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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler zur Verleihung des Deutschen Umweltpreises

Bundespräsident Horst Köhler am Rednerpult Augsburg, 25. Oktober 2009 Foto: Sebastian Widmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Sebastian Widmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

"Für eine Kultur der Nachhaltigkeit"

Es gibt wichtige Preise. Und weniger wichtige. Der Deutsche Umweltpreis gehört zu den ganz wichtigen. Deshalb bin ich heute hier. Der Preis wirft ein Schlaglicht darauf, dass wir, dass alle Menschen in der Verantwortung stehen, unsere natürlichen Lebensgrundlagen zu erhalten. Und die Preisträger machen uns immer wieder zuversichtlich, dass wir diese Herausforderung bestehen können.

Sie zeigen uns wie Petra Bültmann-Steffin und Carsten Bührer, welche Effizienzsprünge beim Energieverbrauch möglich sind, wenn technisches Wissen und unternehmerischer Mut zusammenkommen. Sie lassen uns durch wegweisende Forschungsarbeiten wie die von Professor Bo Barker Jørgensen den Einfluss der Weltmeere auf das Klimageschehen besser verstehen. Und sie beweisen uns wie Angelika Zahrnt, dass man mit unermüdlichem Engagement, intellektueller Brillanz und mit persönlicher Überzeugungskraft die Themen Umweltschutz und Nachhaltigkeit aus den Expertenzirkeln heraus in die Mitte der Gesellschaft und an die Spitze der politischen Agenda bringt. Liebe Frau Zahrnt, es war für mich immer ein Gewinn, mit Ihnen zu diskutieren. Zuletzt trafen wir uns im Frühjahr beim Evangelischen Kirchentag in Bremen. Dort wünschten Sie sich von mir: "Setzen Sie weiter auf Nachhaltigkeit." Und wir entdeckten: In unserem Einsatz für die Nachhaltigkeit sind wir wie Brüder und Schwestern.

Ihnen allen, liebe Preisträger, gilt mein herzlicher Glückwunsch, und der Deutschen Bundesstiftung Umwelt und der Jury des Umweltpreises gilt mein Dank für die einmal mehr kluge Wahl.

Klug auch deshalb, weil die Umweltpreisträger 2009 beispielhaft für drei Schlüsselbereiche stehen, auf die es in den nächsten Jahrzehnten entscheidend ankommt: Wissenschaft, Technologie und gesellschaftliche Veränderung. Wir stehen an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter im Zeichen von Ökologie und Nachhaltigkeit. Wir erkennen: Die Verantwortung für die Schöpfung tragen wir. Und wir stellen heute die Weichen für unser Wohlergehen von morgen. Dabei ist Zusammenarbeit nötig - keine Nation kann mehr auf Kosten anderer ihr Glück machen, alle müssen auf das Gleichgewicht der Welt achten. Ich hoffe sehr, dass sich die Verhandlungsdelegationen, die Anfang Dezember in Kopenhagen zur Weltklimakonferenz zusammentreffen, dieser Verantwortung bewusst sind.

Es ist ja inzwischen kein Erkenntnisproblem mehr: Wir müssen weg vom Öl. Wir brauchen einen neuen Antriebsstoff für unsere Volkswirtschaften. Wir müssen hin zu erneuerbaren Energien und zu viel mehr Energie- und Ressourceneffizienz. Dieser Wandel ist ökologisch nötig, und er ist wirtschaftlich chancenreich. Dabei müssen wir uns darüber im Klaren sein: Es geht nicht um das Drehen an einigen kleinen Stellschrauben der Energieversorgung, und wir haben auch nicht beliebig Zeit. Es geht um nichts weniger als um die Transformation in eine "postkarbone Gesellschaft". Das wird für uns alle Veränderung und Umstellung bedeuten. Wir werden neue Gewohnheiten entdecken. Und ich bin sicher: Diese Transformation wird uns zu einer neuen, einer besseren Lebensqualität führen.

