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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler bei der Matinee "Klangwelten" mit kammermusikalischen Formationen der vier Klangkörper der Rundfunk-Orchester und -Chöre GmbH (ROC) Berlin

Bundespräsident Horst Köhler am Rednerpult Berlin, 6. Dezember 2009 Foto: Liesa Johannssen, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, BPA © Foto: Liesa Johannssen, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, BPA

"Musik - eine Grundlage der Verständigung"

Herzlich willkommen in Schloss Bellevue. Meine Frau und ich, wir freuen uns sehr, dass Sie der Einladung zu dieser Matinee gefolgt sind.

Es wird eine besondere Matinee sein, schon deshalb, weil sie gleich vier kleine Konzerte bringt, aufgeführt von Musikern aus vier Berliner Ensembles: aus dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin, dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, dem Rundfunkchor Berlin und dem RIAS Kammerchor. Sie musizieren getrennt und doch unter demselben Dach, heute unter dem Dach von Schloss Bellevue, immer unter dem Dach der ROC, der "Rundfunk-Orchester und -Chöre GmbH Berlin" - jedenfalls bis auf Weiteres.

Die ROC gibt es seit nun 15 Jahren, und auch die Erinnerung daran verleiht der heutigen Matinee etwas Besonderes. Wir Deutsche haben in den vergangenen Wochen viel an die Zeit vor zwanzig Jahren zurückgedacht, an die glücklichen Tage des Mauerfalls. Auf diese Freude folgte aber auch manche Ernüchterung, denn schnell wurde klar: Das SED-Regime war nicht allein politisch und moralisch bankrott, sondern auch wirtschaftlich. Bei vielen Betrieben blieb nur noch die sozialverträgliche Schließung. "Abwicklung", das war damals häufig das bittere Wort der Stunde.

Auch in der Kulturlandschaft waren Veränderungen unausweichlich. Dort gelang besonders viel Gutes, viel Substanz wurde vor dem Verfall gerettet, wurde erneuert und verbessert. Es wurde aber auch manche Spielstätte und manches Ensemble geschlossen, weil die Ressourcen, die künstlerischen und die materiellen, auf Konzentration angewiesen waren. Umso wertvoller ist, was 1994 in Berlin gelang:

Je ein traditionsreiches und renommiertes, aber heimatlos gewordenes Rundfunkorchester und je ein Rundfunkchor aus dem Ostteil und dem Westteil Berlins bekamen durch die Zusammenfassung unter einem Dach die nötigen guten Bedingungen und Chancen, um weiter zu gedeihen und um sich mit Spitzenleistungen die Gunst des Publikums zu sichern.

In den Geschichten der in der ROC zusammengebrachten Ensembles spiegeln sich die deutschen Zeitläufe mit all ihren Höhen und Tiefen. Da war die erste musikalische Funkstunde in Berlin mitten in Zeiten der Hyperinflation, da war das erste Konzert nach dem Schweigen der Waffen, gerade einmal 10 Tage nach der Kapitulation, da war der Kampf um den Äther in der Nachkriegszeit, die erste stereophone Sendung im deutschen Rundfunk, und - last but not least - das, was den Urauftrag dieser Rundfunk-Ensembles ausmacht: die ungezählten Stunden Musik für ungezählte Klassikfreunde am Radio. Wunderbare Musik! Jedes der Ensembles hat dazu beigetragen. Und wir erleben heute eine Kostprobe davon.

Die ROC bietet ihren Mitgliedern einen verlässlichen Rahmen und große Freiheit. Sie haben bisher diesen Freiraum im künstlerischen Wettstreit erfolgreich genutzt - das zeigen die vielen internationalen Musikpreise und Auszeichnungen und die vielen hochkarätigen Plattenverträge der vergangenen Jahre.

Die ROC ermutigt zugleich zur Kooperation und zur Gemeinsamkeit. Ich habe mir erzählen lassen von der Reihe "Klangkulturen", die kulturelle Vielfalt nicht einfach nur beschwört, sondern sie mit allen Verständigungsschwierigkeiten und bereichernden Begegnungen auch wirklich lebt.

