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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler bei der Wiedereröffnung des Schiller-Nationalmuseums am 250. Geburtstag Friedrich Schillers

Bundespräsident Horst Köhler am Rednerpult, daneben eine Büste von Friedrich Schiller Marbach am Neckar, 10. November 2009 Foto: Steffen Kugler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Steffen Kugler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

"Schillers Vermächtnis: Kulturelle Bildung"

"Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei - und wär' er in Ketten geboren".

Das ist eine der bekanntesten Sentenzen von Friedrich Schiller - und es ist sozusagen reinster Schiller: hier zeigt sich das ganze Pathos, zu dem seine Sprache fähig ist, und dieses Pathos zeigt sich am stärksten dann, wenn er die Freiheit feiert und für die Freiheit plädiert.
Uns kommt solch hohe Sprache heute manchmal übertrieben vor, wir würden so kaum mehr sprechen. Und doch gibt es Momente oder historische Augenblicke, in denen solche Sprache angemessen ist.

Gerade erst gestern haben wir an einen solchen historischen Augenblick erinnert - an den Tag, an dem vor zwanzig Jahren in Berlin die Mauer fiel. Am 9. November 1989 öffnete sich auch für die Menschen in der DDR der Weg in die Freiheit - und damit für alle Deutschen der Weg in die Einheit unseres Landes.

Aber dieser Weg in die Freiheit begann nicht erst am 9. November. Er begann letztlich überall da, wo sich die Menschen klarmachten, dass sie, ganz im Sinne Schillers, frei geschaffen sind. "Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei, und wär er in Ketten geboren". Wer diesen Satz nicht nur als Poesie, nicht nur als schönen Traum begreift, sondern als Aufforderung, ihn in seinem Leben und in seiner Gesellschaft wahr zu machen, der hat sich aufgemacht auf den Weg in die Freiheit. So ist es zwar ein Zufall, aber doch auch eine wunderbare Fügung, dass der Jahrestag des Mauerfalls so unmittelbar vor dem Geburtstag Friedrich Schillers liegt, des Dichters der Freiheit.

Die individuelle und die politische Freiheit ist in Schillers Werk ein zentrales Thema - und ebenso war es Schiller, der zu seiner Zeit von einem Weg der Deutschen zur Einheit träumte. Zu seiner Zeit, als Deutschlands politische Landkarte ein Flickenteppich war, ein sehr gewagter Traum. Aber in seinem Werk blieb er diesem Traum treu - und er konnte deshalb auch zu einer Leitfigur werden für alle, die dann im neunzehnten Jahrhundert für die Freiheit und Einheit Deutschlands kämpften. Dieser schwäbische Dichter wurde - gerade auch nach seinem Tod - so etwas wie der erste Pop-Star der deutschen Kultur, wobei die Verehrung, genauso wie bei Pop-Stars heute, durchaus auch Folgen für die Mode hatte, wie beim lange Zeit beliebten "Schillerkragen".

Schiller und Deutschland, Schiller und die deutsche Kultur - das war immer eine besondere Beziehung. Aber eine Beziehung hat nicht von allein Bestand, eine Beziehung will gepflegt werden.

Deswegen freue ich mich sehr darüber, dass heute hier in Marbach das Schiller-Nationalmuseum wiedereröffnet werden kann - schöner und informativer als je zuvor.
Ich freue mich darüber natürlich auch sozusagen als Landsmann aus Ludwigsburg, als einer, der schon in jungen Jahren mitbekommen hat, dass Schiller hier in dieser Region auf jeden Fall große Wertschätzung und Verehrung genießt. Dieser mit Dichtern gesegnete Landstrich ist in Deutschland schon etwas sehr besonderes: Mörike, Hauff, Uhland, Hölderlin, nicht zu vergessen auch der Philosoph Hegel, sie und andere zeigen: In dieser Region, hier in Baden und Württemberg kann man nicht nur alles - manche können auch Hochdeutsch! Sie haben der deutschen Sprache unvergängliche Werke geschenkt, aus denen wir noch immer klüger werden können, in denen wir noch immer Sätze finden, die uns bewegen, weil sie unser Leben mit seinen Höhen und Tiefen zur Sprache bringen.

Unvergänglich heißt aber nicht unbedingt: unvergessen! Die Schätze, die die Kultur vergangener Zeiten auch für die Gegenwart bereithält, sie müssen immer wieder blank geputzt, immer wieder ins Licht gestellt und immer wieder für eine neue Gegenwart erschlossen werden. Sonst werden sie vergessen, und sie verstauben, sind nur noch Archivmaterial oder Angelegenheit für Experten.