Vor den Herausforderungen sollte uns nicht bange sein. Wir könnten, so sagen die Experten, schon mit der heute verfügbaren Technik unseren Energieverbrauch bis 2050 halbieren. Öl- und Gasrechnungen zum Beispiel gäbe es praktisch nicht mehr, wenn wir in Passivhäusern wohnten, die so gut wärmegedämmt und belüftet sind, dass sie keine Heizung im alten Sinne mehr brauchen. Die Stromrechnung wäre nur noch halb so hoch, wenn wir Kühlschränke, Herde und Waschmaschinen in der höchsten Energiesparklasse nutzten, Fernseher und Stereoanlagen keine stromfressenden Stand-by-Schaltungen hätten und die Glühlampen mehr leuchten als heizen würden. Aber diese technischen Möglichkeiten sind längst nicht das Ende der Fahnenstange. Ich glaube, dass wir im Zeitverlauf einer Generation nicht nur eine Revolutionierung der Material- und Energiewirtschaft erleben werden, sondern auch das Entstehen ganz neuer Mobilitätskonzepte in Stadt und Land.

Die klimafreundliche Zukunft ist aus meiner Sicht machbar - und Deutschland hat alle Voraussetzungen, sie für sich zu gewinnen. Deutsche Umwelttechnik ist überall gefragt und in der Forschung sind wir auch ganz vorne dabei. Bei den Patentanmeldungen im Bereich Energieeffizienz liegt Deutschland international an zweiter Stelle. Es spricht also viel dafür, dass von weltweiten Umweltinvestitionen gerade auch deutsche Unternehmen und Arbeitnehmer profitieren werden.

Das Potenzial für eine ökologische industrielle Revolution haben wir. Wir müssen es aber auch so schnell wie möglich erschließen. Die Regeln der Marktwirtschaft helfen uns dabei. Es ist wichtig, in den Preis einer jeden Sache und Dienstleistung einzurechnen, was sie die Allgemeinheit kosten - an sauberer Luft, an endlichen Rohstoffen, an Abfall, an Lärm und Staus. Dazu gehört die Fortentwicklung des Emissionshandels, der Abbau umweltschädlicher Subventionen ebenso wie eine Steuerpolitik, die mehr ökologische Anreize setzt. Ich bin überzeugt: Die richtigen Preissignale, Kostentransparenz und das Bemühen um möglichst umweltschonendes Wirtschaften werden weltweit ein Wettrennen in Forschung und Wissenschaft auslösen.

Der Wandel, den wir voranzutreiben haben, wird aber nicht allein technologischer Natur sein können. Denn bei allem berechtigten Glauben an den technischen Fortschritt - die gänzlich emissionsfreie Energiequelle wird es innerhalb der nächsten zehn, zwanzig Jahre vermutlich nicht geben. Hinzu kommt: In der Vergangenheit wurde das, was wir durch technischen Fortschritt an Effizienzgewinnen erreicht haben, durch einen wachsenden Gesamtverbrauch zu einem großen Teil wieder aufgezehrt. So haben wir heute zwar im Schnitt verbrauchsärmere Autos, aber viel mehr davon, und unsere Elektrogeräte sind sparsamer, dafür gibt es immer neue elektrische Anwendungen. Allein die Informations- und Kommunikationstechnik - vom Notebook über das Handy bis zum Plasma-Fernseher - verursachte 2007 mehr klimaschädliches Kohlendioxid als der gesamte deutsche Luftverkehr.

Darum bleibe ich dabei: Es ist auch Zeit, darüber nachzudenken, ob ein schlichtes "immer mehr" - Denken die Zukunft gewinnen kann. Ich weiß um die Einwände gegen diese Frage: Wenn die Menschen den Eindruck haben, Nachhaltigkeit bedeute vor allem Verzicht und Einschränkung, dann werden wir sie nicht überzeugen können, heißt es. Umweltpolitik galt lange als Betätigungsfeld für Verzichtsapostel, Technikfeinde und Schwarzseher - in dieser Ecke hat sie nichts verloren. Was also tun? Wie schaffen wir die Bereitschaft zur notwendigen Veränderung, wie bauen wir Ängste und Vorbehalte ab, wie stiften wir Zuversicht und Lust auf den Wandel?

