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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler beim Festakt zur 1000-Jahr-Feier der St. Michaelis-Kirche

Der Bundespräsident spricht an einem Rednerpult. Im Hintergrund sind Musiker, ein Blumengebinde und ein christliches Kreuz zu sehen. Hildesheim, 15. Januar 2010 Foto: Steffen Kugler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung © Foto: Steffen Kugler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

"Die Wurzeln unserer Herkunft"

Meine Frau und ich haben uns gefreut auf diesen Besuch in Hildesheim. Und jetzt muss ich Ihnen sagen, nach dem Besuch dieses Gottesdienstes: Es war noch schöner als erwartet. So gute Worte zu hören, wie eben, das gibt Kraft und Zuversicht.

Geschichte kann man ausrollen. Das habe ich auf dem Weg hierher gelernt - entlang der Stoffbahn, die zwischen dem katholischen Mariendom und der evangelischen Michaeliskirche ausgerollt ist. Die 1000 Schülerinnen und Schüler des Josephinums haben sich mit "1000 Jahren St. Michaelis" befasst, und dabei buchstäblich eine "Geschichte zum Anfassen" geschaffen. Sie zeigen, was tausend Jahre St. Michaelis bedeuten.

Eine Kirche wie St. Michaelis sagt zunächst etwas über das Gottvertrauen und über die Zuversicht ihrer Stifter, die etwas begannen, dessen Vollendung sie meist selber nicht erleben konnten. Und sie spricht über das Können und den Erfindungsreichtum ihrer Erbauer. Eine Kirche, die 1000 Jahre alt geworden ist, sagt schließlich auch etwas über die langen Wurzeln unserer eigenen Herkunft, unserer eigenen Kultur.

Und zu unserer Kultur gehört wesentlich der christliche Glaube. Die Kirchen und die Dome unseres Landes erinnern uns daran, dass dieser Glaube nicht unsere eigene Erfindung ist. Er ist uns überliefert worden, er ist uns geschenkt worden von den vielen Generationen, die an diesen Kirchen gebaut haben - und viel wichtiger noch: die in diesen Kirchen gebetet haben, die in ihnen Trost und Hoffnung gefunden haben in den Bedrängnissen des Lebens. Mit ihrem Stoffband drücken die Josephiner auch die Verbundenheit mit all diesen Vorfahren des Glaubens aus. Jede Generation muss sich auf ihre Weise mit dem Erbe auseinandersetzen. Die engagierten jungen Menschen sorgen dafür, dass dieses Band des Glaubens auch in die Zukunft geknüpft wird. Sie brauchen die Ermutigung und das Beispiel von uns älteren, auch da, wo sie neue Wege gehen.

Der Weg in die Zukunft des Glaubens wird - da bin ich mir sicher - im Zeichen der Ökumene stehen müssen. Nur gemeinsam können die Christen ihren Glauben leben und weitergeben. Der kommende zweite ökumenische Kirchentag in München wird hierfür eine wichtige Etappe sein. Hildesheim hat gute ökumenische Zeichen gesetzt, in der Vergangenheit und auch in der Gegenwart, und ich bin dankbar dafür.

Nachdem in der Reformation St. Michaelis zur evangelischen Pfarrkirche geworden war, durften die katholischen Benediktinermönche ihr Kloster nebenan behalten und weiterhin die Krypta der Kirche nutzen. St. Michaelis hat sich damit früh dem Miteinander geöffnet, hat das Band des Glaubens nicht gänzlich zerreißen lassen. Daran konnte man in unseren Tagen anknüpfen. Ganz lebendig kam dieser ökumenische Geist zum Ausdruck, als Sie, Herr Bischof Trelle, das 1000 Jahre alte Bernwardkreuz 2006 durch den neu errichteten Durchgang zum Landessuperintendenten, Herrn Gorka, getragen haben. Auch dass die Bernwardsäule während der Renovierung des Domes leihweise hier in St. Michaelis steht, gehört zu den ökumenischen Zeichen der Verbundenheit. Diese Verbundenheit muss aber vor allem in den Köpfen und Herzen der Menschen lebendig sein.

Lebendig wird uns auch die 1000-jährige Geschichte vor Augen geführt durch die bemalte Stoffbahn der Schülerinnen und Schüler des Josephinums. Das ist ein wirklicher "Geistesblitz" - und hat ganz zu Recht einen Preis des gleichnamigen Wettbewerbs bekommen. Und wer immer den Geistesblitz gehabt hat, ihm möchte ich gratulieren und allen, die da mitgewirkt haben. Wer sagt denn, dass sich junge Menschen nicht für Geschichte interessieren? Wer sagt denn, dass man mit Geschichte keinen jungen Menschen hinter dem Ofen hervorlocken könne? Hier in Hildesheim sieht man gerade das genaue Gegenteil. Es kommt eben nur darauf an, wie man Kinder und Jugendliche für etwas interessiert, wie man ihre Begeisterung weckt und damit auch ihre Kreativität herausfordert. Dann entstehen wie von selbst "Geistesblitze". Und mehr noch - denn ein einmaliger Geistesblitz allein tut es ja meistens noch nicht - sie beginnen mit Ausdauer und Einsatzbereitschaft, mit Phantasie und Witz eine Idee in die Tat umzusetzen. Sie scheuen auch Anstrengung und Einsatzbereitschaft nicht, wenn sie überzeugt und begeistert sind.