Auch die aktive Jugendarbeit, die alle Ensembles betreiben, kann man gar nicht hoch genug schätzen. Mit anderen zu musizieren oder zu singen, das stärkt das Gemeinschaftsgefühl, das Selbstbewusstsein und die Phantasie. Kurt Masur hat mir einmal erzählt: Kinder und Jugendliche brauchen viel mehr Gelegenheiten, miteinander zu singen. Die ROC bietet sie.

Und schließlich erfüllen die Klangkörper eine wichtige kulturelle Aufgabe, indem sie die Entwicklung der zeitgenössischen Musik aufnehmen und voranbringen - ich freue mich sehr, dass wir zu diesem Thema nachher Jörg Widmann hören werden, einen höchst erfolgreichen Komponisten der jüngeren Generation.

Musik und musische Bildung sind ja kein Beiwerk, sondern eine wesentliche Grundlage der Verständigung in unserer Gesellschaft. Oder wie es der einstige Intendant des DeutschlandRadio, Ernst Elitz, formuliert hat: "Kultur ist kein Luxus, sondern das Fundament einer Kulturnation".

Ermöglicht haben alles das die vier Gesellschafter der ROC: das DeutschlandRadio, die Bundesrepublik Deutschland, das Land Berlin und der Rundfunk Berlin-Brandenburg. An dieser Stelle: Herzlichen Dank für dieses Engagement! Und Dank auch an diejenigen, die diese Kultur-Holding mit Leben erfüllen - Sie, lieber Herr Rehrl, haben gewiss manchen Balanceakt ausgeführt - und vielleicht noch manchen vor sich!

Das soll übrigens keine Anspielung sein, meine Damen und Herren, auf die jüngste Debatte um die ROC, die ich in der Zeitung lese. Sie haben vermutlich davon gehört: Gesellschafter der ROC erwägen eine Fusion der beiden darin vereinten Orchester. Das werde die Qualität stärken, ist zu lesen, und es werde keinen Musiker die Stelle kosten, ist zu lesen. Die Befürworter der Konzentration wünschen sich eine breite öffentliche Diskussion und sind zuversichtlich, überzeugende künstlerische und wirtschaftliche Gründe für die Neuordnung zu haben.

Ich glaube: Alle, denen die ROC und ihre Mitglieder am Herzen liegen, alle, denen die Kultur wirklich am Herzen liegt, sollten sich an einer solchen Diskussion beteiligen. Und natürlich wünschen wir uns alle am Ende eine Lösung, die alle Beteiligten akzeptieren und auch innerlich bejahen können. So ist diese Matinee in Schloss Bellevue auch deshalb besonders, weil sie in eine für die Ensembles so wichtige Zeit der Selbstvergewisserung und Orientierung fällt. Meine Damen und Herren, der Satz war schon geschrieben, bevor ich die Zeitung las. Ich finde, der passt immer noch.

Umso wertvoller ist mir dieses Konzert heute, und außerdem: So einfach war es ja nicht, die vielbeschäftigten Chefdirigenten und Orchester¬direktoren und Chorleiter an einem gemeinsamen Termin zu versammeln.

Umso mehr danke ich den Mitgliedern des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin und Marek Janowski, dem Deutschen Symphonie-Orchester und Ingo Metzmacher, dem Rundfunkchor Berlin und Simon Halsey und dem Rias-Kammerchor und Hans-Christoph Rademann.

Zu guter letzt: Ich verstehe diese Matinee auch als Gelegenheit für Sie, liebe Gäste, miteinander ins Gespräch zu kommen. Viele von Ihnen engagieren sich - in unterschiedlicher Weise und an den verschiedensten Orten - für das kulturelle Leben in dieser Stadt und in ganz Deutschland. Und ich würde mich freuen, wenn Sie die Chance nutzten, sich auch heute auszutauschen und zu schauen, welchen Betrag Sie weiterhin zum kulturellen Leben in unserem Land leisten können. Wir brauchen gemeinsame Anstrengungen für unsere Kulturnation.

Was meine Frau und mich anbelangt: Wir können bei Gelegenheiten wie dieser nicht mit allen unseren vielen Gäste ins Gespräch kommen, das werden Sie verstehen - aber versuchen werden wir es allemal! Freuen wir uns nun auf gute Musik und auf ein interessantes Miteinander an diesem zweiten Sonntag im Advent, am Nikolaustag.