Die Dichter haben ihre Werke aber nicht für Literaturexperten geschrieben, sondern für Menschen, die neugierig sind auf das Leben und auf die Erfahrungen, die andere gemacht und künstlerisch gestaltet haben. Deshalb sind Einrichtungen, die die Erinnerung an die Kultur vergangener Tage lebendig halten und die eine Begegnung mit Schriftstellern oder auch anderen Künstlern immer neu ermöglichen können, so wichtig.

Das weiß man hier in Marbach schon seit langem. Sie können alle sehr stolz darauf sein, dass seit über hundert Jahren, zuerst mit dem Schiller-Nationalmuseum, dann mit dem Literaturarchiv und zuletzt mit dem Literaturmuseum der Moderne, Einrichtungen entstanden sind, die nicht nur der Forschung dienen, sondern der aktiven Begegnung mit Literatur und Literaturgeschichte.

Es ist ein herausragendes Beispiel für bürgerschaftliches Engagement, wie sich hier in Marbach immer wieder neu Menschen dafür einsetzen - und viel Geld dafür spenden! So bleibt der Geist, in dem der Stuttgarter Germanist Otto Güntter damals das erste Schiller-Museum einrichtete, bis heute lebendig und wirkmächtig. Was Sie hier tun und gestalten, und was Sie hier durch ihr Engagement ermöglichen, das ist nicht nur für Marbach wichtig und nicht nur für Baden-Württemberg - es ist wichtig für unser ganzes Land.

Unsere Kulturnation lebt ja in und aus den Regionen, sie lebt in den Städten, sie lebt in Orten wie Marbach. Die deutsche Einheit ist eine Einheit aus Verschiedenen - das gilt für die Kultur ganz besonders. Und das macht ihren Reichtum aus.

Apropos Reichtum: Mit Schätzen kann man zweierlei tun: entweder sie horten und verstecken, oder aber sie ausstellen und zugänglich machen, so dass möglichst viele etwas davon haben - und eben durch diese Schätze auch selber "bereichert" werden.

Sie hier, Vorstand und Mitglieder der Deutschen Schillergesellschaft, haben sich von Anfang an darum bemüht, die Schätze, die Sie nun wirklich in bedeutender Zahl haben, zugänglich zu machen. Das Literaturmuseum der Moderne und das Schiller-Nationalmuseum, auch Schillers Geburtshaus: das sind nicht nur schöne und gern besuchte Touristenattraktionen; das sind vielmehr elementare Einrichtungen der kulturellen Bildung.

Kulturelle Bildung: das meint vor allen Dingen, Menschen die Chance zur Teilhabe zu geben, zur Teilhabe an der Welt der Kultur, der Literatur, der Musik. Viele junge Menschen bekommen diese Chance in ihren Elternhäusern. Viele junge Menschen, leider immer mehr, bekommen diese Chance dort gerade nicht. Vor allem für sie müssen andere Einrichtungen und Initiativen da sein. Natürlich zuerst die Schule. Aber die allein ist damit überfordert, zumal gerade die musischen Fächer leider immer wieder Kürzungen und Streichungen erfahren.

Hier liegt die große Chance und die große Aufgabe außerschulischer Initiativen - und auch die Chance der Literaturmuseen und Literaturhäuser, von denen es glücklicherweise sehr viele in unserem Land gibt. Ich kann nur wünschen und bitten: Predigen Sie nicht nur zu den Bekehrten! Versuchen Sie, Programme und Modelle zu entwickeln, wie Sie auch sogenannte bildungsferne junge Menschen erreichen. Eröffnen Sie ihnen die Welt der Literatur und der Poesie, durch die wir in unserem Leben so viel gewinnen können. Locken Sie, begeistern Sie, fördern Sie, aber fordern Sie auch.

So wird manches Kind, mancher junge Mensch, der sonst vielleicht nie auf die Idee gekommen wäre, einen Weg finden zur Beschäftigung mit den kulturellen Schätzen. Und im besten Fall dabei auch seine eigene Kreativität entdecken, seine eigene Freude am Gestalten der Welt. Und so wird er dann vielleicht auch ein "Käpsele", also ein helles Köpfchen, von denen wir ja nicht genug Exemplare haben können, auch außerhalb Schwabens.

Wer in dieser Weise zur kulturellen Bildung beiträgt, erfüllt ein Vermächtnis Friedrich Schillers, für den die Freiheit noch mehr bedeutete als die politische Selbstbestimmung. Er sah die eigentliche und vornehmste Freiheit des Menschen darin, dass er sich von seinen Zwecken und Bedürfnissen frei machen kann, auch von einer zu engen Sorge um sich selbst. Zu dieser Freiheit gelangt man besonders durch Spiel, durch Kunst, durch Kreativität. Wer Menschen hilft, wenigstens von Zeit zu Zeit zu solcher Freiheit zu finden, der hat sich um viele Einzelne, aber auch um die Kulturnation als ganze verdient gemacht.

Herzlichen Dank.