Die Beschäftigung mit Geschichte ist nicht nur notwendig, weil jede Zukunft Herkunft braucht, die Beschäftigung mit Geschichte ist auch ermutigend: Sie zeigt uns, was Menschen alles erreichen und schaffen können, wie sie die Welt gestalten und menschlicher machen können. Das gibt Kraft und Zuversicht.

Die Beschäftigung mit der Geschichte macht aber auch demütig. Sie zeigt ja auch, wie Menschen irren, wie verführbar Menschen sind, wie verbrecherisch, ja barbarisch sie gegeneinander sein können.

Die St. Michaelis-Kirche hat alle diese Seiten der Geschichte gesehen. Sie steht für die schöpferische Kraft der Menschen, für ihren Sinn für Schönheit und Maß, für den langen Atem, den es braucht, um große Vorhaben in Angriff zu nehmen und zu vollenden.

St. Michaelis steht aber auch für die dunklen Seiten der Geschichte, für Irrtum, Streit, Krieg, Mord. Zum Beispiel hat man sie nach der Säkularisation zum Heu- und Strohlager gemacht und später für eine benachbarte Heil- und Pflegeanstalt genutzt. In der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft fielen 1941 mehr als 400 Patienten dem Euthanasieprogramm zum Opfer. Das Kirchengebäude wurde von der SS als Ausbildungsstätte missbraucht. Dieser Teil der Geschichte von St. Michaelis bleibt uns Mahnung. Wie leicht ist der Weg ins Unrecht, ja, in die Barbarei. Wir brauchen Achtsamkeit.

Und die St. Michaelis-Kirche steht schließlich auch für das Wunder der Versöhnung. Versöhnung ist immer ein Geschenk, das man sich nicht selber machen kann. Wie sinnfällig und deutlich wird das beim Wiederaufbau von St. Michaelis nach dem Kriege. Der rasche Wiederaufbau verdankt sich - Sie wissen das alle - zum großen Teil einer ausgestreckten Hand zur Versöhnung: Bernard R. Armour, ein amerikanischer Jude, trug mit seiner Spende einen großen Teil der Kosten damals. Wir schließen ihn in dankbarer Erinnerung in unsere heutige Feier ein.

Die gemeinsame Wahl von St. Michaelis und Mariendom zum Weltkulturerbe vor 25 Jahren würdigt die Bedeutung dieses Ensembles. Es macht nicht nur die Hildesheimer stolz darauf, dass beide Kirchen damit zum Kreis der großen kulturellen Schöpfungen der Welt gehören. Es ist, finde ich, ein schöner Geistesblitz gewesen, als jemand auf die Idee kam, im kommenden Jahr ein Fest zu veranstalten, zu dem Botschafter von Michaeliskirchen aller Konfessionen aus ganz Europa kommen.

Unsere alten Kirchen und Dome stehen ja immer für beides: für die gemeinsame europäische Kultur - und für die Heimat. Das unverwechselbare Bild, das sie einer Stadt geben, ja das sie zu Wahrzeichen der Städte machen, das lässt in uns bei ihrem Anblick immer neu ein Gefühl für Heimat und Zugehörigkeit entstehen. Und das brauchen wir, gerade wenn wir auch weltoffen sind; wir brauchen ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, für Heimat und Nachbarschaft. Darum sind ihr Erhalt und ihre Renovierung für uns auch Herzenssache. Ich finde es deshalb besonders gut, dass die Restaurierung der Michaeliskirche Hand in Hand geht mit der Arbeit am Mariendom. Beide Kirchen werden in wenigen Jahren von Grund auf renoviert sein und in neuem Licht glänzen als gemeinsames Weltkulturerbe; als prägende Bauwerke Niedersachsens. Ich begrüße diese gleichzeitige Arbeit an beiden Kirchen auch als eine Bekräftigung der ökumenischen Aufgaben.

Der Michaeliskirche, dem Mariendom und der Stadt Hildesheim mit ihren Bürgerinnen und Bürgern wünsche ich alles Gute und Gottes Segen.

Erlauben Sie mir zum Schluss noch eine persönliche Bemerkung, außerhalb des Programms, aber nicht am Rande: Frau Bischöfin Käßmann, Sie haben viel Kritik eingesteckt für Ihre Neujahrspredigt in der Dresdner Frauenkirche. Ich mache mir alle Ihre Worte ausdrücklich nicht zu Eigen. Aber ich will genauso ausdrücklich sagen: Deutschland kann das, was Sie gesagt haben, nicht nur verkraften. Unser Land braucht solche Beiträge sogar. Sie dienen einer überfälligen öffentlichen Debatte. Es ist eine schwierige Debatte. Wir müssen uns ihr offen stellen. Diesem Ziel haben Sie einen großen Dienst erwiesen.

Vielen Dank.