Podiumsdiskussion "Zukunft der Moderne"

Bundespräsident Horst Köhler am Rednerpult Berlin, 20. Oktober 2009 Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

"Eine Anleitung zum Überdenken von Gewohnheiten"

Meine Damen und Herren, ich begrüße Sie ganz herzlich zur Podiumsdiskussion in Schloss Bellevue.

Diese Diskussion ist gewissermaßen der öffentliche Teil der Gesprächsreihe "Vielfalt der Moderne - Ansichten der Moderne", die ich vor einem guten Jahr ins Leben gerufen habe. Drei Runden hat es in den vergangenen Monaten gegeben, drei Mal haben hier in diesem Saal kluge Frauen und Männer aus verschiedenen Weltteilen, Kulturen und Religionen miteinander diskutiert - über Themen wie "Individuum und Gemeinschaft", "Weisheit und Wissenschaft" und - heute Vormittag - über "Mensch und Moderne". Heute Abend nun wollen wir den Blick in die "Zukunft der Moderne" richten.

"Haben wir keine anderen Sorgen?" werden manche jetzt vielleicht fragen. Und in der Tat: Die Finanz- und Wirtschaftskrise ist noch nicht ausgestanden, sie hat für viele Menschen auf dieser Welt noch immer existenzielle Folgen. In vielen Ländern herrschen Willkür, Gewalt und Armut. Wir sehen uns mit Terror und Fundamentalismus konfrontiert. Und nicht zuletzt wird immer deutlicher, dass wir - die ganze Menschheit - vor der gewaltigen Aufgabe stehen, den Klimawandel zu bremsen und eine globale Ökonomie zu schaffen, die nachhaltig mit der Natur und fair mit den Menschen umgeht.

Auf den zweiten Blick aber stehen hinter diesen akuten, drängenden Problemen oft genau die Fragen, die hier in Schloss Bellevue in den letzten Monaten in wechselnder Runde diskutiert wurden. Es sind Fragen, die zugleich - und da sind wir bei der Moderne - auf den Kern des westlichen Selbstverständnisses zielen: Wie viel Individualismus tut uns gut - und ab wann schlägt er um in zerstörerischen Egoismus? Welche ethischen Leitplanken brauchen Wissenschaft und Wirtschaft - und wer kann sie setzen? Was heißt Fortschritt - und welchem Ziel sollte er dienen? Ich bin überzeugt - und die Diskussionen des heutigen Tages haben mich darin noch einmal bestärkt: Gerade angesichts der aktuellen Krisen und der großen Herausforderungen ist es für alle Beteiligten - und wir alle sind nolens, volens beteiligt - wichtig zu wissen, wie die anderen über diese Fragen denken. Und es ist wichtig, gemeinsam nach Antworten zu suchen. Darum geht es bei dieser Gesprächsreihe, und darum geht es heute Abend.

Denn was wir tun oder unterlassen, das beeinflusst das Leben und das Wohlergehen von anderen. Und kein Kulturkreis dieser Welt hat die Weisheit für sich allein gepachtet. Vielleicht birgt die gegenwärtige Krise ja auch eine große Chance: die Chance, dass endlich weltweit konzentriert über das Zusammenleben in unserer Einen Welt und über die Gestaltung unserer Lebens- und Wirtschaftsweise diskutiert wird. Dass nicht mehr vor allem der "Clash of Civilisations" beschworen wird, sondern auch innerhalb der einzelnen Gesellschaften und Kulturkreise das Nachdenken darüber sich vertieft, welche Werte und Verhaltensweisen anschlussfähig sind an eine zukunftsfähige Weltgesellschaft und welche weniger oder gar nicht. Und schließlich die Chance, dass die Einsicht wächst, dass es so etwas wie ein "Weltgespräch" geben muss, zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft, die realisieren, dass es um existentielle Fragen für die Zukunft unserer Einen Welt geht. Der Prozess der Globalisierung muss - so hat es einer der Teilnehmer an der Gesprächsrunde heute Vormittag formuliert - unbedingt von einem Prozess der Kommunikation begleitet werden.

