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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler anlässlich der Eröffnung des Zentrums Neue Technologien im Deutschen Museum

Bundespräsident Horst Köhler am Rednerpult München, 19. November 2009 Foto: Steffen Kugler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Steffen Kugler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

"Ein 'heiliger' Ort für Neugier"

Willkommen in der Gegenwart unserer Zukunft! Das könnte über dem Eingang dieses Zentrums für Neue Technologien stehen, denn was wir hier sehen, hat heute schon begonnen, unser Leben zu verändern und wird dies - glaubt man den Experten - in der Zukunft noch viel stärker tun.

Schon heute profitieren Menschen von biotechnologisch hergestellten Arzneimitteln, schon heute helfen Nanostrukturen beispielsweise dabei, die Nutzung von Energie effizienter und Produkte intelligenter zu machen. All das soll nur der Anfang sein. Aber wie immer am Anfang stellen sich auch Fragen: Welche Chancen bieten die neue Technologien? Lohnt es sich, erhebliche öffentliche und private Mittel in ihre Entwicklung zu investieren? Und: Wie gehen wir damit um, dass neue Technologien uns nicht nur dienen, sondern auch mit Risiken verbunden sein können? Je weiter die Wissenschaft voranschreitet, desto öfter erfahren wir, dass Fortschritt auch an Grenzen führen kann - an Scheidewege, an denen wir uns fragen müssen: Dürfen wir in der Wissenschaft alles, was wir können? Frommt alles, was dem Fortschritt nutzt, tatsächlich auch dem Menschen? Denn er, der Mensch - das ihm Gemäße und ihm Dienende - muss doch am Ende das Maß aller Wissenschaft sein.

Chancen und Risiken, Kosten und Nutzen, Machbares und Sinnvolles: Über neue Technologien kann weise nur urteilen, wer sich kundig macht. Dazu lädt das Zentrum Neue Technologien ein. Anders als die Wunderkammern der Renaissance ermuntert diese Ausstellung nicht zum passiven Staunen, sondern zur kritischen Auseinandersetzung. Wissenschaft ist keine Zauberei, Forscher sind keine Hexenmeister: Das lässt sich im Gläsernen Labor des ZNT unmittelbar erfahren. Da arbeiten junge Wissenschaftler, die nicht nur ihre Forschungsarbeit voranbringen, sondern auch über ihr Tun Auskunft geben - das Gegenteil also vom vielbeschriebenen Elfenbeinturm.

Hier im ZNT sollen Wissenschaft und Öffentlichkeit künftig darüber sprechen, was wir von den neuen Technologien zu erwarten haben. Wir brauchen eine umfassende Debatte über die Chancen und die Risiken dieser Forschungen - nicht nur hier im ZNT, sondern gewissermaßen als "Megalog" in der ganzen Gesellschaft: in den Hochschulen ebenso wie in den Parlamenten, in Forschungslaboren ebenso wie auf Wissenschaftssommern, in den Fachzeitschriften ebenso wie in den Feuilletons. Wir wollen ja keine Zauberlehrlinge, die die Geister, die sie riefen, am Ende nicht mehr los werden. Wir sollten lernen, technikmündig zu werden, also weder verbohrt forschungsskeptisch noch blind dem Fortschritt verschrieben. Technikmündig heißt: aufmerksam zu bleiben, Fragen zu stellen und fundierte Urteile zu fällen; verantwortungsvoll zu forschen und zu entwickeln.

Überall auf der Welt lassen sich Forscher und Entwickler von dem Drang leiten, die Grenzen des Wissens zu verschieben. Das liegt in der Natur des Menschen. Angesichts der vielfältigen Herausforderungen, vor denen unsere Welt steht - ob Klimawandel, Energiesicherung oder die Bekämpfung von Hunger und Krankheit - ist es auch höchst wünschenswert, dass aus neuem Wissen neue, gute Lösungen entstehen. Wir wollen, dass möglichst viele dieser neuen, den Menschen dienenden Technologien aus Deutschland kommen: Weil wir uns davon ein besseres, gesünderes, sichereres Leben versprechen, und weil wir nur dann weltweite Standards für einen verantwortungsvollen Umgang mit neuen Technologien mitprägen können. Dazu gehört auch, darauf zu achten, dass alle teilhaben können: Neue Technologien dürfen nicht nur denjenigen nutzen, die sie in den Industrieländern entwickeln und vermarkten. In der vernetzten Welt des 21. Jahrhunderts, in unserer Einen Welt, darf es auf Dauer keinen "technological divide" geben und schon gar nicht Fortschritt für die Einen zu Lasten der Anderen.