Vielleicht sollten wir den Hinweis ernst nehmen, dass unser heutiger Lebensstil jede Menge Verzicht von uns fordert. Wir verzichten auf belebte und lebenswerte Innenstädte und tauschen dafür Einkaufszentren auf ehemals grünen Wiesen ein. Menschen, die an Hauptverkehrsstraßen wohnen, müssen auf Ruhe verzichten, Kinder und Ältere auf Bewegungsfreiheit außerhalb ihrer Wohnung. Und Pendler verzichten auf kostbare Zeit mit Familie und Freunden, während sie mit tausenden anderen im Stau stehen - gemeinsam allein. Ein großer Teil unseres Alltags besteht aus Verzicht, wir haben es nur noch nicht begriffen. Denn wenn wir es begriffen, dann würden wir erkennen, dass zum Beispiel ein komfortabler, preiswerter und flächendeckender öffentlicher Verkehr mehr Lebensqualität bedeutet, mit weniger Lärm und Landschaftsverbrauch und mit weniger Zeitverschwendung im Auto, das nicht mobil ist.

Herr Weinzierl, Sie haben einmal davon gesprochen, dass Nachhaltigkeit "Kult" werden muss. Ich glaube, da ist etwas dran. Und ich habe den Eindruck: Der Wandel ist schon im Gang. Es ist "cool", mit dem Fahrrad durch die Stadt zu fahren statt mit dem Geländewagen. Das Energiesparhaus wird zum neuen Statussymbol. Vor einiger Zeit hatte ich in Schloss Bellevue eine Schulklasse zu Gast, die mir begeistert erzählte, wie sie dazu beigetragen hat, den Stromverbrauch ihrer Schule um die Hälfte zu senken. Solche Projekte gibt es gottlob viele in Deutschland, nicht wenige von ihnen unterstützt durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt. Ein jedes zählt.

Ich bin zuversichtlich: Es sind diese vielen kleinen und großen Projekte in Kindergärten, an Schulen und Universitäten, in Kirchengemeinden, Umwelt- und Naturschutzgruppen, in Gewerkschaften oder in Unternehmen, die maßgeblich dazu beitragen werden, den gesellschaftlichen Wandel hin zu einer Kultur der Nachhaltigkeit voranzutreiben. Noch sind sie eine Minderheit. Doch schon manche Minderheit wurde zur Mehrheit und hat Geschichte gemacht.

Die Politik kann den Kulturwandel nicht verordnen, aber sie kann ihn unterstützen und befördern. Durch Bildung, die den Wert eines nachhaltigen Lebensstils vermittelt, durch mehr Information und Transparenz für verantwortungsbereite Verbraucher und nicht zuletzt durch eine größere Wertschätzung für Versorgungsarbeit und bürgerschaftliches Engagement. Wichtig scheint mir auch, nach besseren Kriterien zu suchen, mit denen wir messen und beschreiben können, was eine gute Gesellschaft ausmacht. Das Sozialprodukt allein ist dazu nicht geeignet, verengt es doch den Blick auf das Wachstum dessen, was sich kaufen lässt. Unsere Lebenswelt ist aber größer als die Welt der Waren, der Mensch ist mehr als nur Konsument oder Produzent. Haben wir das schon ausreichend im Blick?

Die Welt, wie wir sie kannten, geht zu Ende, heißt es. Vieles deutet darauf hin. Doch das ist kein Anlass zu Fatalismus und Resignation. Denn an der Gestaltung einer neuen, besseren Welt kann jede und jeder von uns mitwirken. Wir haben unsere Zukunft zu einem großen Teil selbst in der Hand. Nutzen wir diese Chance - in Verantwortung vor der Schöpfung und zum Wohle unserer Kinder und Enkel.