Aber sind wir dafür schon hinreichend gewappnet? Was wissen wir über die Weltsicht anderer, über ihre historischen Erfahrungen, über ihre kulturellen und religiösen Werte? Haben wir eine Ahnung davon, wie andere die Verheißungen und Zumutungen des Wandels erleben, den wir mit dem Oberbegriff "Moderne" zusammenfassen? Wissen wir, welche Echos Begriffe anderswo auslösen - aufgrund bestimmter historischer Erfahrungen oder religiöser Vorstellungen? Was wissen wir über andere Ansichten und andere Formen der Moderne? Ich glaube: noch immer viel zu wenig.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Das Macht- und Wohlstandsgefälle auf unserer Erde ist immer noch groß, zu groß. In vielen Ländern des Südens wirken die Demütigungen der Kolonialzeit nach, und oft ist die gegenseitige Wahrnehmung verzerrt - durch Unwissenheit, oder auch, weil es den herrschenden Eliten durchaus gelegen kommt. Und weil man sich bekanntlich erst einmal an die eigene Nase fassen soll, will ich hinzufügen: Wir Europäer haben es uns über die Jahrhunderte angewöhnt, die Welt allein an unserer eigenen Elle zu messen. Auch das ist nicht förderlich. Denn die globale Beziehungsgeschichte ist keine Einbahnstraße. "Entangled histories", verflochtene Geschichten, so hat es Shalini Randeria genannt, eine der Teilnehmerinnen der ersten Runde.

Es hätte kaum ein besseres Reizwort geben können als eben "Moderne", um eine lebhafte Debatte zwischen klugen Geistern aus verschiedenen Teilen der Welt in Gang zu setzen. Der Tenor der Debatte der zurückliegenden Gesprächsrunden entsprach in etwa der schönen Anekdote von Mahatma Gandhi. Auf die Frage eines Journalisten: "What do you think of western civilization?" soll er geantwortet haben: "I think it would be a good idea." Aus dieser Antwort spricht die berechtigte Erwartung, dass "der Westen" seine Werte nicht nur predigt, sondern auch lebt und sich auch seinerseits daran messen lässt.

Es konnte also nicht ausbleiben, dass in unseren Gesprächen auch das Selbstbild der westlichen Welt hinterfragt wurde. Ein Selbstbild, zu dem das Pochen auf Vernunft und wissenschaftliche Erkenntnis gehört, der Glaube an die Beherrschbarkeit der Natur, an die Fähigkeit des Individuums, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, das Vertrauen auf ökonomische Rationalität und die positive Kraft des Fortschritts. Ein Selbstbild allerdings, das auch einige blinde Flecken hat - etwa wenn es um den Preis des Fortschritts geht oder um die Frage, wer ihn bezahlen muss.

Denn zur Moderne gehört eben nicht nur ein Freiheitsethos, aus dem universale Menschenrechte, demokratisch verfasste Gemeinwesen und die Möglichkeit individueller Lebensgestaltung erwuchsen, nicht nur die großartigen Entdeckungen und Erfindungen und der rasante Zuwachs an materiellem Wohlstand und gesundheitlichem Wohlergehen.

Zur Moderne gehört auch das Gefühl der Entfremdung in einem hoch spezialisierten, arbeitsteiligen und industrialisierten Wirtschaftsprozess und die Ablösung von traditionellen Beziehungen - ein Gefühl, das in vielen Menschen eine Sehnsucht nach überschaubaren Gemeinschaften und nach einfachen Antworten auf komplizierte Fragen weckt. Zur Moderne gehört die oft rücksichtslose Ausbeutung unserer natürlichen Umwelt. Zur Moderne gehört die latente Überforderung durch ein immer rasanteres Lebenstempo und die steigende Komplexität. Aber auch noch immer, und in erschreckendem Maße, für viele Menschen auf der Welt die existentielle Herausforderung, das eigene Überleben zu sichern. All das ist heute und in den vergangenen Runden der "Ansichten der Moderne" zur Sprache gekommen.