Bewusst richtet sich das Zentrum Neue Technologien gerade auch an die junge Generation, die besonders offen ist für neue Technologien. Nicht zwangsläufig aber führt der Spaß am immer schnelleren Computer, die Begeisterung über das immer intelligentere Handy, die Freude über neue umweltfreundliche Produkte dazu, dass junge Menschen das Neue auch verstehen, geschweige denn selber entwickeln können und wollen. Gerade erst hat uns der DIW-Innovationsindikator der Deutschen Telekom Stiftung und des BDI wieder einmal bescheinigt: Das Bildungssystem bleibt ein Schwachpunkt der deutschen Innovationsfähigkeit. Immer noch sind wir allenfalls durchschnittlich darin, jungen Menschen Bildungsbegeisterung zu vermitteln. Ich habe deswegen auch Verständnis für die Proteste der Studierenden, solange sie nicht auf Krawall aus sind, sondern konstruktiv Missstände aufzeigen. Mit Mittelmaß werden wir das ehrgeizige Ziel nicht erreichen, das wir uns gemeinsam mit unseren Partnern in der EU gesteckt haben und an dem wir festhalten sollten: zur weltweit innovativsten, wettbewerbsfähigsten Region zu werden. Als eine der größten Wirtschafts- und Forschungsnationen in Europa sollten wir besonders kräftig dazu beitragen, dieses Ziel zu erreichen. Und dazu müssen wir uns mehr anstrengen. Gerade im naturwissenschaftlich-technischen Bereich steuern wir auf ein massives Nachwuchsproblem zu. Immer noch entscheiden sich zu wenige junge Menschen für diese zukunftsträchtigen Bereiche. Und diejenigen, die sich dafür entschieden haben - die jungen Leute in unseren Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Entwicklungsabteilungen - vernehmen immer lauter Lockrufe aus anderen Teilen der Welt, wo viel Geld und viel Freiheit schier unbegrenzte Forschungsmöglichkeiten versprechen.

Wir müssen mehr tun für den Nachwuchs. Und damit können wir gar nicht früh genug anfangen. Ich freue mich über die vielen Initiativen, die schon kleinen Kindern die faszinierende Welt von Natur und Technik eröffnen. Im "Kinderreich" hier im Deutschen Museum geht´s hoch her, wenn Jungen und Mädchen das Geheimnis des Schalls lüften oder beim Spiel mit dem eigenen Schatten optische Gesetze begreifen. Die Neugier weiter zu schulen, das jugendliche Interesse an den Phänomenen der Natur wach zu halten - das ist vor allem Aufgabe des naturwissenschaftlichen Schulunterrichts. Leider sieht der Schulalltag oft anders aus: Immer wieder höre ich von trockenen Physikstunden und theorielastigen Chemiekursen. Da heißt es bei den Schülerinnen und Schülern schnell: NaWi nein danke! Aber ich höre auch von Investitionen in Schullabore und Computerräume, von neuen Wegen in der Ausbildung von Lehrern, wie hier an der Münchener Technischen Universität mit der "School of Education", und von spannenden Angeboten für die Lehrerfortbildung hier im Deutschen Museum. Überhaupt sollten wir den Lehrern mehr Aufmerksamkeit schenken. Haben wir genügend davon mit der richtigen Ausbildung und ausreichenden pädagogischen Fähigkeiten? Und vor allem: Bekommen die Lehrer für ihre wichtige Arbeit auch genug Anerkennung - in der Politik und in der Gesellschaft? Unter ihnen gibt es nämlich häufig wirkliche "Helden des Alltags".

Wir brauchen gerade in den Naturwissenschaften einen inspirierenden Unterricht in der Schule, mehr Raum für forschendes Lernen, und wir brauchen außerschulische Orte für "Erweckungserlebnisse": Das Deutsche Museum ist so ein "heiliger" Ort. Nicht umsonst berichten Nobelpreisträger davon, dass es ein Besuch im Deutschen Museum war, der in jungen Jahren ihre Leidenschaft für Natur und Technik entfachte. Es wäre schön, wenn aus dem Besucher-Labor, das hier als UFO hinter uns schwebt, künftig - nein: keine grünen Männchen - wohl aber junge Menschen mit dem Entschluss kämen, Naturwissenschaften zu studieren. Und noch schöner wäre es, wenn sie dieses Studium tatsächlich zu Ende brächten, denn immer noch sind gerade im sogenannten MINT-Bereich die Abbrecher-Quoten viel zu hoch. Die Antwort darauf muss lauten: bessere Beratung vor dem Studium und bessere Begleitung im Studium. Und da sind nicht nur Professoren und Dozenten gefragt, sondern auch Wissenschaftseinrichtungen und forschende Unternehmen, die mit Praktikaplätzen und Stipendien den angehenden Natur- und Technikwissenschaftlern das zweifellos fordernde Studium erleichtern können.

Am Ende all dieser Bemühungen um bessere naturwissenschaftliche Bildung stehen hoffentlich mehr junge Männer und vor allem mehr junge Frauen, die Berufe in den Naturwissenschaften und Technik ergreifen und die es mit Begabung, Fleiß und Glück eines Tages vielleicht sogar nach nebenan schaffen: in die "Hall of Fame" des Deutschen Zukunftspreises, die Ausstellung zum Preis des Bundespräsidenten für Technik und Innovation. Ganz sicher aber stehen am Ende solcher Bemühungen aufgeklärte Menschen, die sich besser zurechtfinden in unserer mehr und mehr von Technik durchdrungenen Welt. Das ZNT will dazu einen Beitrag leisten - diesem neuen Zukunftsort im Deutschen Museum wünsche ich eine gute Zukunft!