Und noch etwas ist immer wieder betont worden: So wenig es die eine Ansicht der Moderne gibt, so wenig gibt es das eine Entwicklungsmodell. Für unsere, die sogenannte "westliche" Seite, bedeutet das: Erkennen, dass die Zeiten vorbei sind, in denen wir unseren eigenen Entwicklungspfad als Blaupause ansehen konnten, der früher oder später alle Gesellschaften folgen werden. Gesellschaftlicher Wandel und Fortschritt müssen nicht notwendigerweise westlichen Mustern folgen. So manche Entwicklung, die wir heute als bedrohlich für die Zukunft der Menschheit beklagen, kann auch als Folge unseres Weges in die Moderne gelesen werden - der Klimawandel ist da nur ein besonders prägnantes Beispiel.

Die "Einbeziehung des Anderen" hat der deutsche Philosoph Jürgen Habermas schon vor vielen Jahren eingefordert. Heute gilt das mehr denn je, und zwar über alle Länder- und Nationengrenzen hinweg. Wir brauchen als Weltgemeinschaft ein gemeinsames Ethos - da stimme ich Hans Küng vollauf zu, er hat hier übrigens auch mitdiskutiert. Wir müssen gemeinsam nachdenken darüber, was wir einander schulden, und darüber, wie wir das globale Gemeinwohl definieren und schützen können in einer Welt, die ebenso vernetzt wie zerbrechlich ist. Offene Fragen gibt es genug. Kann man mit weniger vielleicht sogar besser leben? Was können wir lernen von anderen Weisen, die Welt zu sehen - der Ökonom Alberto Acosta hat heute Vormittag von der neuen ecuadorianischen Verfassung gesprochen, die das indigene Konzept des "sumak kawsay", des "guten Lebens" zugrunde legt?

Von Niklas Luhmann stammt der schöne Satz: "Kultur verhindert die Überlegung, was man anstelle des Gewohnten anders machen könnte". Und darum sind interkulturelle, interreligiöse Dialoge wie dieser eben kein akademischer Selbstzweck, sondern eine Anleitung zum Überdenken von Gewohnheiten und eine Gelegenheit, voneinander zu lernen. Das wird hoffentlich heute Abend genau so sein. Ich wünsche mir offene, kontroverse Gespräche, denn hier soll Verschiedenheit erkannt, auch anerkannt werden. Wir sprachen heute Vormittag von der "dignity of difference", der Würde des Unterschiedes zwischen den Kulturen. Und zugleich geht es darum, nach Gemeinsamkeiten zu suchen - wie der Untertitel zu dieser Podiumsdiskussion ja nahelegt. Ashis Nandy, den Sie gleich hören werden, hat heute Vormittag gesagt: "Im Dialog mit anderen verschaffen wir uns zugleich Zugang zu einem Teil von uns selbst."

Jeder Einzelne von Ihnen hier im Saal ist ein potentieller Vermittler und Verstärker der Suche nach einem guten Weg in eine gemeinsame Zukunft. Ich bin mir sicher: Wir alle sind lernfähig. Die Zukunft ist offen, und wir haben es in der Hand, sie gemeinsam zu gestalten und eine bessere Welt zu schaffen. Diese sehr "moderne" Sichtweise der Welt lasse ich mir nicht nehmen. "Das Leben hat lange Beine" - dieses afrikanische Sprichwort hat Aminata Sow Fall heute Vormittag zitiert. Benutzen wir sie, um weiter zu kommen - und einander zu begegnen.

Bevor ich jetzt das Wort an Melinda Crane übergebe, die die heutige Runde charmant und sachkundig leiten wird, noch eins: Die Gesprächsreihe "Ansichten der Moderne" und dieser heutige Abend wären nicht möglich gewesen ohne die Unterstützung unserer Kooperationspartner. Das Veranstaltungsforum der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck hat seine Expertise in Sachen Konzeption, Planung und Durchführung von internationalen Konferenzen und Symposien mitgebracht, die BMW-Stiftung Herbert Quandt ihre Erfahrungen im Organisieren von globalem Meinungs- und Wissensaustausch und im Spinnen von internationalen Netzwerken. Vielen Dank dafür! Mein Dank geht auch an Professor Joas, Soziologe an der Universität Erfurt und zur Zeit an der Universität Chicago, er hat seinen klugen Rat und gute Vorschläge in die Vorbereitung dieser Diskussion eingebracht, und heute morgen hat uns Professor Kallscheuer geleitet. Uns allen wünsche ich nun eine spannende Diskussion und einen anregenden Abend!